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Zeit für den Buddhismus, „diese religiöse Form der Praktischen Vernunft“. Nonnen in einem Kloster im indischen Arunachal Pradesh

Novellen

Der dunkle Lichthof einer Biografie

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Neben unverjährbaren Novellen erzählt Hartmut Lange in eigener Sache.

Hartmut Lange schreibt weiter seine unverjährbaren Novellen. Dabei geht es ihm immer wieder um die „Ewigkeit des Augenblicks“, wenn die gestaltlosen Umrisse der Angst aufziehen. Die „unerhörte Begebenheit“ ist im Moment ihres Entstehens schwer als Unglück erkennbar. Erzählt wird von Menschen, die nicht bemerken, wo ihr Leben stehengeblieben ist. Lebensläufe mit fallender Linie in weltflüchtiger Richtung.

Die Realität an sich genügt dabei nicht. Lange unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es mit entschiedener Lakonie zugleich tiefer in einen sanften Surrealismus. Er ist sich seiner Mittel sicher. Es ist, als hätte jemand kurz davon erzählt. Dann wieder Stille. Aus anderer tiefer Stille, aber sehr real, kommt unverhofft „In eigener Sache“ die Geschichte einer deutschen Kindheit. Als Covermotiv rahmt das „Weinende Mädchen“ von Edvard Munch diesen Band.

Titelgeschichte „Der Lichthof“

In der Titelgeschichte „Der Lichthof“ zeigt sich für ein Architektenpaar schützender Wohlstand in einer neubezogenen 160-Quadratmeter-Wohnung. Nur vom Bad blickt man in einen unheimlichen Lichthof. Die Frau hat ihre feste Stelle aufgegeben, während der Mann auf Dienstreisen ausschweift. Einsame Nächte, unerklärlicher Luftzug, Deckenstuck bewegt sich, nächtliche Anrufe.

Der Gatte spricht von Dingen, von denen er nichts wissen kann. Da offenbart ein Brief, was die Gattin nicht wissen kann: „... wie Du vielleicht bemerkt hast, habe ich mich in eine andere Frau verliebt.“ Anruf des Abtrünnigen: Die Wohnung sei ihr überlassen, die Scheidung habe Zeit, aber er möchte ihr seine neue Liebe vorstellen, „in gewissen Kreisen allerüblichste Gewohnheit“. Teppiche werden zusammengerollt, Möbel in Ecken gerückt. Der Vorhang vom Badfenster gerissen, die Frau sieht in einen Abgrund.

Der Seebär als Sehnsuchtsgestalt

Erst wenn ein Schauspieler den Text auch im Körper hat, ist es Theater, dann, wenn er nicht mehr posiert, wo er sich bewegen müsste. Ein kraftloser Schauspieler, auf dem noch Erwartungen ruhen, probt den Fremden in Ibsens „Frau vom Meer“. Die Rolle des Seebären als Sehnsuchtsgestalt. Aber das Meer ist dem Schauspieler fremd, wie körperliche Anstrengung auch. Bei heftigen Bewegungen gerät er aus dem Gleichgewicht, ein Zaun auf der Bühne lässt sich nicht übersteigen. Und das in der Rolle des Bootsmannes, der einen Kapitän erstochen haben soll. Damit es keine Fehlbesetzung wird, braucht es einen Umweg, den „Weg zum Meer“. Hier gibt es keinen Zaun, aber die Flut. Nichts einfacher, als ihrem Sog zu erliegen.

Buchinfo

Der Lichthof. Novellen. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 95 Seiten, 22 Euro.

Ein Sog ins Ungewisse am flackernden Faden der Ariadne zeigt sich in der Novelle „Der Navigator“ – ein Beziehungsdrama mit den überspannten Nerven der Gegenwart. Der Navigator führt ein autoreisendes Paar mehrfach in die Irre. Er will das Gerät entsorgen, sie möchte der Peilung weiter folgen, überall „dorthin, wohin mich der Navigator führt, wenn er nicht mehr funktioniert ins Nirgendwo“. Für ihn ist dieses „Nirgendwo“ ein Bild der auslaufenden Beziehung. Das Bild trügt nicht, alles zerbricht.

Jahre nach der Trennung gibt es Andeutungen vom mutmaßlichen Tod der Frau. Der Getrennte nimmt ihre Spur wieder auf: Kein Türschild mehr an ihrer Wohnung, aber in der Garage findet sich der alte Navigator. Lässt sich die Vermisste mit diesem Gerät satelliten-gesteuert wiederfinden? Und sei es im Nirgendwo?

„Ronnefelder“, als Politologe einst bewundert, als Emeritus fast in Vergessenheit, lehrte immer ein Glaubensbekenntnis: „Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht.“ Aber etwas fehlt. Es war Zeit für den Buddhismus, „diese religiöse Form der Praktischen Vernunft“. Auf einer Reise nach Indien offenbart sich schon zur Ankunft schrecklichstes Geschehen: Zwei Mädchen wurden vergewaltigt und ermordet.

Auf vier Novellen folgt „In eigener Sache“

Der Professor fliegt umgehend zurück. Die erlebte Welt widerspricht allen Gewissheiten. Es gab etwas, was er nicht beachtet hatte. Alles reif für einen Gastvortrag: „So hätte er in Indien nicht die Überwindung des leidhaften Daseins als religiöse Form der Vernunft ... erlebt.“ Der Hörsaal ist überfüllt.

Auf die Lakonie der vier Novellen folgt „In eigener Sache“ autobiografische Bündigkeit. Unerwartet benennt Lange, Jahrgang 1937, hier die langen Schatten seiner unerzählten frühen Biografie – knapp, ordnend, pointiert. Spät, doch alles umspannend. Der dunkle Lichthof einer Kindheit als Ereignis dieses Bandes. Ein anderer Blick auf diesen renommierten Erzähler.

Kriegs-Weihnachten 1944 als Siebenjähriger. Der Vater, bisher nur als Metzger benannt, leitet die Gendarmerie in einem Gutsdorf im „Warthegau“, zwischen Konin und Posen, keine drei Wochen vor der sowjetischen Großoffensive. Der Weihnachtsglanz ist nicht ungebrochen. Der Vater, eigentlich gutmütig, beschlagnahmt polnischen Bäuerinnen Pakete mit Lebensmitteln, „die Kälte des Offiziellen, die ihm durch die Uniform anhaftete, gab mir ein Gefühl von Distanz“. Kanonendonner rückt näher. Bodenlose Tage, grauenvolle Nächte der Flucht mit Kinderaugen: Als ein Munitionsdepot gesprengt wird, verkeilt sich der Treck ineinander. Kälte, brennende Gehöfte, Jagdflieger. Angriffsspitzen der Roten Armee verwehren die Weiterfahrt. Der Vater wird verhört und erschossen. Dem 14-jährigen Bruder gelingt die Flucht über die Oder. Der Siebenjährige und die Mutter, jetzt Gefangene, erleben umgekehrte Vorzeichen. Polnische Partisanen erschießen einen russischen Major. Mutter und Sohn werden als lästige Zeugen 1946 in den Sowjetische Sektor von Berlin abgeschoben.

Hier finden sie den verlorenen Bruder wieder. Leben unter bescheidensten Verhältnissen. Der ältere Bruder wird achtzehnjährig in Ost-Berlin unter ungeklärten Umständen ermordet. Die Mutter zerbricht an diesem Leben, stirbt mit fünfundfünfzig. Hartmut Lange hat zu dieser Zeit die Filmhochschule Babelsberg abgeschlossen und beginnt sein Schriftstellerleben, wie bekannt.

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