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Wie das Leben und der Tod in Tel Aviv spielen, erzählt Dror Mishani.

Krimi

Dror Mishani: „Drei“ – Die Frauen und die Sehnsucht

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„Drei“, das neue Buch des israelischen Autors Dror Mishani, ist ein leiser, gerade darum bewegender Kriminalroman.

Der mit dem Fall zunächst betraute Kommissar spielt keine große Rolle, kommt nicht eben weit, wird hier nur A. genannt – man kann es als kleinen Witz an die Adresse treuer Leserinnen verstehen, denn Dror Mishanis in einigen Bänden eingeführter Ermittler trägt den Namen Avraham Avraham (er hasst diese Doppelung). „Drei“ aber, der heute auf Deutsch erscheinende jüngste Roman Mishanis, weicht sowieso von jedem alteingesessenen Krimischema nochmal mehr ab, als es bei diesem israelischen Autor sonst der Fall ist. Stets geht es ihm deutlich mehr um eine psychologisch präzise, plausible Figurenzeichnung, um Lebensnähe. Doch diesmal dominieren auf erstaunliche Weise drei Frauenporträts: Orna, Emilia und Ella begegnen einem Anwalt namens Gil, der als durchschnittlicher Mann mit der ein oder anderen Affäre erscheint.

Kriminalromane stellen Rezensenten fast immer vor Probleme, da ja um jeden Preis Diskretion gewahrt werden muss, was die Auflösung und Täter-Entlarvung betrifft. Aber bei „Drei“ ist auch das noch einmal vertrackter, da zum ungewöhnlichen Aufbau noch die Tatsache kommt, dass erst sehr spät überhaupt die Polizei ins Spiel kommt. Man bleibt gleichsam lange im Ungewissen, ob die Gerechtigkeit eine Chance hat, man bleibt lange, nun ja, ungetröstet.

Orna lernt Gil über ein Datingportal kennen, eine Zeitlang nachdem ihr Mann Ronen sie und den neunjährigen Eran hastig verlassen hat. Ronens Neue, eine Deutsche namens Ruth, ist schon von ihm schwanger. Orna findet den ebenfalls geschiedenen Gil zwar nicht rasend attraktiv, aber er ist ein Mann, der alles richtig macht: Er drängt sich nicht auf, er bleibt freundlich und entspannt, auch wenn Orna sich abrupt wieder zurückzieht, er ist aufmerksam, verständnisvoll, ein guter Zuhörer. Er versucht nicht, sie durch irgendwas zu beeindrucken, im Gegenteil, „es war, als bemühte er sich, unspektakulär zu klingen“. (Und übrigens klingt auch Mishani unspektakulär und packt einen nur umso mehr.)

Dror Mishani: Drei. Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes, Zürich 2019. 330 S., 24 Euro.

Die zweite Frau, Emilia, ist eine Altenpflegerin aus Osteuropa. Sie kümmert sich in Tel Aviv um Gils Vater, Nachum, bis dieser stirbt. Sie zieht weiter, muss sich eine andere Stelle suchen, aber Nachums Frau rät ihr, sich von Gil helfen zu lassen in Sachen Arbeitserlaubnis. Emilia kann lange nicht glauben, dass Gil sich für sie interessiert; dann kann sie es doch glauben. Und da ist ja auch diese Sehnsucht nach Zuneigung ...

Und schließlich die eine Masterarbeit schreibende Ella, die es einfach nett findet, wie Gil jeden Morgen in dem Café auftaucht, in dem sie hinter ihrem Laptop sitzt, und wie er dann und wann zum Rauchen mit ihr draußen steht. Er ist nicht wirklich ihr Typ, aber so angenehm, so lässig.

„Drei“ war vergangenes Jahr in Israel ein Riesenbestseller; man könnte den Verdacht haben, dass Frauen diesen Kriminalroman anderen Frauen empfehlen – trotz des hässlichen Gefühls, dass Gil, dieser scheinbar so aufgeräumte Kerl, genau die Sorte Mann ist, auf die man selbst hereinfallen würde.

Nun hat die Kritikerin doch ein bisschen was verraten, aber eigentlich nur das, was jede Leserin früh begreifen wird – sie braucht dafür bedauerlicherweise nur regelmäßig die Zeitung zu lesen. Aber die schreckliche Befürchtung, was diesen Frauen zustoßen könnte, rückt in den Hintergrund, wenn der israelische Autor von einem Geburtstagsfest für Eran am Strand von Tel Aviv erzählt, die Kinder können in der Abendsonne Drachen fliegen lassen, oder von der engen Beziehung Emilias zu Nachum, der ein Vokabelheft für sie führt, damit sie Hebräisch lernt. Nach seinem Tod wird sie plötzlich in die Kirche gehen, dort regelmäßig mit einem jungen polnischen Priester nicht über den Glauben, wohl aber über das Leben sprechen.

Dror Mishani selbst hat Zweifel geäußert, ob „Drei“ überhaupt noch ein Krimi ist. Die Genrefrage ist freilich unerheblich, es genügt, dass dies ein dezent erzählter, dennoch bewegender Roman ist.

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