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Hollywood, April 1939. Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque beim Dinner. Die Dietrich fesselte den Schriftsteller über Jahre, soll gar eine Schaffenskrise ausgelöst haben.

Erich Maria Remarque

"Dritten Tag nicht getrunken, nicht geraucht. Erträglich, aber langweilig"

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Können schöne, reiche Männer gute Bücher schreiben? Erich Maria Remarque konnte. Ein Porträt von Wilhelm von Sternburg über den Lebemann, Einzelgänger, Pazifisten und Autor des mit Abstand meistgelesenen Romans über den Ersten Weltkrieg.

Er neigte dazu, sein Leben zu stilisieren. Schon bevor ihn der Ruhm sozusagen über Nacht einholte, gab er seiner Existenz etwas Schillerndes. Den zweifellos nüchternen Geburtsnamen Erich Paul Remark „verschönerte“ er, indem er Paul durch Maria ersetzte, und – legitimiert durch den französischen Ursprung seiner Vorfahren – aus Remark wurde Remarque. Als Kriegsheimkehrer zierte er sich in den wirren frühen Jahren der ersten deutschen Republik mit der ihm nicht zustehenden Leutnantsuniform, mit Monokel, Reitpeitsche und Schäferhund, um den Provinzlern im heimischen Osnabrück zu imponieren. Später, im tosenden Berlin – die „Golden Twenties“ überdeckten noch den politischen und wirtschaftlichen Verfall –, spielte er den Rennfahrer, den schlachtenerprobten Soldaten, den eleganten Dandy, kaufte sich der Spross aus dem westfälischen Kleinbürgertum einen Adelstitel – Freiherr von Buchwald –, was eigentlich nur noch komisch wirkte. 

Dann schrieb er einen der wichtigsten Romane seiner Zeit, ein Buch, das innerhalb weniger Monate zum internationalen Bestseller wurde, seinen Namen um die Welt trug und ihm einen Platz in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts sicherte. „Im Westen nichts Neues“ machte ihn zum politisch umstrittensten Autor der späten Weimarer Jahre. Es begann für ihn ein Leben der Widersprüche. Er wurde eine öffentliche Person, und er drohte daran zu zerbrechen. 

Die Welt fordert bald von ihm Interviews, politische Stellungnahmen, später, wenn er an der Seite der großen Hollywood-Diven zu sehen sein wird, füllt sein Name nicht mehr nur die Spalten der Feuilletons und der Literaturzeitschriften, sondern auch die Klatschseiten der Regenbogenpresse. Auf den „Rummel“ um seine Person reagiert er mit Verunsicherung, er verweigert öffentliche Äußerungen über private Angelegenheiten, und wenn die Fotografenmeute hinter seinen berühmten Begleiterinnen herjagt, wendet er das Gesicht ab oder verdeckt es mit der Hand. Noch im März 1948 klagt die „Offenbach Post“ in einer Bildunterschrift: „Vierzehn Telefonanrufe und fünf Briefe mussten seitens der Redaktion gestartet werden, um in den Besitz eines Fotos von Erich Maria Remarque zu kommen.“ 

Das überraschende Glück des Reichtums ermöglicht es Remarque, vielen Wünschen rücksichtslos nachzugeben. Großzügig beschenkt er die schönen, ebenfalls oft reichen Frauen in seiner Umgebung. Er pflegt seine Liebe zu wertvoller Kunst, hat keine Probleme, die Ortswechsel zu finanzieren, die seinen Lebensrhythmus bestimmen. Davos, St. Moritz, die Riviera, Rom, Paris, New York, Hollywood – er sucht die mondäne Welt, genießt lebensneugierig, was sie zu bieten hat. Er ist ein Zechkumpan, der sich burschikos, manchmal sogar vulgär gibt, aber auch ein hilfreicher, kluger Ratgeber denen, die ihn nicht enttäuschen. Denn er ist höchst empfindsam, Kränkungen vergisst er nie, er kann sehr ironisch, manchmal zynisch werden. Er lacht gerne, argumentiert witzig, liebt fröhliche Plaudereien und den Klatsch, der in der Welt der Hollywoodstars, in den Emigrantenkreisen New Yorks, aber auch im kleinen Ascona in der Schweiz, wo sich zeitweise viel Prominenz aufhält, reichlich blüht.

Remarque sieht blendend aus und kleidet sich stets mit konservativer Eleganz. Frauen begleiten sein Leben, und er spielt nicht mit ihnen, er braucht sie: im Bett, beim Diner, beim Frühstück (das für ihn meist erst um die Mittagszeit stattfindet) nach einer Alkoholnacht, als Gesprächspartnerinnen in dunklen Stunden, als praktische Ratgeberinnen des Alltags, als Spiegel für die eigene männliche Vergewisserung. Dreimal heiratet er (zweimal dieselbe Partnerin), aber immer gibt es viele. Und berühmte. Marlene Dietrich, die ihn über Jahre fesselt, liebt, quält und eine anhaltende Schaffenskrise auslöst, Greta Garbo, die von den Kinobesuchern in aller Welt bewunderte „Göttliche“, Lupe Vélez, die später in Hollywood Selbstmord begeht, oder Natalia Paley, Mannequin, Schauspielerin und Nichte von Zar Alexander III., mit der Remarque in den Vierzigerjahren berauscht und leidend liiert ist. Und in den letzten beiden Lebensjahrzehnten Paulette Goddard, amerikanischer Filmstar, einst Ehefrau von Charlie Chaplin.

Hinter allem aber lauern stets und unbesiegbar die Selbstzweifel und die Depression. Überwältigt haben sie Remarque nicht, der Lebenswille ist stärker (und die Todesangst). Hier und nicht in seinen Lebemanneskapaden liegt die – um es ein wenig pathetisch zu formulieren – wirkliche Tapferkeit dieses Schriftstellerlebens. Er gibt nicht auf, zäh und in den letzten Jahren physisch angeschlagen schreibt er Roman für Roman. Seine Lebensdroge ist der Alkohol. Ein Trinker, der sich zwar gesundheitlich ruiniert, der aber weder sozial noch psychisch an seinem Lebenselixier zugrunde geht. Ernsthaft hat er sich nur für kurze Zeitabschnitte gegen die Sucht gewehrt: „Dritten Tag nicht getrunken, nicht geraucht. Erträglich, aber langweilig. Werde diese Abstinenz irgendwann wieder aufgeben.“

Vierzehn Romane schrieb Erich Maria Remarque (der letzte blieb unvollendet), mindestens drei Theaterstücke, einige Drehbücher, Hunderte Kurzgeschichten, Gedichte und journalistische Artikel und Reportagen. Einiges empfand er später als „Jugendsünden“, sein Opus 1 war für die literarische und politische Öffentlichkeit „Im Westen nichts Neues“. Seine Bücher wurden in mindestens 65 Sprachen veröffentlicht, bis heute erscheinen Neuauflagen und Neuübersetzungen. Die spannenden, sentimentalen, realistischen, von tiefer Lebensskepsis und einem ungebrochenen Humanismus geprägten Geschichten, die er erzählt, boten den Stoff, den Hollywoods Studiobosse begierig aufgriffen. Seine Romane wurden so auch ein Stück Filmgeschichte. 

Remarque trug selbst dazu bei, dass das Politische in seinem Werk häufig übersehen wurde. Er sei unpolitisch, betonte er nach der Veröffentlichung von „Im Westen nichts Neues“. „Dies Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein“, setzte er vor den Beginn seiner Geschichte über Paul Bäumer und eine Generation, „die vom Krieg zerstört wurde“. Seine Kritiker nahmen das ernst, stempelten ihn zum literarischen Leichtgewicht ab, spotteten über den „Erfolgsschriftsteller“ und übersahen geflissentlich die zeitgeschichtlichen Dimensionen, die er in seinen Büchern engagiert aufgriff: den Ersten Weltkrieg („Im Westen nichts Neues“), das Drama der Weimarer Republik („Der Weg zurück“, „Drei Kameraden“, „Der schwarze Obelisk“), die Emigration („Liebe Deinen Nächsten“, „Arc de Triomphe“, „Die Nacht von Lissabon“, „Schatten im Paradies“), die Hölle der Konzentrationslager („Der Funke Leben“), den Zweiten Weltkrieg („Zeit zu leben und Zeit zu sterben“). 

Remarque schrieb Zeitromane. Selbst dort, wo er zurückblickt, ist es die Gegenwart, die er anspricht. Nicht der zehn Jahre zurückliegende Krieg, sondern seine massenpsychologischen Folgen sind das eigentliche Anliegen von „Im Westen nichts Neues“. „Und ich weiß“, heißt es im Roman, „all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod.“ „Der Funke Leben“ oder „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ greifen in der restaurativen Frühzeit der Bundesrepublik zwei Themen auf – das entsetzliche Schicksal der KZ-Häftlinge und die Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront –, die zur Zeit ihrer Veröffentlichung im Adenauer-Staat verdrängt und verleugnet wurden. Erst viel später, als die Historiker ernsthaft damit begannen, die Hintergründe der Katastrophen der deutschen und der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ohne ideologische Scheuklappen darzustellen, zeigte sich, mit welch sicherem Gespür Remarque das Elend seiner Zeit, die jämmerlichen Verdrängungen der Täter, die Leiden der Opfer erfasst hatte. 

Remarque litt darunter, dass jede spätere Veröffentlichung am Sensationserfolg von „Im Westen nichts Neues“ gemessen wurde, die folgenden Romane ungerechterweise im Schatten dieses Buches standen. Übel nahm ihm die veröffentlichte Meinung oft, dass er sich nicht einordnen ließ in die parteilichen Flügelkämpfe, die seine Zeit so fatal beherrschten. Er schwieg außerhalb des Werkes lange, blieb den Streitereien im Lager der deutschen Exilanten fern, unterschrieb nur höchst selten politische Resolutionen, entzog sich den zahllosen Veranstaltungen, in denen leidenschaftlich und nicht immer sehr niveauvoll über Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, Kommunismus und Volksfront, Spanienkrieg und Faschismus, Moskauer Prozesse und die Nachkriegsordnung debattiert wurde. 

Erinnerungsunfähigkeit der Deutschen

In seinen Romanen stehe alles, was er zu sagen habe, ließ er die aufgeregten Journalisten und Kollegen wissen, die ihn zu Bekenntnissen und Unterschriften aufforderten. Erst am Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren bundesdeutscher Verdrängungsakrobatik gab er seine Zurückhaltung auf. Da klagte er die Erinnerungsunfähigkeit der deutschen Gesellschaft öffentlich an, warnte angesichts der Ost-West-Konfrontation vor einer neuerlichen, weltumspannenden militärischen Auseinandersetzung. 

Remarques Prosa ist einfach, seine Geschichten sind geradlinig und unterhaltsam. Es sind realistisch erzählte Romane, keine Experimentalliteratur. Remarque braucht keine Verteidiger, seine Bücher sprechen für sich. Sie müssen nur auch von denen genau und unvoreingenommen gelesen werden, die darüber ihre öffentlichen Pauschalurteile fällen. Dem Weltbild eines bürgerlichen Kritikers oder Hochschullehrers entspricht es zudem zweifellos ganz und gar nicht, dass einer ein ernstzunehmender Schriftsteller sein soll, der sich im Kreise von Filmstars zeigt, Autos liebt, über „Das Mixen kostbarer Schnäpse“ räsoniert oder in seinen Anfangsjahren Werbetexte über Autoreifen reimt („Warum in die Ferne schweifen, fahre lieber Conti-Reifen“) und als Sportjournalist die Berliner Arenen besucht. Wenn schon Frauen und Alkohol, dann bitte schön auch verkanntes Genie. 

Die Leser hat das nie verschreckt. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der wichtigen deutschsprachigen Autoren, die vor dem „Dritten Reich“ ins Exil geflohen waren, von den bundesdeutschen Verlagen übersehen und vergessen. Zumal sie im anderen Deutschland, in der DDR, schon sehr früh gedruckt, geehrt (und auch ein Stück missbraucht) wurden. Für Erich Maria Remarque galt dies nicht. Seine Bücher wurden zwar zunächst nur zögerlich in die westdeutschen Verlagsprogramme aufgenommen, aber der Name des Autors von „Im Westen nichts Neues“ besaß nach wie vor im Publikum einen hohen Stellenwert. Sein Werk – zumal nach dem Welterfolg von „Arc de Triomphe“ (1945) – musste nicht „wiederentdeckt“ werden.

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