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Das Drama des begabten Dealers

Was fehlt, ist die wirklich interessante, originelle Geschichte: Nick McDonells Roman "Zwölf"

Von Stephan Loichinger

Eine der blöden Sachen an Drogen ist: Hat man sie, nimmt man sie. So braucht Jessica das Pulver, das sie eigentlich bis zu der großen Silvesterparty aufheben wollte, vorzeitig auf. Und so muss sie neues besorgen. Bloß: Auch an der Upper East Side wachsen die Dollars nicht in den Dachgärten, auch für Töchter aus privilegiertem Haus mit formkorrigierter Nase nicht. Was tun also, wenn die Party schon läuft, der Dealer mit dem Beutel wedelt, das Geld nicht reicht, ein paar Lines von diesem neuen Zeug mit dem seltsamen Namen "Zwölf" aber sein sollten? Jessica geht ins Bett mit dem Typ, den sie zuvor ein Mal auf der Straße gesehen hat.

Jessica weiß nicht, dass Lionel, der Dealer, eine Waffe hat. White Mike, der die beiden stört, merkt das schnell und auf schmerzhafte Weise. Lionel wiederum wird von Claude überrascht, dem Bruder des Gastgebers der Party, der just in den Tagen zuvor Waffen kaufen war und sein Arsenal jetzt mal ausprobiert. Nick McDonell braucht zweieinhalb Seiten, um im Detail zu erzählen, wie sich das vielgesichtige Personeninventar seines Debütromans, das er zuvor auf 200 Seiten in knapp hundert Klein- und Kleinstkapiteln eingeführt hat, auslöscht. In dem Sinn ist das Finale von Zwölf furios. Andererseits ist früh absehbar, dass jene Silvesterparty eben nicht größte aller Zeiten, sondern in einer Katastrophe enden wird.

Das liegt nicht unbedingt an Drogen. Wie auch das titelgebende Zwölf eine gar nicht so große Rolle spielt. Das Buch erzählt von Teenagern, Kindern reicher Eltern, deren Lage White Mike einmal so beschreibt: "Du bist geboren in der Hauptstadt der Welt und es gibt kein Entrinnen, das ist so, weil alle wollen, dass es so ist. Es geht nur ums Habenwollen. Niemand braucht hier etwas. Es geht darum, dass du morgens aufwachst und es fällt schon Schnee, und wo die Sonne zwischen die Häuser fällt, ist es hell, aber wo die Schatten sind, ist es schon dunkel, und es geht nur ums Habenwollen. Was willst du haben? Denn wenn du nichts haben willst, dann hast du nichts. Dann irrst du ziellos umher, wirst weggespült und dann unter dem Schnee und den Schatten begraben." Eine gelangweilte, übersättigte Jugend, die nicht tiefer blickt als in ihr Gucci-Täschchen und hinter einem Panzer aus Helly-Hansen-Daunenjacken abstumpft. Kennt man ja.

In erster Linie erzählt das Buch von White Mike: "White Mike ist dünn und blass wie Rauch", er redet kaum mit seinem Vater, denkt oft an seine tote Mutter, raucht nicht, trinkt nicht, nimmt nichts und versorgt die anderen mit Gras und Zwölf. Eher durch Zufall ist er zum Dealen gekommen. "Es ist das, was er tut, und deshalb tut er es sorgfältig, ohne an was anderes zu denken. Denn was gibt es sonst noch zu tun?" Jeder hat seine Begabung, die von White Mike ist das Dealen.

Immer wieder lässt McDonell White Mike zurückdenken an die wohlige Kindheit, die verhasste Schulzeit und die Lehrer, die hilflos waren angesichts dieses intelligenten, aber lustlosen Jungen. White Mike ist wie Holden Caulfield aus Der Fänger im Roggen und Clay aus Unter Null ein Suchender ohne Ziel. Nur spielt White Mike in einer Geschichte, die anders als die von J. D. Salinger kaum Witz hat und anders als die von Bret Easton Ellis den Leser kaum frösteln lässt.

Mag sein, dass Nick McDonell gar nicht die Ellis'sche Kälte in seiner Beschreibung des vermeintlichen Glanzes der mit Geld polierten Oberfläche will. Geschichten, in denen die Motivation der Figuren explizit nicht erklärt wird, tut es aber gut, wenn etwas anderes diese leere Stelle füllt. Witz eben oder Kälte oder die Dekadenz und Exotik der Geschichten Christian Krachts. So gut sind Nick McDonells Episoden von der Upper East Side nicht, dass sie für sich allein eine befriedigende Lektüre ausmachten. Sein Patchwork aus all den Figuren, das er mit White Mike als rotem Faden näht, ist ambitioniert. Die Sprache ist klar, kein Wort zu viel. Was fehlt, ist die wirklich interessante, originelle Geschichte, die auch ein 19-Jähriger wie Nick McDonell erzählen sollte. Blöd, dass sein Buch so hochgejubelt wurde und, klar, verfilmt werden soll. Es könnte ihn verderben. Für sein zweites Buch sei ihm geraten: Und immer an die Leser denken!

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