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W.E.B. Du Bois: „Along the Color Line“ – Ein Afroamerikaner in Berlin

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Von: Matthias Arning

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Olympia 1936: Jesse Owens deklassiert erneut die Konkurrenz.
Olympia 1936: Jesse Owens deklassiert erneut die Konkurrenz. © afp

Deutschland 1936: Die Reiseberichte von W.E.B. Du Bois.

Europa verblüfft ihn. Bis zum Ende seiner mehrmonatigen Reise bleibt für William Edward Burghardt Du Bois dieser Eindruck: „Ich komme nicht über die fortwährende Überraschung hinweg, wie ein Mensch behandelt zu werden“, notiert der afroamerikanische Intellektuelle auf den letzten Kilometern seiner Tour quer durch den alten Kontinent. Mittlerweile in den Tiroler Alpen, „vorbei an Berchtesgaden, wo Hitler wohnt“, nimmt Du Bois im Januar 1937 Abschied.

Die längste Zeit, fünf Monate, war er im nationalsozialistischen Deutschland unterwegs. Und berichtet in kurzen Reportagen für den „Pittsbourgh Courier“, die jetzt im Beck-Verlag erstmals auf Deutsch erscheinen, über erstaunliche Erlebnisse: Er nimmt den Antisemitismus wahr, gemessen jedoch an der Heftigkeit rassistisch motivierter Anfeindungen in den USA, habe er ausgerechnet im Nazi-Deutschland persönlich keine rassistischen Anwürfe erlebt. Dies sei „eine Tatsache“.

Du Bois, Soziologe, Historiker, Bürgerrechtler, aufmerksamer Beobachter, eleganter Journalist und in den USA schon zu Lebzeiten eine Legende, kommt 1936 nach Europa. Und beschreibt, wie unterschiedlich man aus seiner Sicht in Europa mit Schwarzen umgeht – während die Menschen in Frankreich sie zumeist „als Franzosen“ betrachteten, seien sie in England „colonials“. Schwarze spielen in Deutschland zu diesem Zeitpunkt kaum eine Rolle, bis bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, mit denen die Nazis ihre Friedfertigkeit demonstrieren wollen, „auf einmal schwarze Männer und Frauen auftauchen“. Sie versetzen „den Durchschnittsbürger“ in Erstaunen, wie Du Bois bemerkt. Bissig fügt er hinzu: Bis dahin seien sie vermutlich davon ausgegangen, „die Hauptbeschäftigung schwarzer Amerikaner bestehe darin, sich lynchen zu lassen“. Nun leiste etwa Jesse Owens Außergewöhnliches, was sich „vielversprechend für die Zukunft“ auch in anderen Bereichen erwarten lasse.

Darauf baute Du Bois. Er hatte 1895 als erster Schwarzer in Harvard promoviert, trat 1903 mit dem Essayband „The Souls of Black Folk“ hervor. Die Schrift galt schnell als Manifest der Bürgerrechtsbewegung. Max Weber zeigte sich begeistert. Den großen Meister der Soziologie hatte Du Bois Anfang der 1890er Jahre in Berlin gehört. Weber setzte sich dafür ein, den wegweisenden Text zeitnah ins Deutsche zu übersetzen. Das aber dauerte mehr als ein Jahrhundert – bis 2004.

Zu den Olympischen Spielen 1936 kehrte Du Bois in ein ganz anderes Deutschland zurück. Bis dahin galt ihm dieses als „eine Welt, die offen war für die Demokratie, einer Demokratie, die offen war für die Schwarzen“. Jetzt jedoch erlebt er einen „Angriff auf die Zivilisation, die um hundert Jahre zurückgeworfen“ werde, zu vergleichen lediglich „mit den Schrecken der spanischen Inquisition und des afrikanischen Sklavenhandels“. Jetzt gehe es um die Juden als Zielscheibe von „Neid, Furcht und Hass“.

Das Buch

W.E.B. Du Bois: „Along the color line“. Eine Reise durch Deutschland 1936. A. d. Engl. v. Johanna von Koppenfels. Beck, München 2022. 168 S., 20 Euro

Über fünf Monate hinweg berichtet Du Bois für den „Pittsburgh Courier“ aus Deutschland, das „heute mit überwältigender Mehrheit hinter Adolf Hitler steht“. In den ersten Jahren nach der Machtergreifung habe sich die Arbeitslosigkeit drastisch verringert, sei das Land „insgesamt zufrieden und wohlhabend“ geworden. Dafür nehme man in Deutschland die NS-Diktatur, Repression und Gestapo in Kauf: „Sie kennen den Preis, den sie bezahlen müssen, und sie hassen ihn. Sie hassen Krieg, hassen Spionage, hassen den Verlust ihrer Freiheiten.“ Ob sie für das alles am Ende zu viel oder zu wenig bezahlt haben, fragt Du Bois rhetorisch. Und: „Hätten andere und weniger gefährliche Wege zum gleichen Ende geführt?“ Doch davon wollten Deutsche nichts wissen, „Deutschland ruft einfach: Heil Hitler!“

Und dennoch, schränkt er ein, sei das Land „schweigsam, nervös und bedrückt“, es gebe „keine öffentliche Meinung, keine Opposition, keine Diskussion irgendwelcher Art“. Vielmehr führe man „eine Kampagne des Rassenvorurteils gegen alle nicht nordischen Rassen, vor allem aber gegen die Juden“. Sie übertreffe „an rachsüchtiger Grausamkeit und öffentlicher Herabwürdigung alles, was ich jemals erlebt habe“.

Als Buchtitel wählte der Verlag den Titel eines antirassistischen Vortrags, den Du Bois im Jahr 1900 auf der ersten Pan-Afrikanischen Konferenz in London gehalten hatte. Darin bezeichnete er das Problem der „color line“, das Problem der rassistischen Grenzziehung, als „Hauptproblem des 20. Jahrhunderts“.

Der aktuell vieldiskutierte Historiker Michael Rothberg nimmt Du Bois hingegen als Kronzeugen in Anspruch, um mit seiner These der „multidirektionalen Erinnerung“ der Gedenkkultur neue Impulse zu geben. Du Bois, bilanziert Herausgeber Oliver Lubrich am Ende seiner Anmerkungen zu den Reportagen, könne vielleicht deshalb als „Modell“ taugen, „weil dieser den Völkermord an den Juden als Schwarzer zugleich in seiner Vergleichbarkeit und in seiner Unvergleichbarkeit verstand“. Damit gebe es nicht das Problem, die eine Gewaltgeschichte durch Vergleiche mit einer anderen zu relativieren.

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