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Barbara, 1987 in Paris.

Barbara

Es ist durchaus herrlich in Göttingen

Vor 20 Jahren starb die französische Sängerin Barbara ? ihre "Unvollendeten Memoiren" liegen erstmals auf Deutsch vor.

Von Jörg Aufenanger

Bisweilen ist die Entstehungsgeschichte eines Lieds abenteuerlich und von lauter Zufällen geprägt. So auch die des Chansons „À Göttingen“ der Französin Barbara. Davon erzählt sie selbst in ihrer Autobiographie „Es war einmal ein schwarzes Piano...“, den „Unvollendeten Memoiren“, die anlässlich ihres zwanzigsten Todestags nun auch auf Deutsch vorliegt.

Barbara, die eigentlich Monique Serf hieß, trat in den 1960er Jahren allabendlich in dem winzigen Pariser Cabaret „L’Écluse“ auf. Dorthin verirrte sich der Leiter des Jungen Theaters Göttingen Günther Klein und war hingerissen von ihren Liedern. Nach dem Konzert fragte er sie, ob sie zu einem Gastspiel nach Göttingen kommen würde. Barbara lehnte vehement ab. In Deutschland würde sie nicht singen. In diesen Jahren waren die Deutschen vielen Franzosen noch verhasst nach den Erfahrungen mit der Besatzung während des Kriegs. Von ihren eigenen Erlebnissen mit ihnen berichtet Barbara indes sehr zurückhaltend in ihren 1997, dem Jahr ihres Todes, verfassten Memoiren.

Ihre Kindheit und Jugend waren eine Vagabondage. 1930 in Paris in eine elsässisch-ukrainisch-jüdische Familie geboren, zog sie von einem Ort zum anderen auf einer erzwungenen Tour de France: Marseille, Poitiers, Blois, Chateauroux, Tarbes und nach dem Einmarsch der Deutschen in die sogenannte freie Zone, wo Juden die Deportation weniger fürchten mussten. Dennoch, die Familie wird denunziert, übersteht eine Razzia, lebt von nun an im Verborgenen. Und doch schreibt Barbara: „Die Fluchtwellen, das Hin- und Herziehen von 1939 bis 1945 haben mein Leben nicht mit Leid erfüllt. Wir haben nie den Judenstern tragen müssen, keiner von uns wurde deportiert.“ Aber sie sieht mit eigenen Augen, wie ein junger Widerstandskämpfer auf der Straße gefoltert und erschossen wird. Über die Libération schreibt sie: „Ich würde nun jüdisch sein können, ohne Angst zu haben, ganz ungehindert.“

Das ist der Hintergrund für Barbaras kategorische Absage, in Deutschland zu singen. Aber Günther Klein gibt nicht auf, er besucht weitere Auftritte von ihr und schließlich sagt Barbara zu, nach Göttingen zu kommen. Einzige Bedingung: Ein schwarzer Flügel.

Am 4. Juli 1964 kommt sie im Jungen Theater an. Doch auf der Bühne steht ein braunes Klavier. Sie weigert sich, zu singen. Was nun? Klein sucht einen Flügel, eine alte Dame ist bereit, ihren zu leihen. Zehn junge Männer tragen ihn auf die Bühne. Das Konzert beginnt mit zwei Stunden Verspätung. Ein Triumph.

Sie akzeptiert, noch an weiteren Tagen in Göttingen aufzutreten und entwirft ein Lied, „À Göttingen“, das sie am letzten Abend in einer Rohfassung vorträgt. „Dieses Chanson verdanke ich der dickköpfigen Beharrlichkeit Günther Kleins, einer mitfühlenden Dame und zehn blonden Studenten.“ Darin heißt es: „Klar, es ist nicht die Seine,/ es ist nicht der Bois de Vincennes/ und doch ist es durchaus herrlich/ in Göttingen, in Göttingen... und die Märchen unsrer Kindheit/ Es war einmal / sie beginnen in Göttingen, in Göttingen“. Ein großes Chanson ist geboren.

Nach dem Krieg war Barbaras zerrissenes Leben weitergegangen. Der Vater hatte die Familie verlassen, mit neunzehn riss sie aus. Nach Brüssel. Noch singt sie nicht, obwohl sie in Paris Gesangsunterricht genommen hatte. In einer Varietékaschemme spült sie Gläser, verkehrt in zwielichtigen Bars am Rand der Prostitution. Schon als Kind wollte sie nur eins: Singen.

Eines Tages ist es soweit. Endlich. Sie steht auf einer Brüsseler Bühne und singt. Doch bleiben kann sie nicht, sie muss weiterziehen, zurück nach Paris, wo sie zehn Jahre lang im „L’Écluse“ auftreten wird. Der Weg zum großen Erfolg ist indes zäh. Erst 1964, im Jahr von „Göttingen“ und nachdem sie in der „L’Écluse“ gekündigt hat, kann der Durchbruch erfolgen. Schallplatte auf Schallplatte erscheint und sie begeistert nun auf den großen Bühnen von Paris, im Bobino und im Olympia. Sie ist une vedette, ein Star des französischen Chansons.

Barbara textet und komponiert ihre Lieder nun fast alle selbst, ihre Art zu singen und sich am Klavier zu begleiten ist unverwechselbar. Schon nach wenigen Takten eines Chansons weiß man, das kann nur Barbara sein. Das ist Lyrik pur, herzergreifend, tiefgründig existentiell sowohl in den Versen als auch in der Musik, in ihrer so eigenen Stimme, ob in den Chansons „Nantes“ über den Tod des verlorenen Vaters, über Lust und Verlust der Liebe in „Mes hommes“ und in „Quand reviendras-tu?“ oder über den Schmerz und die Freude am Leben in „Le mal de vivre“.

Etwa hundert Lieder hat sie geschrieben und komponiert. Alle erzählen auf die ein oder andere Weise von ihr selbst, von ihrem Unglück und ihrem Glück. Eine Schatzkammer des französischen Chansons. Von 1995 an betritt sie die Bühne nicht mehr, eine Krankheit hindert sie daran, sie zieht sich in ihr Haus in Précy an der Marne zurück. 1997 beginnt sie ihre Memoiren „Es war einmal ein schwarzes Klavier...“ zu schreiben, sie bleiben unvollendet. Der Tod überrascht sie am 24. November des Jahres.

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