Angetan von deutschen Literaturhäusern: Hanya Yanagihara.
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Angetan von deutschen Literaturhäusern: Hanya Yanagihara.

Hanya Yanagihara

Im Dunkel ist nur der Leser dabei

  • Marie-Sophie Adeoso
    vonMarie-Sophie Adeoso
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Zum Abschluss ihrer Deutschland-Lesereise las Hanya Yanagihara im Frankfurter Literaturhaus aus ihrem epischen Roman „Ein wenig Leben“.

Dafür, dass ihr Roman „Ein wenig Leben“ die Literaturkritik polarisiert hat, weist der Abend im Frankfurter Literaturhaus, mit dem die US-amerikanische Autorin Hanya Yanagihara am Mittwoch ihre Lesereise durch Deutschland beendete, wenig Kontroverse auf. Es ist viel mehr ein Abend des ehrlichen Gesprächs über zutiefst menschliche Gefühle; getragen von Anerkennung dafür, wie Yanagihara diese zu vermitteln weiß.

Dass ihr Epos um eine Männerfreundschaft mit knapp 1000 Seiten zu lang sei, hatten manche Kritiker Yanagihara vorgehalten, dass es die Grenze zum Gefühlskitsch überschreite und die Autorin ihrer gepeinigten Hauptfigur Jude allzu edle Freunde an die Seite gestellt habe. Andere wollen beim Lesen geweint haben und nachhaltig erschüttert worden sein. Von diesem Balast gegensätzlicher Urteile ungerührt, führte HR-Literaturkritiker Alf Mentzer angenehm unaufgeregt durch den Abend im ausverkauften Literaturhaus – ohne zu verhehlen, wie nahe ihm selbst das Schicksal von Hauptfigur Jude gegangen sei. Den Romanpassagen, von denen Yanagihara eine auf Englisch und Schauspieler Max Mayer zwei weitere auf Deutsch vorträgt, lauscht das Publikum sichtlich gebannt.

Im Gespräch mit Mentzer griff Yanagihara die Rezeption ihres Romans eloquent und mit leiser Selbstironie auf. „Normalerweise muss man Manuskripte mit mehr als 1000 Seiten nach Deutschland schicken, um sie zu veröffentlichen“, sagte sie lachend und konterte damit einen der Einwände, den auch ihr amerikanischer Verleger zunächst gehabt habe. Hätte sie weibliche Figuren gewählt, „wäre das Buch wohl nur ein Drittel so lang“ geworden, glaubt sie. Sie habe die vielen Seiten gebraucht, eben weil es ihren Protagonisten so schwer falle, ihre innersten Gefühle, Scham, Angst, Verletzlichkeit, mit anderen zu teilen. Das habe sie beim Schreiben ebenso gereizt wie die Erschaffung eines Charakters, „dem es einfach nie besser geht“.

Es sei heute auf simultane Weise so leicht wie nie, Bilder der Gewalt zu sehen, wie auch sich von ihnen abzuwenden, sagte Yanagihara über die brutale Seite ihres Werks. Dem erfolgreichen Anwalt, dessen Traumata der Roman nach und nach an die Oberfläche bringt, dabei zuzusehen, wie er sich selbst verletzt, müsse Lesende aber nicht beschämen: „In Judes dunkelsten Momenten ist er nicht alleine. Der Leser ist bei ihm, wenn sonst niemand da ist.“

Dass ein Mensch, dem in der Kindheit all das verweigert worden sei, was es brauche „um zu einem funktionalen Menschen heranzuwachsen“ als Erwachsener die Schuld bei sich suche und per Selbstverletzung die Hoheit über den eigenen Körper zurückzuerlangen versuche, das sei ihr so logisch erschienen, dass es keiner großen Recherche über Auswirkungen von Missbrauch gebraucht habe.

So sehr Buch und Lesung aufs Innere des Menschen zielten, mochte aber auch Yanagihara sich am Ende einen Seitenhieb auf Donald Trump nicht verkneifen. Sie lobte das deutsche Publikum, das „Literatur so ernst“ nehme. Und schloss: „Wenn Amerika Literaturhäuser hätte, wären wir vielleicht nicht in die Situation geraten, in der wir jetzt sind.“

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