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Zensur der Moderne

Drei Schritte hinterher

Das Bild vom "Araber" im amerikanischen "talk radio"

Von Sheila MacVicar

Das so genannte talk radio ist ein amerikanisches Phänomen: viel Rhetorik und wenig Substanz, viel Lärm kombiniert mit einer fast gänzlichen Abwesenheit von faktischer Berichterstattung. Bei meinem kürzlichen Ausflug in diese Welt lernte ich, dass es auch ein Ort ist, an dem Vorurteile und Klischees als Nachrichten gehandelt werden.

Als Resultat einer achttägigen Reise von Amman nach Damaskus und Beirut hatte ich einen Dokumentationsfilm für CNN gemacht. Er trug den Titel The Arab Street und während sich die USA und Britannien auf einen Krieg vorbereiteten, hatte ich in diesem Teil der arabischen Welt die öffentliche Meinung zu erkunden versucht. Man bat mich, als Teil der Werbung für die Dokumentation in einigen Talkshows dieser Sender aufzutreten.

Mein erster Auftritt war bei einem Duo an der Westküste, das sich Young and Elder nennt; die beiden haben sich zusammengetan, nachdem sie als Kabarettisten nicht so recht erfolgreich waren - ihre Sendung wird inzwischen von vielen Sendern in den gesamten USA übernommen. Ich sprach über das, was mir die Menschen von ihrer Angst und ihren Befürchtungen hinsichtlich der Ziele der USA erzählt hatten. Sie fragten mich: "Und mussten Sie ganz in schwarz gekleidet immer drei Schritte hinter ihnen laufen?" Wenn ich im Fernsehen gewesen wäre, hätten die Zuschauer in diesem Moment sehen können, wie mir das Kinn runterfiel. Nein, antwortete ich, aber ich sei auch nicht gekleidet gewesen wie für einen Strandbesuch in Kalifornien; allerdings sei fraglich, an wie vielen Orten der Welt man in der Öffentlichkeit erscheinen könnte mit nur drei winzigen Stoffdreiecken bekleidet. Als nächstes war eine Show in Washington dran - in USA Today gilt sie als eine der 25 national einflussreichsten Shows des Landes. Dort wurde mir gesagt: "Kapieren die denn nie? Ohne uns säßen sie doch wieder auf Kamelen!" Ein anderer talk radio-Moderator interessierte sich vor allem dafür, ob ich bei meinen Interviews Angst vor den Arabern gehabt hätte.

Vieles davon hätte man noch amüsant finden können. Aber einer im Januar 2003 veröffentlichten Gallup-Umfrage zufolge geben 23 Prozent der dort Befragten solche Sendungen im talk radio als ihre tägliche Nachrichtenquelle an - das ist eine Verdoppelung in nur vier Jahren.

Al Rantel vom Sender KABC-740AM, selbst Moderator einer solchen Sendung, sagte: "Wir sollten uns nichts vormachen: talk radio ist Unterhaltung. Es schmeichelt mir zwar, dass so viele Menschen uns für vertrauenswürdig genug halten, dass sie ihre Nachrichten von uns beziehen." Aber, so fügte er hinzu: talk radio ist "eine dreistündige Meinungsseite. Die Leute sollten begreifen, dass dies nur Meinung und Kommentar ist und dass wir beileibe nicht unparteiisch sind."

Das eine ist, sich über innenpolitische Streitereien im Äther auszulassen (die meisten Moderatoren sind Republikaner), etwas anderes jedoch, derart krass mit Ignoranz, Vorurteil und Rassismus aufzuwarten. "Dies trägt nicht zu einer informierten Demokratie bei", sagte Amy Mitchell vom Projekt Excellence in Journalism, einer Gruppierung, die sich für eine Verbesserung journalistischer Standards einsetzt.

Talk radio und ein insgesamt wachsender Trend zu Meinungsäußerungen, die sich als Infotainement aufmotzen, versagen vollständig als Verständnishilfe für die Öffentlichkeit und geben ihr kein Fundament durch Fakten, die allein zu einer eigenständigen Interpretation der wichtigen Themen des Tages verhelfen könnten. Außerdem verstärken sie traditionelle Stereotypen, die keinerlei Kenntnis über den Gegenstand verraten.

Auch lange nach dem 11. September, so scheint es, haben Amerikaner noch nicht begriffen, aus welch tiefen Wurzeln sich die Wut im Nahen Osten nährt. Diese Wut wird auch von Mitgliedern der arabischen Mittelschicht ausgedrückt, die vieles an den Vereinigten Staaten bewundert und nicht selten dort einen Teil ihrer Bildung und Ausbildung absolviert haben; auch sie sind zutiefst irritiert über die amerikanische Politik, insbesondere in Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, der als "zentraler Konflikt der Region", wie es der jordanische Außenminister im Gespräch ausdrückte, gesehen wird.

Ich hörte junge, im Westen ausgebildete Araber darüber sprechen, dass Amerika sich auf dem Weg in eine neue kolonialistische Ära der Besatzung befindet. Die Frage der Demokratie? Mit wem ich auch sprach, keiner glaubt, dass die USA auch nur das geringste Interesse daran haben, die Demokratisierung der Region zu fördern; und sie selbst wiederum hatten keinerlei Interesse an einer Demokratie, die man ihnen aufzwingen würde. Absolventen amerikanischer Universitäten erzählten mir, dass es ihnen inzwischen unangenehm sei, für Anhänger der Demokratie gehalten zu werden. Die allgemeine Ansicht darüber ist heute, dies sei nichts anderes als eine Quisling-Haltung gegenüber den Amerikanern, wie mir einer der wichtigsten regionalen Berater sagte.

Das alles sind komplizierte und schwierige Fragen in komplizierter und schwieriger Zeit. Mir scheint, dass 22 Prozent und mehr der amerikanischen Bevölkerung bessere Informationen zu diesen Themen verdient haben.

Sheila MacVicar ist Korrespondentin von CNN.

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