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Immer wieder Krakau, wo der polnische Autor, 1945 in Lemberg geboren, lebt.
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Immer wieder Krakau, wo der polnische Autor, 1945 in Lemberg geboren, lebt.

Adam Zagajewski Essays

Durch die Welt bummeln und den Atem anhalten

„Die kleine Ewigkeit der Kunst“: Der polnische Autor Adam Zagajewski legt neue Essays vor. Ein weiterer Baustein für den autobiografischen Bildungsroman seines Gesamtwerks.

Von Artur Becker

Wir, die wir schon seit mehr als dreißig Jahren seine Gedichte auf Deutsch lesen und bewundern, haben auf diesen Essayband von Adam Zagajewski schon lange gewartet: Die kleine Ewigkeit der Kunst: Tagebuch ohne Datum (im Original: Eine Leichte Übertreibung) ist in Polen bereits 2011 im Krakauer a5-Verlag erschienen (notabene bei seinem Freund, dem Verleger und dem unter den Kennern der Materie bekannten Lyriker Ryszard Krynicki). Bernhard Hartmann und Renate Schmidgall haben erfreulicherweise eine leicht bekömmliche Übersetzung ins Deutsche vorgelegt.

Der polnische Autor, 1945 in Lemberg geboren, erzählt in kurzen Kapiteln und Anekdoten von seinem Alltag als Dichter und intellektueller Weltenbummler, nach Manier eines osteuropäischen Essayisten, für den Diskretion oberstes Gebot ist – trotz seiner Neigung zu scharfsinnigen Beobachtungen und Bonmots.

Zagajewski hat schon etliche Prosa- und Essaybände geschrieben, die er in seiner langen literarischen Karriere publiziert hat. Einst auch als junger Dissident gegen das kommunistische Regime Polens, wo er in jener schwierigen Epoche lange mit einem absurden Druckverbot leben musste.

Im Prinzip liest sich sein Werk wie eine Art autobiografischer Bildungsroman, wie ein intellektueller Reise- und Aufenthaltsbericht – Stationen wie Berlin und Paris, Houston, Chicago oder Krakau, wo Zagajewski heute als alter Emigrant lebt, tauchen immer wieder als Lebens- und Schaffensmittelpunkte auf. Zusätzlich werden in dieses feinmaschige essayistische Erzählnetz Erinnerungen an vergangene Kurzreisen und Begegnungen mit Freunden und Dichterkollegen innerhalb Europas und Amerikas eingewoben, Gespräche mit den Großen des 20. Jahrhunderts: Emil Cioran, Susan Sontag, Joseph Brodsky, Zbigniew Herbert oder Czeslaw Milosz.

Aber das ist noch nicht alles: Mit geradezu epischer Hartnäckigkeit kehrt der Autor in vielen Kapiteln, fast schon obsessiv, zu der Biografie seiner Familie zurück und erzählt von seinem Vater Tadeusz und von der Krankheit des greisen Mannes, der sich an nichts mehr erinnern konnte.

Gliwice, Zagajewskis oberschlesische Kindheits- und Jugendstadt, die Zeit des Stalinismus und vor allen Dingen die Nachkriegswehen seiner aus Lemberg vertriebenen Familie, bekommen so ihr eigenes unverwechselbares Gesicht, und es entsteht ein faszinierendes Panorama des an Tragödien reichen 20. Jahrhunderts – am Beispiel des Vaters.

Diese intimen und autobiografischen Berichte und Reflexionen über Menschenschicksale aus erster Hand kollidieren erstaunlicherweise nicht mit den Passagen, in denen wir Zagajewski begegnen, wie wir ihn aus seinen Gedichten kennen: als einen fleißigen und kritischen Besucher der Kunstmuseen und Konzerthallen, als einen Kenner und Liebhaber der Gemälde von Caravaggio und der Symphonien von Gustav Mahler, als jemanden, der bei Henri Bergson, Simone Weil und Emil Cioran nach ontologischer Transzendenz und kulturgeschichtlichem Verständnis für die Tragödien der vergangenen Epochen sucht – stets in der Hoffnung, dass sich die Gegenwart dann eindringlicher und großzügiger erschließen wird.

Zagajewski scheint erstaunt zu sein, dass ihm diese Sprünge auf der privaten Karte und im ätherisch anmutenden Raum der Kunst, Dichtung und Philosophie gelingen, und dabei kommt nicht einmal der unterhaltsame Part dieses episch-essayistischen Unternehmens zu kurz.

Der Leser grinst, wenn Zagajewski von seiner Zeit im Pariser Exil erzählt (in dem er im Übrigen endlich mit seiner geliebten M. zusammenleben konnte): Einmal im Jahr musste er seine Aufenthaltserlaubnis für Frankreich erneuern und beweisen, dass er wirklich ein Schriftsteller sei. Dafür stellte er den ehrwürdigen Beamten seine Bücher zur Verfügung – oft Jahr für Jahr die gleichen Titel. Und der Autor war erleichtert, wenn ihm jedes Mal quasi die kürzeste Rezension ausgestellt worden ist: nämlich die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis und damit die Bestätigung, dass er ein Dichter sei – wieder für ein Jahr.

Aber Zagajewski wäre nicht Zagajewski, wenn er sich nicht in die tiefsten, dunkelsten und geheimnisvollsten Schichten unserer menschlichen Existenz begeben würde, wo es, wie der polnische Originaltitel seiner Essays insinuiert, ohne eine leichte Übertreibung nicht weiter gehe.

Es sind die schönsten Stellen des Buches, wo er auf seinen zahlreichen Reisen den Atem anhält und in poetischen Bonmots und Meditationen zu uns spricht, wie wir solche ein wenig überspitzten Sätze eigentlich nur aus den Cahiers von Simone Weil oder Emil Cioran kennen: „Die Musik erinnert uns daran, was Liebe ist. Wenn jemand vergessen haben sollte, was Liebe ist, dann soll er Musik hören.“

Oder nach einem Spaziergang in Krakau: „Ich ging durch die Planty: Ein kleines Mädchen überholte mich mit dem Roller, und im selben Augenblick begriff ich das Wesen der Bewegung. Aber ich konnte es nicht erklären.“ Oder etwas über die Kunst und die Eschatologie: „Im Berliner Pergamonmuseum: der Apollo aus Bronze, im Meer gefunden. Sein Leben unter Wasser, seine Gespräche mit Poseidon, das lange Warten auf die Rückkehr ans trockene Land.“

Dieses essayistische Reisetagebuch stellt vor allem eines dar: den Versuch, die Frage zu beantworten, was Dichtung überhaupt sei und welche Möglichkeiten sie biete, unserer Welt Namen zu geben und ihr ein Stück Wahrheit zu entreißen.

"Dichtung ist eine leichte Übertreibung"

Zagajewski schreibt auch von den Momenten des Zweifelns, auf ganzer Linie, obwohl er in Rilkes „Duineser Elegien“ oder im Gedicht „Der König von Asine“ von Giorgos Seferis ästhetisch-europäische Ruhepole und ihm geistig verwandte Themen findet: die Bewunderung für die Schönheit, das plötzliche Erscheinen des Erhabenen, das in der Kunst über dem Leben steht und es  erst erträglich macht – samt seiner für uns unbegreiflichen Endlichkeit. Was also ist Dichtung?, fragt er.

In einem lichten Moment sagt er: „Dichtung ist eine leichte Übertreibung, solange wir nicht darin heimisch sind. Denn dann wird sie zur Wahrheit. Und wenn wir aus ihr heraustreten – niemand kann für immer in ihr leben –, ist sie wieder eine leichte Übertreibung.“

Zagajewski stellt fast zum Ende ernüchternd fest, wie plump es eigentlich sei, Lyrik zu kommentieren, aber man stößt in seinem Buch auf viele treffende Lesarten und Lektüreeindrücke. Dass die Dichtung wie auch die Kunst verräterisch sein könne, wovor schon Milosz gewarnt hat, sehen wir an dem verwegenen Gedicht „Rovigo“ von Herbert.

Rovigo ist ein unbedeutender, hässlicher Bahnhof, den Herbert einmal auf seinen Studienreisen durch das schöne Italien gesehen hat – aus dem Fenster seines Zuges. Und Zagajewski gesteht, dass er erst nach geraumer Zeit begriffen habe, was Rovigo bedeuten könne: zum Beispiel „das Ende der menschlichen Reise“; und dass wir so wenig auf dieser gesehen haben.

Adam Zagajewski: Die kleine Ewigkeit der Kunst. Essays. Dt. v. B. Hartmann/R. Schmidgall. Hanser. 320 S., 21,90 Euro.

Der Schriftsteller Artur Becker, 1968 in Polen geboren, lebt seit 1995 in Deutschland. Soeben ist bei Weissbooks in Frankfurt seine Novelle „Sieben Tage mit Lidia“ erschienen.

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