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Maribor, Stadt der schwebenden Identitäten.

Slowenische Geschichte

Drago Jancar: „Wenn die Liebe ruht“ – Kein Epos

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Der große slowenische Erzähler Drago Jancar legt einen Roman vor, in dem es keine Gewissheiten gibt.

Sonja und Valentin lieben sich und kommen einander schüchtern und vorsichtig näher. Bis Valentin, genannt Tine, von einer Streife aufgegriffen, als Partisan verdächtigt und eingesperrt wird. Wir schreiben das Jahr 1944. Vor drei Jahren hat die Wehrmacht Jugoslawien überfallen, und seither sind Partei und Behörden dabei, Maribor, die Heimatstadt Sonja und Tines und des Autors Drago Jancar, „wieder deutsch“ zu machen, wie der „Führer“ es angeordnet hat. Slowenische Partisanen kämpfen gegen die Deutschen, nutzen dabei die Sympathie der Bevölkerung oder erzwingen sie zur Not.

Sonja hat große Angst um den verschwundenen Valentin. Da läuft ihr auf der Straße zufällig der alte Schulkamerad Ludek über den Weg. Er nennt sich jetzt Ludwig, trägt SS-Uniform und kann Valentin vielleicht aus dem Gefängnis freibekommen. Ludwig kann und nützt das aus, um Sonja in sein Bett zu nötigen. Sonja ekelt sich, er kriegt keinen hoch. Die verunglückte Nacht mit Sonja in Ludwigs Jugendzimmer ist eine der großen Szenen im Roman. Nicht Ludwigs Grobheit und Eroberungssucht macht sie so beklemmend, sondern der Druck der Verhältnisse, der auf beiden lastet, dem Herrenmenschen und der Erpressten, in unterschiedlichem Maße und auf unterschiedliche Art.

Valentin kommt tatsächlich frei. Er ahnt, dass er seine Befreiung Sonjas Opfer verdankt, kann damit aber nicht umgehen und wendet sich sprachlos ab. Partisan, der er schon war, geht er zum Kämpfen in den Wald. Aber bei seiner Einheit steht er wie jeder, der aus den Fängen der Gestapo freigekommen ist, unter Verratsverdacht und muss sich mit einem tödlichen Schuss bewähren. Je länger der Krieg dauert, desto mehr tritt unter den Partisanen das Ziel der „Volksbefreiung“ in den Hintergrund, und die „Revolution“ drängt sich nach vorn. Ein serbischer Kommunist wütet in Tines Einheit, veranstaltet brutale Verhöre und lässt angebliche Verräter hinrichten.

Wohin die Waage sich neigt

Maribor ist die Stadt der schwebenden Identitäten. Man ist zweisprachig und kann sowohl Deutscher als auch Slowene sein. Und zu beidem auch leicht gemacht werden; wohin die Waage sich neigt, entscheidet die Macht, und die residiert anderswo, in Berlin und im „deutschen“ Graz oder aber irgendwo in einem Partisanenquartier in den bosnischen Wäldern.

Drago Jancar, der wohl bekannteste slowenische Erzähler der Gegenwart, entspinnt seine Geschichte aus einem zufälligen Foto, einer banalen Straßenszene, aufgenommen im Zentrum der Stadt, dem „Marburg an der Drau“ aus der Zeit der deutschen Besatzung. Bilder, Namen, Sprachen – das sagt alles wenig aus. Nie weiß man hier so genau, wer wer ist. In der deutschen Uniform steckt vielleicht ein Slowene namens Gorjan oder Potocnik, und ein slowenischer Partisan im Wald prahlt mit seinen Heldentaten in Rommels Wüstenarmee. Als das Kriegsglück sich wendet und die Wehrmacht abzieht, sind es die Partisanen, die Lager unterhalten, prügeln und Menschen zu Massenerschießungen auf den Pohorje führen, der Hausberg von Maribor.

Am Ende kommen alle wie in einem Shakespeare-Drama noch mal auf die Bühne. Sonja ist im KZ Ravensbrück gelandet, wird zur Prostitution gezwungen und kehrt nach Kriegsende gebrochen zurück. Ludwig flieht aus einem Lager der Sieger und findet Unterschlupf ausgerechnet bei einer Frau, die für die Partisanen gearbeitet hat. Tine schließlich geht nach Ljubljana und wendet sich illusionslos einer ungewissen Zukunft zu.

Das kleine Slowenien verfügt seit langem über zwei konkurrierende Geschichtserzählungen und hat dementsprechend auch kein richtiges Nationalepos zu bieten. Die klassische Heldenerzählung der Partisanen, nach der das ganze Volk sich gegen die Deutschen erhob, will mit vielen Familiengeschichten nicht recht zusammenpassen. Der Anti-Mythos vom schon damals demokratischen, antikommunistischen und kirchentreuen Slowenien schafft das noch viel weniger. Rechts und links pflegen grundverschiedene Bilder von der Nation. Nach Jahrzehnten erbitterten Streits um Fakten, Figuren, Denkmäler wächst bei einer Mehrheit die Sehnsucht nach Versöhnung.

Drago Jancar ist ein großer Erzähler, und viele Szenen hallen – trotz schwacher Übersetzung – lange nach. Aber Slowenien kriegt der Autor nicht mit sich versöhnt. Jancars wilder Kommunist, der überall Verräter aufspürt, ist ein Serbe, und der widerliche Ludek lässt sich, wenigstens so halb, nach Deutschland ausbürgern. Eine Identität lässt sich aus diesen Widersprüchen nicht entwickeln. Das Epos scheitert doch wieder daran, dass Gut und Böse keinen Namen, keine Sprache und keine Nationalität kennen.

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