Düstere Rituale der 7 f

  • schließen

Christophe Dufossé setzt den Lehrer Pierre Hoffman einer apokalyptisch gesinnten Klasse aus

Von Michel Houellebecq, dem großen Nihilisten, der als Moralist missverstanden wird, kennt man ein bestimmtes Figurenschema nur allzu gut. Die Figuren leben, weil ohnehin alles egal ist, freiwillig in hässlichen, grauen Vorstadtbetonklötzen, in Siedlungen mit sozialem Sprengstoff, freuen sich über Sonderangebote in ihrem Supermarkt, onanieren still vor sich hin und üben einen unauffälligen Beruf aus: Handelsvertreter, Mitarbeiter eines Ministeriums. Oder eben Lehrer, so wie Pierre Hoffman, Protagonist und Ich-Erzähler von Christophe Dufossés immerhin als bestes Debüt des Jahres 2002 ausgezeichnetem Roman Letzte Stunde.

Hoffman ist eine hochinteressante Figur, ein scharfsinniger Beobachter und rücksichtsloser Analytiker seiner Umgebung und zunächst auch seiner selbst, ausgestattet mit den Andeutungen einer kruden Biografie, einem möglicherweise inzestuösen Verhältnis zu seiner Schwester Léonore und einer gebrochenen Einstellung gegenüber seinem Beruf. Eine Provinzlehrer-Existenz ohne große Visionen und Perspektiven. Zu Recht nimmt Dufossé, der selbst an einer Schule in der Nähe von Paris Literatur unterrichtet, sich viel Raum zur Einführung seines Erzählers. Kaum zu fassen eigentlich, dass man einen Roman unter derart günstigen Vorzeichen noch so frontal an die Wand fahren kann.

Pierre Hoffman übernimmt die siebte Klasse seines Kollegen Éric Capadis, der sich, im Alter von 25 Jahren, aus dem Fenster der Schule gestürzt hat, ein rätselhafter Selbstmord, an dessen Aufklärung niemand so recht Interesse hat; nicht die Eltern Capadis', die Hoffman vor der Beerdigung besucht - eines der stärksten Kapitel des Romans - und die, wie sollte es anders sein, ein deprimierendes Leben führen, noch das Lehrerkollegium. Diese Klasse 7 f ist ein undurchschaubares Biotop; es herrscht ein Klima der unterschwelligen Gewalt und Angst, das vom gesamten Kollegium stillschweigend geduldet wird. Eine Schülerin, Clara, so heißt es, soll als Neunjährige von einem Fünfzigjährigen entjungfert worden sein, ein anderes Mal wird sie, möglicherweise von den eigenen Mitschülern, brutal misshandelt aufgefunden.

Hoffman wird gewarnt, die Nachfolge Capadis' anzutreten - von eben jener Clara Sorman. Und exakt an diesem Punkt beginnt der Roman zu kippen und man fragt sich zusehends, was Dufossé eigentlich schreiben wollte. Einen pädagogischen Psychothriller? Dafür sprächen die geheimnisvollen Telefonanrufe, von denen Lehrer heimgesucht werden und Pakete mit widerlichem Inhalt, die man ihnen schickt. Eine Anklage auf das marode Schulsystem, das zwangsläufig soziale Kälte heraufbeschwört? Die seitenlangen, quasi sozialwissenschaftlichen Abhandlungen (auch die kennt man von Houellebecq, nur lustiger) über Stellenstreichungen, Stundenplankürzungen, demografische Entwicklungen, den Verlust von Idealen in der Pädagogik und die Rolle der Gewerkschaften wären ein Indiz. Oder eine Satire? Auch hierfür fände man mit viel gutem Willen Anzeichen; ein Abendessen unter Kollegen beispielsweise, das von Grauen erregenden Gesprächen und schlechten Manieren getragen wird. Eine zynische, desillusionierte Pädagogengesellschaft hat sich da zusammen gefunden. Fehlte nur noch, dass sie sich unter dem Tisch gegenseitig an die Schienbeine träten.

Doch es steht zu vermuten, dass Letzte Stunde in erster Linie der Versuch eines philosophischen Romans über die ins Extreme getriebenen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens werden sollte. Und dieser philosophische Roman scheitert am zunehmend verschwiemelten, geheimnisvoll raunenden Duktus, dem er anheim fällt und der dreizehnjährige Schüler so altklug daher reden lässt wie eine verunglückte Mischung aus Mystikern und Pastor Jürgen Fliege: "Haben wir einen Bezugspunkt, von dem aus wir wahrnehmen können, ob wir nah oder weit entfernt sind? Wir sind in uns selbst verwurzelt, wir sind immer innerhalb unserer eigenen Grenzen. Wir sind brutal isoliert und niemand kann sich an unsere Stelle versetzen. (...) Wie willst du mit Leuten Gedanken austauschen, die dich ständig beschuldigen, eine andere Sprache zu sprechen, wenn du dich im Herzen der Dinge fühlst?" Der hohe Leidensdruck dieser eingeschworenen, hermetischen Klassengemeinschaft allerdings, der schließlich in einen Showdown von hohem Peinlichkeitsgrad überführt wird, wird zwar behauptet, aber niemals plausibel gemacht. Der obsessive Wunsch, aus der Welt zu verschwinden, ist einfach da; worauf er sich gründet, bleibt ein Rätsel, das dem Leser als transzendente Hausaufgabe gestellt wird.

Dabei kann Christophe Dufossé vieles, vor allem Charaktere entwerfen. Es gibt eine ganze Reihe von Nebenfiguren, die kurz auftauchen, um dann wieder im Dunst der Bedeutungsschwere unterzugehen, leicht und sicher hingeworfene Figurenskizzen, die mehr vermuten lassen über die pathologische Verfasstheit dieser Romanwelt als die gesamte apokalyptische 7 f und deren düstere Rituale: ein verlorener Stotterer, von dem Hoffman vor dem Krankenhaus angesprochen wird, eine traurige Provinzfriseuse mit solariumverbrannter Haut, eine Krankenschwester, mit der der Erzähler einen Abend in einer absurden Diskothek verbringt.

In der unaufhaltsamen Abwärtsbewegung verliert dieser eigentlich brillante Einfall namens Pierre Hoffman zusehends seine narrativen, vor allem aber seine analytischen Fähigkeiten - eine verschenkte Figur, die Christophe Duffosé wohl glaubte, einer höheren Idee opfern zu müssen und die schließlich folgerichtig in der Psychiatrie endet. Dabei wäre es letztendlich viel drastischer gewesen, wenn Hoffman auch weiterhin in seinem Sozialwohnungsbau geblieben wäre - mit dem Fernglas die umliegenden Wohnungen beobachtend, ausweglos gelangweilt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion