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Vor rund einer Woche hatte Salter in seinem Häuschen nahe New York noch seinen 90. Geburtstag gefeiert,. Am Freitag (Ortszeit) starb der Autor ganz plötzlich.

James Salter

Das dumme, zitternde Herz

So bekannt wie etwa Philip Roth oder John Updike war er nie, aber Kritiker lobten James Salter in den "Mount Rushmore für Schriftsteller". Jetzt ist Salter, der "vergessene Held der US-Literatur", nur wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag gestorben.

Von Cornelia Geissler und Sabine Vogel

Er konnte, wenn er es wollte, mit einem Satz dein Herz brechen. So schrieb ein amerikanischer Kritiker einmal über den großen, aber niemals beim breiten Publikum populär gewordenen Schriftsteller James Salter. Der 1925 geborene Autor war ein „writer’s writer“, ein Schriftsteller, der vor allem von anderen Schriftstellern geliebt wurde und viele von ihnen, von Paul Auster angefangen, beeinflusst hat. Ein „Writer’s writer“ ist auch einer, dessen Größe in seiner Kunst des Gebrauchs der Sprache liegt.

Und doch hatte Salter bei all seinen präzisen Beschreibungen von scheinbaren Nebensächlichkeiten und Details immer auch Geschichten zu erzählen. Es waren oft solche, die er selbst erlebt hat. Sein Debütroman, „Jäger“ von 1957, handelt von einem Kampfpiloten im Koreakrieg. Er ist ein Ass, aber es gelingen ihm partout keine Abschüsse mehr, nach deren Anzahl in der sozialen Heldenhierarchie des Offizierscorps sich Prestige bemisst. Die gelingen einem jungen Angeber von moralisch ethischer Verabscheungswürdigkeit. Er ist ein skrupelloses Kameradenschwein, verantwortlich für den Tod eines Kameraden.

Salter selbst war zwölf Jahre lang, von 1945 bis 1957, Kampfpilot der amerikanischen Luftwaffe, im Krieg gegen die von China unterstützten Truppen Nordkoreas und flog über 100 Einsätze. Über zwei Millionen Menschen starben. Doch hoch in den Lüften ist der Feind unsichtbar, er hat kein Gesicht, kein Blut, keine Geschichte – er spielt keine Rolle. Auch die Gründe ihres militärischen Einsatzes, der Kampf gegen den Kommunismus, sind für Salters Piloten in ihren Düsenjets ohne Bedeutung. Sie schweben metaphorisch und real über dem Gemetzel der Bodenkriege und Ideologien.

Drehbücher für Hollywood

Salters grandioser Roman handelt denn auch nicht vom Gemetzel und seinen politischen Hintergründen. Es geht darin um die Wolken und die Einsamkeit. Um das „dumme zitternde Herz“ des Piloten. Und um die immer gegenwärtige Möglichkeit des Sterbens, bei dem die abgeschossenen Piloten einfach wegsinken und im Äther verglühen ohne eine körperliche Spur zu hinterlassen.

Die Absurdität dieses Heldentums, das Drama einer entsinnlichten und sinnlos gewordenen Männlichkeit verdichtet sich in Salters Poesie der Himmelsbeschreibungen. „Still wie ein Meer aus Glas“, von „Schichten aus Trauer“ verhangen, von „Schichten aus Zorn“ umwölkt, ein „Sammelplatz der verlorenen Zeit“. Der „süße Rausch“ befreit die Männer „von der Schwerkraft der Wirklichkeit“ – allein für das Kristallreich des Todes.

Als „Jäger“ 1957 in den USA herauskam, beendete Salter seine militärische Laufbahn und widmete sich ganz dem Schreiben, den Lebensunterhalt verdiente er sich jahrelang mit Drehbüchern in Hollywood. Bei uns wurde der amerikanische Schriftsteller erst 1998 mit dem Roman „Lichtjahre“ bekannt, im letzten Jahr erschien – nach 35 Jahren Pause – sein Roman „Alles, was ist“.

Es ist das Alterswerk eines Mannes, der ein gewalttätiges Jahrhundert durchlebt hat. Auch der Kriegsheimkehrer Philip Bowman, er nahm 1945 als Lieutenant der US-Navy an einer Schlacht im Pazifikkrieg teil, „hatte Abschiedsbriefe verfasst“. Er ist ein Bild von einem Mann, Salter liefert Sexszenen ohne Peinlichkeit, aber all seine Beziehungen scheitern. Bowman ist Lektor, das Lesen bereitet ihm ein unermessliches Vergnügen, ein Haus ohne Bücherregale wirkt fade auf ihn, und wenn er durch New York geht, sieht er dort Literatur. Gefällt ihm eine Formulierung, schreibt James Salter das so: „Das waren die Worte, die er einsteckte und über die er noch oft mit den Fingern strich“. Doch diese literarische Welt ist im Vergehen begriffen. James Salter hat mit „Alles was ist“ auch seine Karriere als Autor bilanziert. Die große Zeit seines Helden spielt noch in der Verlagswelt, als man mit Recht einen literarischen Verlag mit einer Aura verband. Sein Philip Bowman muss lernen, dass ein früherer Kollege Agent wird, Literatur eine Ware geworden ist, die sich verkaufen muss.

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