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Kurzgedicht "avenidas" des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer.

Eugen Gomringers "avenidas"

Dunkle Zeiten, aus denen die Sprache kam

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Ist die große Gereiztheit über Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" von 1953 geschichts- und identitätsvergessen?

Zuviel des Gegenwärtigen. Bertolt Brecht notierte für die „Nachgeborenen“ – noch aus dem amerikanischen Exil: „Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin.“

Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ entstand 1953. Über allen Möglichkeiten, Lyrik zu schreiben, schwebte in diesen dunklen Jahren Adornos Verdikt: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“

Verschleierung der Vergangenheit

Der Satz aus „Kulturkritik und Gesellschaft“ (1951) fand eine Entgegnung bei Hans Magnus Enzensberger, der zufolge die „Dichtung (...) diesem Verdikt standhalten“ müsse. Die Gedichte von Paul Celan („Todesfuge“, 1948) oder Nelly Sachs („Abschied“, 1949) behaupteten sich, daran erinnernd, dass „vorher“ und „nachher“ andere Welten bedeuteten. Dennoch, 1953, nur zwanzig Jahre nach 1933, widmeten sich allzu viele der Verschleierung der Vergangenheit, waren „vorher“ und „nachher“ in „geheimen Leben“ versteckt. 1953 galt es, Sprache und Identität vor den Belastungen der Nazizeit zu schützen, neue Perspektiven zu erschließen. Selbst das „harmlos“ gemeinte Wort konnte Kontaminierungen transportieren.

Enzensberger spiegelte 1957 das Dilemma der Zeit – sein „Museum der modernen Poesie“ kam 1960 heraus – mit der sarkastischen Aufforderung, „lies keine oden, mein sohn, lies fahrpläne: / sie sind genauer. roll die seekarten auf, / eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht. / der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor / schlagen und malen den neinsagern auf die brust / zinken. lern unerkannt gehen, lern mehr als ich: / das viertel wechseln, den paß, das gesicht.“ (aus: „ins lesebuch für die oberstufe“)

Nicht aus dem heutigen Überschwang von Identitäten, dessen Vielfalt einen „Hyperindividualismus“ (Andreas Reckwitz) zu produzieren scheint, wäre Gomringers Gedicht zu lesen, eher aus der Differenz von „Ich und Nicht-Ich“, wie Max Frisch in seinem Roman „Stiller“ (1953/1954) zu Protokoll gab. Identität galt 1953 als rares Gut. Uwe Johnson erinnerte sich, dass er „im Jahre 1957 zum ersten Mal ein Buch von (Max Frisch), ‚Stiller‘, in die Hand bekommen hat und mit Neid feststellte, daß ein Mann der westlichen deutschsprachigen Literatur sich beschäftigen darf mit den Schwierigkeiten subjektiver Identität“. Und mit Identität war nicht eine gemeint, die ihre Probleme leichtfertig gegen andere wendet, um deren Eigenart, Integrität, gar deren Leben zu bedrohen. Aus dieser inneren Bewegung heraus konnte Johnson später Frischs „Stichworte“ (1975) bei Suhrkamp herausgeben.

Im Nachhall zu Zeiten propagandistisch überformter, entfremdeter Sprachen – und das gilt nicht nur für deren Geiselhaft unter den Diktaturen der Vergangenheit – trat die von Eugen Gomringer vertretene „Konkrete Poesie“ für das Konkrete, die Realität der Sprache ein und damit gegen deren Verfremdung. Wenn die Bedeutung der Wörter diskreditiert war, im Mindesten doppeldeutig in ihrer Belastung durch die Tyrannei, konnte die aus jener Umklammerung ins Konkrete gelöste Sprache anders und neu auf den Begriff kommen. Auch an der dunklen Zeit, aus der die Sprache 1953 kam, liegt es, dass der ganz eigene Sprachraum, den gerade einmal vier Wörter bei „avenidas“ auf so unnachahmliche Weise abzustecken vermögen, „avenidas“, „flores“ und „mujeres“ zu einem Leuchten bringen, dem sich ein „admirador“ nicht zu entziehen weiß. Der Mann auf den Ramblas, der, mit freundlichem Interesse, mit „leichter Gleichgültigkeit“, wer weiß, an der Welt teilhat. Diesem Flaneur wäre bei Charles Baudelaire, Gustave Flaubert oder Walter Benjamin kaum vorgehalten worden, was in die „avenidas“ hineingelesen wird.

Eugen Gomringers Gedicht ist eines der Hoffnung

1953 geht es nicht nur bei Gomringer um Blumen. Bertolt Brecht lässt sich mit „Der Blumengarten“ vernehmen, einem Gedicht, das in den „Buckower Elegien“ zu lesen ist – entstanden zu Zeiten des Ostberliner Aufstandes vom 17. Juni 1953. Auch dessen 65. Jahrestag ist 2018 zu begehen.

Aus der Perspektive von heute, ähnliche Vorbehalte, wenngleich nicht sexistischer Art wie bei „avenidas“, vorausgesetzt, könnte der „Blumengarten“ („Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel/ Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten“) als mythische Verklärung einer realen DDR gelesen werden, die sich zehn Jahre später („Beschirmt …“) mit der Mauer abschotten sollte. Um dahinter was zu zeigen? „In den verschiednen Wettern, guten, schlechten/ Dies oder jenes Angenehme“?

In Max Frischs „Tagebuch 1966-1971“ (1972) finden sich Fragen „über das Verhalten von Brecht während des 17. Juni 1953“ – so zum Beispiel „Wie hat er die Ereignisse, so weit sie ihm zur Kenntnis kamen, beurteilt: als Kundgebung der Arbeiterschaft, deren Unzufriedenheit er für berechtigt hielt, oder als Meuterei? Argwöhnte er, daß der Westen sich den Volksaufstand, der ohne Führung war, zu Nutzen machen könnte und daß es zum Krieg kommt? (...) War Brecht empört über das Eingreifen der sowjetischen Tanks oder hielt er es für unerläßlich, um den Westen vor Übergriffen zu warnen?“

Freilich gehören zu den „Buckower Elegien“ auch die Andeutungen in Brechts Gedicht „Böser Morgen“, in denen die Silberpappel anders erscheint: „eine ortsbekannte Schönheit/ Heut eine alte Vettel. Der See/ Eine Lache Abwaschwasser, nicht rühren!“ Und dazu die Erinnerung: „Heut nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend/ Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und/ Sie waren gebrochen./ Unwissende! schrie ich/ Schuldbewußt.“ Die Ironie in „Die Lösung“ eine Fiktion. Darin heißt es, „daß das Volk/ Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe/ Und es nur durch verdoppelte Arbeit/ Zurückerobern könne. Wäre es da/ Nicht doch einfacher, die Regierung/ Löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?“

Dunkle Zeiten, aus denen 1953 die Sprache kam, in denen sie erneut zu überleben hatte. Aus dem Damals heraus verstanden, ist Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ eines der Hoffnung, losgelöst, losgelöst vom Vergangenen. Es kommt aus dem Mangel, der Enge, der existenziellen Bedrängtheit, aus geistiger Bedrohung. Und ist keines, das von sich aus Anlass gibt, Identitäts- oder politische Probleme auf andere zu projizieren.

Trügt die Hoffnung? Brecht schließt „An die Nachgeborenen“: „Ihr aber, wenn es so weit sein wird/ Daß der Menschen dem Menschen ein Helfer ist/ Gedenkt unsrer/ Mit Nachsicht.“

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