Scholem Alejchem

Der dritte Klassiker

Zum 100. Todestag von Scholem Alejchem, dessen Bücher heute auch Juden in Übersetzung lesen müssen.

Von Oleg Jurjew

Vor genau 100 Jahren, am 13. Mai 1916, verstarb Scholem Alejchem, der große Erzähler der jiddischen Literatur. Dies geschah in den USA, wo sich bereits viele seiner Kollegen, Leser und Helden angesiedelt hatten. Ein jiddischer Autor stand schon immer in einer engeren Beziehung zu seinem Publikum, als das in anderen Literaturen der Fall ist: Er musste dieses Publikum immer wieder überzeugen, beim Jiddischen zu bleiben, nicht zum Hebräischen oder zu einer anderen, nichtjüdischen Sprache überzuwechseln. Er musste diesem Publikum auch folgen, wenn es sich in Richtung des einen oder anderen Schlaraffenlandes absetzte.

So kam diese, eher erzwungene Übersiedlung zustande: 1914 hielt sich Scholem Alejchem in Deutschland auf, bei Kuren (er war schwindsüchtig). Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er als russischer Staatsbürger interniert, des Landes verwiesen und anschließend in das neutrale Dänemark abgeschoben. Von dort fuhr er nach Amerika. Schwer zu sajn a jid, wie der Titel eines Buches von ihm lautet. In der Tat.

Schólem Aléjchem ist die jiddische Aussprache der hebräischen Alltagsbegrüßung – Friede mit Euch. Der Schriftsteller, der sich dieses Pseudonym gewählt hat, hieß mit bürgerlichem Namen Salomon Rabinowitsch und wurde 1859 im ukrainischen Perejaslaw geboren, das heute Perejaslaw-Chmelnitskij heißt, zu Ehren eines der größten Judenschlächter in der gesamten europäischen Geschichte, des ukrainischen Getmans Bogdan Chmelnitskij (1595–1657), der in ebendiesem Städtchen 1654 den großen Kosakenrat einberief, um die Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland zu besiegeln.

Bald nach Scholem Alejchems Tod wurde in Amerika die Gesamtausgabe seiner Werke in 28 Bänden gestartet (Ale werke, 1917–1923). Ich weiß nicht, welcher Ausgabe das Bändchen entstammte, das bei uns zu Hause ohne Nutzer herumlag. Mein Großvater konnte als einziger in unserer Familie jiddisch lesen, aber auch er bevorzugte russisch. Sechs beige Bände von Scholem Alejchem in russischen (in der Regel sehr guten) Übersetzungen aus den 60er Jahren standen in unserem Regal. In einem von ihnen, in der Nr. 3, wenn ich mich recht erinnere, las ich vor vierzig Jahren „Mottl der Kantorsohn“ ...

S’is mir gut – ich bin a jossem, so klingt der berühmteste Satz der jiddischen Literatur, zumindest der außerhalb der jiddischen Literatur berühmteste. Andererseits ist heute für die jiddische Literatur fast überall außerhalb.

S’is mir gut – ich bin a jossem, wiederholt immer wieder der kleine Titelheld des „Mottl der Kantorsohn“ (Motl Pejssi dem chasns, 1908) – sinngemäß übersetzt: Ich habe Glück – ich bin eine Waise. Seine Familie wandert aus dem von Pogromen und Revolutionen erschütterten Russischen Reich aus – durch das ungastfreundliche Europa nach Amerika, ins „Land der Freiheit“, wo auch keine Piroggen auf Bäumen wachsen. Ihr Weg dorthin, mit den neugierigen, neckischen, aber wohlwollenden Augen eines Stetlknaben gesehen, gehört zu den lustigsten, traurigsten und liebenswürdigsten Texten der Weltliteratur. Niemand ist ihm, dem Mottl, wirklich böse, egal was er anstellt oder sagt, denn er ist eine Waise: sein Vater, der Kantor Pesja, ist kurz vor der Abreise gestorben.

In einem sehr traurigen und keineswegs ironischen Sinne ist die jiddische Literatur auch eine Waise. Einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Itzik Manger (1901–1969), der aus Czernowitz stammte und im Unterschied zu Paul Celan nicht deutsch, sondern jiddisch als Poesiesprache gewählt hatte, sagte 1946 bei der Eröffnung eines Mahnmals für die beim Aufstand im Warschauer Ghetto gefallenen Juden: „Früher kam das Volk zu den Gräbern seiner Dichter. Heute kommen Dichter zum Grab ihres Volkes.“ Eine solche Verwirklichung seines „ich bin a jossem“ hätte sich Scholem Alejchem kaum vorstellen können.

Seine ersten Werke erschienen auf Russisch und auf Hebräisch, aber bald hatte er sich für das Jiddische entschieden – für die Sprache, die damals verächtlich „der Jargon“ hieß und sich gerade zur Literatursprache des osteuropäischen Judentums entwickelte. Die jiddische Literatur erlebte eine kurze (man kann ihr aktives Leben auf ca. 100 Jahre schätzen, von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts), aber erstaunliche Blütezeit und brachte unzählige große Namen und Werke hervor, bis sie durch die Katastrophe des osteuropäischen Judentums, die Assimilation der Juden in den Diasporaländern und den Zionismus, der das Hebräische als die Sprache Israels durchsetzte, beinahe versiegte.

Scholem Alejchem war der „dritte große Klassiker“ dieser Literatur (nach Mendele Moicher Sforim und Jizchok Lejb Perez) und bleibt der bekannteste unter ihnen, nicht zuletzt dank des Broadway-Musicals und des Hollywood-Films „Fiddler on the Roof“ (dt. „Anatevka“) nach seinem „Tewje, der Milchmann“ (1894), der nun im Manesse-Verlag in der Übersetzung von Armin Eidherr wieder vorliegt.

Dieser melancholische, komische, menschliche Roman hat seine Broadway- und Hollywood-Verunstaltung wahrlich nicht verdient! Tewje springt von einem Unglück ins andere, insbesondere seine Töchter bereiten ihm viel Kummer, aber er spricht ernsthaft und aufrichtig mit Gott sowie mit seinem Autor, Scholem Alejchem, der in diesem Zusammenhang auch eine Art Gott ist: Er hat ja den Tewje erschaffen und kann ihm nicht weiter helfen, nur zuhören. Tewje macht bei diesen Gesprächen immer wieder Scherze wie: Lass uns über lustigere Dinge sprechen. Was hört man über die Cholera in Odessa?

Diese Scherze sind nicht zum Unterhalten da und keine Verniedlichung, sie demonstrieren keine Frohnatur des alten Milchmanns, sie sind einfach das Einzige, was die menschliche Würde eines armen Dorfjuden wiederherstellen kann, der von allen und jedem abhängig ist – von den Kunden, die geruhen, die Milch seiner zwei Kühe zu kaufen, von den Töchtern, die mit ihren Allüren sein Leben schwer machen, vom Polizeimeister und vom Popen. Und vom Gott.

Das ist kein Schicksal, das für die sentimentale und selbstzufriedene emotionale Ausbeutung der „jüdischen Leiden“ geschaffen ist, zu dem das Leben der osteuropäischen Juden in heutigen Medien degradiert wurde, das ist kein Gegenstand von idiotischen Tänzchen und verkitschten Liedchen mit falschen (d.h. nicht jiddischen und nicht russischen, sondern wahrscheinlich polnischen) Ausrufen „na sdrowje“. Das ist ein wirkliches Leben am Ende des 19. Jahrhunderts, und das ist die wirkliche Art und Weise, wie man als armer Jude auf seine Unglücke, auf sein Schicksal reagiert.

Der alte Tewje und der kleine Mottl sind nur zwei aus der schier unendlichen Reihe der liebenswürdigen, listigen, scherzenden und weinenden Helden von Scholem Alejchem, dieser zahllosen Verwandten des Hiob. Es lohnt sich, sie alle, einen nach dem anderen, kennenzulernen.

Aber die jiddische Literatur besteht bei weitem nicht nur aus Scholem Alejchem und den anderen großen „Realisten“ des 19. Jahrhunderts. Diese Literatur hat auch eine eigene mächtige Moderne – zum Beispiel Isaak Baschewis-Singer (1902–1991, Literaturnobelpreis 1978), wie auch sein älterer Bruder Isroel-Jeschua Singer (1893–1944). Die jiddische Lyrik ist reich an großen Namen – wie der erwähnte Itzik Manger oder Avrom Sutzkever (1913–2010). Nur müssen die Juden von heute die Werke der jiddischen Dichter in russischen, hebräischen, englischen, deutschen und anderen Übersetzungen lesen.

Wenigstens das, würde Tewje seinem Gott und seinem Autor achselzuckend sagen.

Und was Mottl sagen würde, ahnen Sie schon.

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