Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die dünn geschabte Haut

  • Claus Leggewie
    VonClaus Leggewie
    schließen

Klemens Renoldners Gespräch mit dem Journalisten und Schriftsteller Niklaus Meienberg

Der Zürcher Schriftsteller Niklaus Meienberg hat sich vor zehn Jahren das Leben genommen - "Ersticken infolge Überstülpens eines Kehrichtsackes nach vorgängiger Einnahme eines Schlafmittels zusammen mit Alkohol" vermerkt der Obduktionsbericht. Nachdem der Limmat Verlag zu dem von Meienberg nicht mehr erlebten sechzigsten Geburtstag dessen gesammelte Reportagen herausgegeben hat, folgt im nämlichen Verlag dieses schmale Bändchen. Im Mittelpunkt steht ein ausführliches Interview des österreichischen Literaturwissenschaftlers Klemens Renoldner über Leben und Werk Meienbergs aus dem Jahr 1991.

Rebellische Kraft

Weiter findet man eine gelungene Hommage des kongenialen österreichischen Schriftstellers Erich Hackl, der Vermutungen über die wahrscheinlichen Gründe für den Freitod anstellt: "Meienbergs Antworten im Gespräch mit Klemens Renoldner verraten etwas von der Ratlosigkeit, auch von der dünn geschabten Haut, die beweist, dass er nicht mit der Routine des Protests gepanzert war wie so viele Dichter und Denker, Männer wie Frauen, die zu allem sofort und auf Bestellung ihre Meinung äußern und der Tatsache, dass die Erde sich in die falsche Richtung dreht, immer noch etwas abgewinnen können, Zugeld, Ruhm, Präsenz, einen Roman hier, einen Reisebericht da, eine Kolumne dort. Aber das Wissen um die eigene Integrität ist ja kein Trost, und irgendwann ist die schützende Haut durchgewetzt, und es ist niemand mehr da, der oder die einen im Sturz auffangen könnte, und es ist den Freunden auch kein Vorwurf zu machen - der Verzweifelte hat die Fähigkeit eingebüßt, seine Not zu signalisieren. Er richtet die ihm verbliebene Energie gegen sich selbst."

Besser kann man den Nachlebenden die früher so rebellische Kraft Meienbergs nicht vermitteln, und es kann im übrigen keine Rede davon sein, dass er, wie seine Nachlassverwalter immer wieder kokettieren, vergessen sei. Von seinen 14 Büchern, von den legendären Reportagen aus der Schweiz (1974) bis zur Geschichte der Liebe und des Liebäugelns (1992), sind die meisten im Buchhandel erhältlich, über Niklaus Meienberg liegen mehrere Biographien und Darstellungen vor, seine Texte werden in Journalistenschulen zum Vorbild genommen - und schon wird er mit Heine und Tucholsky auf eine Stufe gestellt und unweit von Max Frisch in den Pantheon der Schweizer Literatur gehoben.

Zutreffend ist allerdings, dass Investigationen seines Typs heute generell nicht mehr gefragt sind und selten gedruckt werden, obwohl sie vielleicht nötiger sind denn je. Und es ist wahr, dass Niklaus Meienberg zermalmt wurde nicht nur unter den Nachstellungen seiner Feinde, sondern auch unter dem Heldengedenken seiner Bewunderer zu Lebzeiten. Im Gespräch mit Renoldner zeigt sich Meienberg wenig geneigt, mit am Mythos des "Berserkers" und Schweizfressers zu stricken, und den ihm verliehenen Ehrentitel "Dissident" lehnte er ebenso dankend ab wie andere Vorlagen des Interviewers. Unfreundlich geäußert hätte er sich allerdings wohl über den ziemlich klischeehaften Fotoessay des ansonsten überaus geschätzten Schweizer Fotografen Michael von Graffenried.

Politische Brisanz

Die Grenzen einer solchen Hommage in Buchform zeigen sich übrigens an einer von keiner Nostalgie getrübten Webseite junger Meienberg-Fans (www.meienberg.ch), die auffordern, seine Texte zu studieren, die an politischer Brisanz und journalistischer Qualität nichts verloren haben. Wie wenig "überholt" sie heute zum Teil wirken, ist das eigentlich Bestürzende. Denn kaum etwas auf der Welt ist besser geworden seit Meienbergs Tod, aber vieles erheblich schlimmer. Trotzdem nicht klein beizugeben, ist sein Vermächtnis an die Überlebenden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare