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Das Kind Shuggie muss zum Helden der Resilienz werden.
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Das Kind Shuggie muss zum Helden der Resilienz werden.

„Shuggie Bain“

Douglas Stuart: „Shuggie Bain“ – Ein doppelter Boden wäre schon ein Trost

  • VonUlrich Seidler
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Ohne doppelten Boden und ohne Hoffnung entwirft Douglas Stuart in „Shuggie Bain“ ein Panorama der Hässlichkeit.

Die Sehnsucht des Literaturbetriebs nach Stimmen von außerhalb der Schreibschulblase ist groß. Immer diese Nabelschauen von Wohlstandskindern, wo bleibt da die soziale Härte der Welt? Wo sind die eigentlichen Probleme, die über Liebeskummer und Identitätskrisen hinausgehen? So ist es zu erklären, dass der semibiografische Roman „Shuggie Bain“ von Douglas Stuart vor einem Jahr mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde.

Das Buch bietet auf knapp 500 Seiten einen Einblick in die prekären Verhältnisse der 1980er Jahre, die Thatcher-Zeit. Ein Junge wächst in einem armen Viertel Glasgows bei der alkoholkranken Mutter auf, die, als er sechzehn ist, stirbt. Die Last ist überwältigend und schicksalhaft. Dass er feststellt, homosexuell zu sein, macht sein Coming of Age zur Leidensgeschichte. Der soziale Umgang beruht auf feindseligen Streitereien, die arbeitslosen Bergmänner versaufen die Stütze, die Frauen gehen früh aus dem Leim, quälen einander mit Klatsch und Eifersucht, lassen die Kinder verwahrlosen.

Das Buch

Douglas Stuart: Shuggie Bain. Roman. A. d. Engl. v. Sophie Zeitz. Hanser Berlin. 496 S., 26 Euro.

Shuggies Mutter ist anders, sie achtet auf ihr Äußeres, trägt ihre Schönheit stolz vor sich her, auch wenn sie beim Lebensmittelhändler anschreiben lässt, ihre Zähne ausgeschlagen und durch künstliche ersetzt sind und sie sich kaum gerade halten kann. Mit Männern hat sie kein Glück, Shuggie muss erleben, wie sie von ihnen gequält wird, wie sie mit ihnen streitet. Nicht nur einmal rettet er seiner Mutter das Leben. Doch immer wieder fällt jede Hoffnung auf Heilung in sich zusammen, wird es schlimmer und schlimmer. Dass das Schlimmste nicht ausbleibt, erfährt der Leser bereits auf den ersten Seiten.

Wir können nur zusehen

Schnell versteht man, dass die beschriebene Welt schonungs- und hoffnungslos ist. Man sucht nach einem doppelten Boden, einem Funken Widerspruch, aber die Leute, die da auftreten, sind dumm, böse, geil und gierig. Ihr soziales Elend färbt direkt aufs Hirn, auf die Sprache – die Übersetzerin Sophie Zeitz hat dafür einen Kunst-Prolldialekt entwickelt – und den Charakter ab. Die großen Geschwister lassen Shuggie allein, seine Klassenkameraden sind seine Feinde, die Schule ist ein Ort der schwarzen Pädagogik ohne soziales Engagement. Die Welt ist schlecht, kein Mensch hilft. Das macht Shuggie zu einem Helden der Resilienz. Wir Leser können nur zusehen wie Voyeure.

Stuart, der ebenfalls seine Mutter an den Alkohol verlor, als er 16 war, und ihr dieses Buch widmet, schaffte den Sprung aus dem Elend. Er studierte am Royal College of Art in London Modedesign, ging nach New York, heiratete einen Mann und lebt nach dem erfolgreichen Romandebüt als Schriftsteller. Das Buch ermöglicht einen Blick durch die Wand der Blase, ins Elend, in die Gedankenwelt eines Opfers. Aber es lässt einen literarisch in Ruhe, der Zugang der Identifikation bleibt versperrt.

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