Thomas Pynchon

Drogen ohne Sucht

Erlösung ist möglich, und zwar hier auf der Erde: Der neue Roman "Against the Day" von Thomas Pynchon erfüllt den amerikanischen Traum

Von HELMUT MÜLLER-SIEVERS

Die Kinder des Anarchisten Traverse Webb machen sich einzeln aus den Bergen Colorados auf, den Auftragsmord an ihrem Vater zu rächen. Die Suche führt sie zwischen 1893 und den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg nach New York, Wien, Göttingen, Venedig, London, in den Balkan, tief in die Steppen Zentralasiens. Dabei begegnen ihnen und dem Leser Ballonfahrer, mathematische Doppelgänger, englische Mystiker, Untersandboote, sprechende Berge und lesende Hunde, sie müssen sich mit der Mathematik der Relativitätstheorie, den Arkana des Tarot, mit Radio- und Filmarchäologie und einem immensen Arsenal von Feuerwaffen herumschlagen. Am Ende wird alles (einigermaßen) gut .

Dass man die Handlung von Thomas Pynchons neuem Roman Against the Day nur so hilflos oder aber viel zu ausführlich wiedergeben kann, zeugt nicht nur von der Länge (1085 Seiten auf übrigens wunderschönem Papier) des Werks, sondern von der vollständigen Verwobenheit der Handlung mit ihrer Darstellung. Dies ist ein immer stärker hervortretender Zug seines Schreibens; schon Mason & Dixon war ohne die Neuschaffung einer merkwürdig archaisierenden Sprache gar nicht zu verstehen. Wegen dieser Tendenz zur Poetisierung haben sich Pynchons Stammleser langsam von ihm abgewandt; für sie waren die frühen Romane Schatztruhen arkanen und politisch brisanten technischen Wissens gewesen, das sich von seiner literarischen Darstellung ablösen und überprüfen ließ.

Neue Leser, die sich an dem Choral der hundert Stimmen erfreuen, die Pynchon in wilder Polyphonie verflicht, gibt es wohl nicht genug. Der Roman ist denn auch zwiespältig aufgenommen worden, die Rezensenten maulten vornehmlich über seine Länge, über die fast fünfzig Hauptfiguren und das überscharfe geographische Detail. Das ist, um in Pynchons Bildern zu bleiben, als klage man über zu viel Chateau Lafite und zu kluge und schöne Frauen.

Bei Pynchon, um ihn damit gleich von Kollegen wie Roth oder Updike abzusetzen, gibt es keinen Kater, keinen Überdruss, keine Altersimpotenz. Es wird unablässig geraucht und getrunken und inhaliert, unterbrochen nur von, nun, ausgefallen choreographiertem Sex. Kein Lamento über verlöschende Lust in der Seniorenkolonie, nur die Wut über die Verworfenheit der Kapitalisten. Drogen sind Gaben der Erde, damit das Leben ein wenig Glanz bekommt, Sex eine überbordende Form der Kommunikation, manchmal allerdings auch ganz schön albern. Doch gibt es ebenso (auch hierin Mason & Dixon weiterführend) Tränen, Liebe zu Kindern, Eltern und Tieren, es gibt Geburt und Tod und, wunderbar entfaltet, die Freundschaft.

Natürlich ein utopischer Roman,aber das Lesevergnügen ist real

Pynchon gestaltet das Verhältnis zwischen Frauen und Männern nach dem Vorbild der 40er Jahre, als Lauren Bacall Bogart fragte, ob er wisse, wie man pfeift. Es ist die Tradition des cool, in der Männer von einer Aura der Einsamkeit umgeben sind, die die Frauen als Idiotie erkennen und spöttisch zunichte machen. Anders als Bogart konjugiert Pynchon diese Beziehung durch alle möglichen homo-, hetero- und polysexuellen Konstellationen.

Daraus entsteht die Freundschaft. Ausgedrückt wird sie in hinreißenden Dialogen, deren Lakonismus und Humor das gesprochene Amerikanisch endlich einmal in seinem ganzen Reichtum zeigt. Wie um das zu unterstreichen, lässt Pynchon einen Pistolenhelden aus Colorado gegen einen décadent aus Cambridge im Kampf um eine bezaubernde Mathematikerin antreten. Auch sie werden Freunde, doch am Ende erlegt der Engländer sich ewiges Schweigen auf.

Überhaupt die Dialoge: Pynchon hat eines der haarigsten Probleme der Romantechnik gelöst, wie nämlich der Stillstand der Handlung im Dialog und umgekehrt der Stillstand der Reflexion in der Handlung aufgehoben werden können. Das "sagte er" gibt es bei ihm nicht mehr, oft wird man direkt aus dem Dialog in den Ort oder die Zeit, über die gerade gesprochen wird, transportiert, oft beginnen Dialoge mitten in den Beschreibungen, und Leute unterbrechen sich dauernd. Man weiß zwar so nicht immer genau, wo man gerade ist oder wer gerade spricht, aber irgendwie stimmt dann schon alles. Auch diese Technik ist dem Film abgeschaut und nach einer Weile wird sie ganz selbstverständlich.

So riesig das Buch auch ist und so atemberaubend die Darstellung des Wissens und der Geschichte, die Kerneinheit von Pynchons Dichtung ist doch der Absatz. Aus Mason&Dixon hat er die hochfrequente, im Deutschen am ehesten an Kleist gemahnende Kommasetzung übernommen, ebenso das Vertrauen, dass verschachtelte Sätze den Leser nicht abhängen. Wörter kommen vor, an die man schon nicht mehr geglaubt hat. Der Absatz, selten länger als eine Dreiviertelseite, entwirft einen Gedanken oder eine Beschreibung in einem hohen Bogen, der in lyrischen Rhythmen wieder zurückkommt, am Ende oft das Gesagte noch einmal in Frage stellend, oder erhöhend.

Auf jeder Seite dieses Romans sprudeln Vergleiche, Wortkaskaden, Einsichten, für die andere Schriftsteller kapitelweise schuften müssen. Selbst wenn es in diesem Roman um nichts ginge, dieser in jeder Hinsicht unfassbare Reichtum schon würde ihn - man möchte mit Nietzsche sagen: auf ewig-rechtfertigen. Es geht aber um etwas, nämlich um die Archäologie des ersten Weltkriegs.

Wir sind vom Schrecken des Holocausts so verstrahlt, dass wir nicht mehr sehen können, welchen Bruch im Projekt Zivilisation diese Katastrophe dargestellt hat. Krieg war bis dahin ein extremer Ausdruck von Rationalität und Wissenschaft gewesen, Fortsetzung der Politik eben. Nun aber begann ein Krieg aufgrund einer Serie von diplomatischen Pannen und kleinlichsten Partikularinteressen, und er wurde geführt von inkompetenten und zynischen Befehlshabern, die eine ganze Generation Männer zu opfern bereit waren, oft wegen weniger Meter Bodengewinn.

Pynchon versucht, die Faktoren zu isolieren, die zu diesem Kollaps beigetragen haben. Dazu gehören, wie schon in Gravity's Rainbow, die Wissenschaften, die leicht korrumpierbar sind, aber gleichzeitig die Möglichkeit eines Neuanfangs bergen. In Against the Dayist die Mathematik zentral, da sie im späten 19. Jahrhundert einen Zugang zu Regionen der Mystik, genauer: zu neuen Erfahrungen von Raum und Zeit aufdeckte, ihn aber gleich wieder verschloss. Die Relativitätstheorie ist für Pynchon ein fauler Kompromiss, der gegen die Möglichkeit des Äthers und die Bildbarkeit der Zeit geschlossen wurde. Das ist manchmal emphatisch, meistens aber komisch bis albern vorgetragen; hie und da ein Blick in Wikipedia hilft zur Orientierung, ist aber nicht unbedingt notwendig zum Lesegenuss.

Der grenzenlosen Inkompetenz europäischer Politik steht die Habgier amerikanischer Plutokraten gegenüber. Wie in seinen vorigen Romanen geht Pynchon auch hier naiv davon aus, dass der Böse weiß, dass er böse ist, wo doch noch jeder Stahlbaron tief überzeugt war, ein Wohltäter der Menschheit zu sein. Auf der anderen Seite gehen die dynamitschmeißenden Anarchisten vielleicht ein bisschen zu fröhlich zu Werke. Doch die Rekonstruktion des Anarcho-Syndikalismus und seiner sozialen Utopien ist gerade angesichts des blutigen Manichäismus' unserer Tage erfrischend und beeindruckend, besonders in der hinreißenden Beschreibung Chicagos am Ende des 19. Jahrhunderts.

Sollte man für diesen so vielgestaltigen Roman ein übergreifendes Thema angeben, so wäre es das aller großen amerikanischen Romane: die Suche nach innerweltlicher Erlösung. Kann man ohne auf Gott, die Verzweiflung oder die Askese zu verfallen, ein Leben in aller Fülle führen und zufrieden sterben? Pynchon bejaht diese Frage nicht nur in seinen Figuren und in seinem ungebrochenen Glauben an die Heilkraft von Sex&Drugs&Rock'n'Roll, sondern kräftiger noch in der Gabe seines Romans selbst. Drogengenuss ohne Kater, Sex ohne schlechtes Gewissen, Henry James (das Spätwerk) lesende Hunde: natürlich ist dies ein utopischer Roman. Doch die Stunden seiner Lektüre sind real und real beglückend. Leider aber auch unwiederbringlich. Die wirkliche Utopie wäre die Verfilmung von Against the Day. Regie: Jim Jarmusch. Musik: Tom Waits.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion