Pop, Rock, Punk

Drei Mal Deutschland

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Bücher über Musik aus der Heimat – und besonders über das Lebensgefühl dazu.

Techno, der Musikstil, sei „größer als Rock und Pop zusammen“ zitiert Christian Arndt in seinem ganz frisch erschienenen Buch aus der Szene: eine Bewegung, ein Lebensgefühl, ein deutscher Exportschlager. Und erklärt auf 240 Seiten, wie es dazu kommen konnte und was alles drinsteckt in den Beats, die traditionellen Musikhörern oft als die ärmere Variante erscheinen. „Die Teutonen konnten Technik“, blickt der Frankfurter Kulturwissenschaftler, Musikverleger und Journalist zurück auf die Wurzeln – und findet sie musikalisch sogleich im Krautrock.

Segen und Fluch der Loveparade behandelt er ebenso wie die wichtigsten Clubs und DJs. Wie sagt der DiscJockey Westbam: „Techno ist eine Musik, die nach Maschinen klingt – und nicht Maschinen, die nach Musik klingen.“

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung passt: Die Musikmesse steht vor der Tür, die sich immer weiter zur blinkenden Technikschau verändert, und vor allem: Frankfurt hat bald das allererste Museum für elektronische Musik. Den Titel „Electronic Germany“ borgte sich Arndt bei DJ Hell und Anthony Rother, die den Begriff in einer Hommage an Kraftwerk verwendeten: „Rhythmus – Melodie, Klangbaustein – Symphonie, Electronic Germany“. Eine musikalische Weltsprache nennt der Insider Arndt die Techno-Bewegung. Sein Buch ist auch grafisch ein Erlebnis.

Und damit zu etwas völlig anderem: Punk. Man kann eigentlich nicht sagen, dass Karl Nagel ein Buch darüber geschrieben hat. Erstens sind es zwei Bücher auf einmal: eines, in dem der 58-Jährige aus seinem Leben erzählt, und ein zweites, in dem er sich wundert, wie es geschehen konnte, dass das andere Buch nach all den Jahren doch noch fertig wurde. Zweitens schreibt Nagel nicht über Punk, er lebt ihn. Und drittens heißt er gar nicht Karl Nagel, sondern Peter N. Altenburg, und wird auf Wikipedia als „Politiker“ geführt, weil er 1998 als Kanzlerkandidat antrat: für die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD). Es hat nicht ganz geklappt.

In Erscheinung trat der gebürtige Wuppertaler besonders als Inhaber des größten Punk-Fotoarchivs weit und breit, außerdem bei den sogenannten Chaostagen, mit denen die Punkszene seit den achtziger Jahren regelmäßig für Aufruhr sorgte – und beinahe mit einem Terroranschlag 2004 in Berlin.

Damit beginnt das (dickere) Buch: Nagel beschreibt sich selbst als Security-Chef bei der Verleihung der Goldenen Kamera, der nach einigem Hin und Her beschließt, doch nicht alles mit einem automatischen Schießgewehr kurz und klein zu ballern.

Man muss Nagels drastische Sprache nicht unbedingt mögen, aber was er beschreibt und wie er es beschreibt, wirkt enorm authentisch und transportiert ein riesiges Kapitel Punkgeschichte. Den Soundtrack dazu, Coverversionen deutscher Klassiker etwa von den Fehlfarben, SYPH, KFC und Nichts, hat er löblicherweise ebenfalls veröffentlicht – selbstverständlich auf einer Vinylschallplatte.

Breiter gefächert, aber ebenfalls auf die hiesige Musikgeschichte bezogen ist Manfred Preschers Buch über die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik. Und die lässt sich weit fassen, diese Geschichte. Von Reinhard Mey bis Rammstein, von Roy Black bis zu den Toten Hosen, von Ton Steine Scherben bis – musste ja kommen – Helene Fischer. Interessanterweise steigt Prescher wie auch Karl Nagel mit einem Ereignis aus dem Jahr 2004 ein, hier: mit dem rasanten Niedergang der Verkaufszahlen von Tonträgern. Also erlegte der Bundestag vor 15 Jahren den Radiosendern eine Quote auf: 35 Prozent deutsch. Eine Maßnahme, die heute albern wirken würde, resümiert der 57-jährige Autor und Radiomoderator Prescher. Inzwischen lägen die deutschsprachigen Produktionen in Hitparaden, Verkäufen und Radiopräsenz weit vorn.

Was an dieser Reise durch die Jahrzehnte besonders besticht: Bei seinen Stippvisiten in Operette, Schlager, Pop, Rock, Punk und Metal ist Prescher schön nah dran. So erzählt er etwa von seiner eigenen Geschichte mit Udo Lindenberg, dessen Musik ihm hilft, sich in der Pubertät abzugrenzen vom Schlagermief: „Bei mir – und bei vielen anderen – geht die Kindheit mit und dank Udo Lindenberg glücklich zu Ende.“ Als Prescher erwachsen wird, hat Udo für ihn erst mal ausgedient. Später entdeckt er ihn voller Hochachtung wieder – zu Recht, denn Udo lebt, und er ist auch 2019 wieder auf Tour.

Das Buch ist aber weitaus mehr als ein Udo-Buch. Es umfasst tatsächlich die ganze Bandbreite populärer deutscher Musik und gibt jede Menge Anspieltipps zum Weiterhören.

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