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Das dramatische Talent

Oliver Hilmes zeigt die Hysterikerin Alma Mahler-Werfel auf und hinter ihrer Bühne

Von KATHARINA RUTSCHKY

Die knappste Auskunft über diese als Muse, Femme fatale und begnadete Gastgeberin, aber auch als egoistisches und antisemitisches Monstrum in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts berüchtigte Frau aus Wien liefert eine Szene aus dem Jahr 1963. Thilo Koch, damals ARD-Korrespondent in New York, war ihr Zeuge. Er besuchte die damals 84-jährige Alma Mahler-Werfel in ihrem letzten Domizil. Er wurde empfangen von einer alten Frau, die sich offenbar tagelang auf ihren Auftritt vorbereitet hatte und sich auf ihren Ruhm und ihr Wissen als intime Zeugin der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts verlassen wollte.

Das New Yorker Appartement unterlag am hellen Tag einer sorgfältigen Lichtregie. Mahler-Werfel hatte sich geschminkt, parfümiert und im Halbdunkel platziert, im verzweifelten Verlangen nach einem großen Auftritt. Es dauerte eine Weile, ehe der ehrfürchtige Koch realisierte, dass sein Gegenüber taub war, Fragen nicht beantwortete, sondern einen Text abspulte, den sie sich ausgedacht hatte. Ein Leben lang hatte Mahler-Werfel mit allen, aber auch allen Mitteln um Aufmerksamkeit für ihre Person gekämpft und jeden trouble, deren sie viele zu erzeugen wusste, als Lebenselixier genossen. Backstage kompensierte sie seit Jahrzehnten allerdings mit wenigstens einer Flasche Bénédictine pro Tag die Leere einer hysterischen Existenz.

Wenige Jahre zuvor erst hatte Willy Haas als Ghostwriter Alma Mahler-Werfels Erinnerungen für das Publikum präpariert. Diesem alten Hasen war es endlich gelungen, die Lebensgeschichte von Alma Schindler, verheiratete Mahler, Gropius und Werfel, der Geliebten von Kokoschka und Alexander Zemlinsky, aber auch eines dem Austrofaschismus zugeneigten katholischen Priesters (um nur einige zu nennen) so aufzubereiten und zu säubern, dass am Ende nichts übrig blieb, als eine pikante Sideshow auf die Kunst- und Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts.

Witwen berühmter Männer, und schon solche mit einem wilden Liebesleben, sind immer ein Fressen fürs Publikum, das es liebt, auch einmal Kulturheroen im allzumenschlichen Alltag mit heruntergelassenen Hosen zu sehen. Alma Mahler-Werfels Lebenserinnerungen, zuerst 1960 erschienen, befriedigten alle Bedürfnisse des Publikums nach Tratsch und Klatsch auf hohem Niveau. Die Frau selbst erschien sowohl als ein Muster patriarchalisch verfügter Einengung, konnte aber mit ihrem unbürgerlichen Beziehungsleben auch Punkte als Heldin der späteren Frauenbewegung sammeln.

Mahler, der erste Ehemann, hatte ihr aus Konkurrenzgründen das Komponieren untersagt und beanspruchte sie als Stütze in seinem pedantisch ganz auf seine Arbeit ausgerichteten Leben. Dass mit Mahlers Verbot eine Musikerin und Komponistin verhindert wurde, behaupteten spätere Forscherinnen. Den zahlreichen Leserinnen ihrer Erinnerungen imponierte eine interessante Frau, die ein großes Leben geführt und auf Augenhöhe Umgang mit Dutzenden von Geistesgrößen gehabt hatte.

Inszenierungen der Liebe

Die Verdienste von Oliver Hilmes neuer und für lange Zeit verbindlicher Biographie von Alma Mahler-Werfel sind zahlreich. Wer sich mit dieser Frau beschäftigen will, ist gut beraten, ihre von Willy Haas bearbeiteten Erinnerungen nicht mehr zu lesen, sondern auf dieses Buch zurückzugreifen. Das gilt für Kunst- und Sozialhistoriker genauso wie für Frauenforscherinnen, die sich für die Hysterie und andere Charakterformungen weiblichen Lebens, ihren Chancen und Misserfolgen in der Moderne interessieren.

Das sorgfältig recherchierte und unter Berücksichtigung des Nachlasses spannend geschriebene Buch ist aber auch dazu angetan, die Sphäre von Klatsch und Tratsch und Sensation, in denen berühmte Witwen und andere Nebenfiguren der Kulturgeschichte so oft angesiedelt sind, unter sich zu lassen und auf ein gescheites und anregendes Niveau zu heben. Das gelingt Hilmes durch eine präzise und aufgeklärte, undogmatische und intelligente Erzählweise. Er berichtet, wertet aber nicht, wie es sich für einen Biographen gehört, dessen Ziel es sein muss, ohne alle Beschönigungen, aber auch ohne Besserwisserei ein Leben zum Nutzen der Nachwelt so gerecht und richtig wie möglich zu überliefern.

Die Bewunderinnen von Alma Schindler, verheiratete Mahler, Gropius und Werfel und Leserinnen ihrer Erinnerungen werden staunen. Ihr Sexualleben beweist nicht ihren instinktiven Widerstand gegen eine überholte, für Frauen besonders einengende Moral, sondern ihr Bedürfnis nach dramatischen Inszenierungen mit ihr selbst im Mittelpunkt. Sie war im Nebenzimmer, während der junge Gropius, mit dem sie während einer ihrer vielen Kuraufenthalte ein Verhältnis angefangen hatte, sich mit Mahler zu einer Auseinandersetzung verpflichtet fühlte. Die Liebe, an die die Männer leidenschaftlich glaubten und für die sie jedes Opfer bringen wollten, langweilte sie immer schnell.

Ihre Kinder interessierten sie nicht. Sie war eine miserable Mutter, mal kühl und desinteressiert, mal dumm und unfähig. Das langsame Sterben an Kinderlähmung einer Tochter inszenierte sie als heiliges Mysterium - immer wieder auf der Suche nach den starken Empfindungen, die eine Hysterika braucht, um sich lebendig zu fühlen und ihre innere Leere zu füllen. Als solche hatte sie ein großes Talent, männliche Mitspieler zum Drama zu verlocken, aber keins, selber glücklich zu werden.

Sieht man Mahler-Werfel als Hysterika, erscheint auch ihr Antisemitismus nebst anderen politischen Dummheiten in milderem Licht. Noch im Emigrantenmilieu in Amerika sonderte sie einschlägige Tiraden ab - und ging dann zufrieden ob des Aufsehens, das sie erregt hatte, zum geselligen Teil über, als wäre nichts geschehen. Die Biographie von Oliver Hilmes führt uns die Hysterie als eine teure Lebensform vor. Teuer für die verführten Männer - viel teurer für Alma Schindler.

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