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9. November 1989.

DDR

Dramatische Umstände

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Als sich das Virus der Freiheit Stück für Stück durch virtuelle und reale Mauern arbeitete: Karl-Heinz Baum und Thomas Schiller erinnern mit einem Sammelband an die Stationen der Wende.

Wer alt genug ist, das Ende der DDR bewusst erlebt zu haben, mag sich eine Eselsbrücke bauen: Für die Nachgeborenen ist die Wende von 1989 weiter weg, als es zum Beispiel für die 68er das Ende des Zweiten Weltkriegs war. So ein Vierteljahrhundert ist zwar zu kurz, als dass die persönliche Erinnerung der Zeitzeugen schon in der historisierenden Betrachtung vollends aufgegangen wäre. Aber es ist lang genug, um nach Wegen zu suchen, die den Nachgeborenen das Geschehene auf neue Weise „erlebbar“ machen – und der Erinnerung der anderen neu auf die Beine helfen.

Das Buch „Mit Kerzen haben sie nicht gerechnet“ macht diesen Versuch auf seine eigene, sehr sympathische Art und Weise. Mit Lehrplänen für den Geschichtsunterricht hat es so wenig zu tun wie mit historiografischer Tiefenanalyse – obwohl es für beide durchaus nutzbringend sein könnte. Es ist vielmehr eine Reise durch jene elf Monate vom November 1989 bis zum Oktober 1990, in dem die Ereignisse in stetig beschleunigtem Tempo der deutschen Einheit zustrebten.

Die Autoren sind gewissermaßen zurückgekehrt an die größeren und kleineren Stationen dieser Reise. Für Karl-Heinz Baum, der das Buch gemeinsam mit epd-Chefredakteur Thomas Schiller herausgegeben und auch die meisten der rund vier Dutzend kurzen Texte geschrieben hat, war es in vielen Fällen auch eine physische Rückkehr. Der nicht nur für seine ehemaligen Kollegen unvergessene Ex-Korrespondent der Frankfurter Rundschau weiß, wovon er redet, wenn er zum Beispiel die Vorgeschichte der Wende am Beispiel Jenas beschreibt.

Baum war dabei, als DDR-Bürger wie Roland Jahn, heute Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, 1983 dort ihre Freiheit riskierten, indem sie eine unabhängige Friedensgruppe gründeten. Er war dann natürlich auch 1989 bei den Montagsdemonstranten in Leipzig, die noch im Oktober eine militärische Niederschlagung fürchten mussten. Er war am 4. November bei der Großdemo am Alexanderplatz und schreibt zu jenem Moment, in dem die Angst vor öffentlichem Protest endgültig schwand, den schönen Satz: „An diesem Tag waren nicht mehr allein die Gedanken frei.“ Und natürlich war Baum an der Mauer, als sie fiel.

Aus der Anschauung heraus

Der mit Chronologien und Hintergrundinformationen angereicherte Band endet naturgemäß mit dem 3. Oktober 1990, dem Tag der Vereinigung. Aber die Autorinnen und Autoren rufen auch fast vergessene Stationen auf dem Weg dorthin in Erinnerung. So schildern sie noch einmal den Tag genau ein Jahr zuvor, den 3. Oktober 1989. Damals unterband die SED-Führung den freien Reiseverkehr in die Tschechoslowakei – ein letzter Versuch, die Menschen endgültig wieder einzusperren. Baum schildert das als Anlass größter Sorge bei der DDR-Opposition, dass nun der Gegenschlag folgen könnte. Und niemand wird sich dem erneuten Staunen darüber entziehen, dass der ganze SED-Staat genau ein Jahr später verschwunden war.

Das Vorwort zu dem kleinen Reiseführer durch das Ende der DDR-Geschichte hat Manfred Stolpe geschrieben, der letzte Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche in der DDR und spätere SPD-Politiker. Stolpe macht sich durch den Hinweis verdient, dass es die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) war und damit die Entspannungspolitik, die die Berichterstattung von Journalisten wie Karl-Heinz Baum und anderen, also freier Medien, aus der DDR erst ermöglichte. Er erinnert daran, wie er bei der Lektüre der Korrespondententexte manchmal fasziniert festgestellt habe: „So war es wirklich!“ Wovon ein DDR-Bürger bei Lektüre der Ostzeitungen ja wahrlich nicht ausgehen konnte.

Das kurze Nachwort schließlich stammt von Roland Jahn, und schreibt Stolpes Hinweis auf die Rolle freier – und freiheitlich orientierter – Medien in die Gegenwart fort: „Ihre Rolle zwischen den Systemen haben nicht wenige der Korrespondenten aktiv genutzt, um die Veränderungen in der DDR zu befördern.“ Und dieses Beharren darauf, den Ungehörten und Verfolgten eine Stimme zu geben, wertet Jahn keineswegs als Verletzung journalistischer Neutralitätspflicht, sondern als bleibende Aufgabe: „Es braucht kundige und mutige Journalisten, die ihr Berufsverständnis nicht einfach nur an dem messen, was ,meistgelesen‘ ist.“

Genau das waren Karl-Heinz Baum und viele andere in jener Zeit der Wende. Nun haben sie nachgezeichnet, wie das Virus der Freiheit sich Stück für Stück durch virtuelle und reale Mauern arbeitete. Sie bieten damit nicht nur Jüngeren eine gelungene Materialsammlung gegen das Vergessen. Und man beleidigt ihre Bescheidenheit nicht, wenn man hinzufügt: Sie haben damit den mutigen unter den DDR-Bürgern, aber auch ihrem eigenen Beitrag ein kleines Denkmal gesetzt.

Karl-Heinz Baum, Thomas Schiller (Hg.): Mit Kerzen haben sie nicht gerechnet. Das Ende der DDR – von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit. Evangelische Verlagsanstalt, 2015, 224 Seiten, 19,90 Euro.

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