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Dorothy B. Hughes „Ein einsamer Ort“: Frauen wollen immer alles wissen

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Von: Sylvia Staude

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Eine der 14 Romane von Dorothy B. Hughes, „In a Lonely Place“, wurde 1950 mit Humphrey Bogart (hier mit Gloria Grahame) in der Rolle eines Jagdfliegers verfilmt, der nach dem Krieg seine Aggressionen, seinen Hass gegen Frauen richtet.
„In a Lonely Place“, einer von 14 Romanen von Dorothy B. Hughes, wurde 1950 mit Humphrey Bogart (hier mit Gloria Grahame) in der Rolle eines Jagdfliegers verfilmt, der nach dem Krieg seine Aggressionen, seinen Hass gegen Frauen richtet. © Imago

Ein großartiger Noir aus dem Jahr 1947: Dorothy B. Hughes’ „Ein einsamer Ort“.

Der Name Dorothy B. Hughes fällt nicht, wenn vom US-amerikanischen Noir die Rede ist; man könnte meinen, dass die Krimi-Spielart einst reine Männersache gewesen sei. Dabei war die 1904 in Kansas City geborene Hughes durchaus erfolgreich, sie schrieb insgesamt 14 Romane, wurde mehrfach ausgezeichnet, und ihr 1947 erschienener Noir „In a Lonely Place“ wurde mit Humphrey Bogart in der Rolle eines Jagdfliegers verfilmt, der nach dem Krieg seine Aggressionen, seinen Hass gegen Frauen richtet. Leider sehr geschlechtstypisch verlief Dorothy Hughes’ Leben später wieder: Sie hörte mit dem Schreiben auf, um ihre kranke Mutter zu pflegen. 1993 starb die Schriftstellerin.

Für den Hamburger Atrium-Verlag haben Verlagsleiterin Andrea Groll und Lektorin Urte Schröder die Amerikanerin jetzt wiederentdeckt: „Ein einsamer Ort“ heißt der in Los Angeles spielende Roman um einen Frauenserienmörder in der feinen Übersetzung Gregor Runges.

Dorothy B. Hughes. Atrium-Verlag
Dorothy B. Hughes. © Atrium-Verlag

Dickson „Dix“ Steele vermisst den Nervenkitzel: „Er wollte nirgendwohin, auf nichts hatte er Lust.“ Überdies findet er leicht einen Grund, sich als Mann gekränkt zu fühlen. Dorothy B. Hughes schlüpft zwar gleichsam in seine Haut, führt aber gerade deswegen nicht aus, warum er bereits vor seiner Rückkehr in die USA den ersten Mord begeht. Es braucht wohl nur eine Kleinigkeit, damit Dix Steeles mörderische Wut, seine Lust an der „Jagd“, wie er es nennt, auflodert.

Sei es, dass Frauen seiner Meinung nach zu viele Fragen stellen – „Frauen wollten immer alles wissen“. Sei es, dass sie nicht „anständig“ sind (d. h. keinesfalls mit einem anderen ausgehen). Und wenn es sich einfach nur um eine unscheinbare, freundliche junge Frau handelt, eine Zufallsbegegnung, genießt er ihre Angst, gleichzeitig die angenehm prickelnde Gefahr, entdeckt zu werden. Er lächelt, wenn er ihr im Dunkeln folgt. Liest dann die Zeitungsberichte und denkt auch mal, ungerührt, dass Vergewaltigung und Mord „das einzig Bemerkenswerte“ im Leben seines Opfers gewesen sind – als habe er der Frau einen Gefallen getan.

Das Buch:

Dorothy B. Hughes: Ein einsamer Ort. Kriminalroman. Aus dem Engl. von Gregor Runge. Atrium 2022. 270 S., 22 Euro.

Wie auch immer Dorothy B. Hughes für „Ein einsamer Ort“ recherchiert hat, ihr Täter fühlt sich so glaubwürdig an, dass sich der Leserin manchmal die Nackenhaare aufstellen – gerade weil er nach außen, in Gesellschaft unauffällig ist. „Geisteskrank“ soll der Mörder, der „Würger“ sein, sagen die Leute? Auch da lächelt Dix Steele nur ganz fein und hält sich allemal für gerissener als die Polizei.

Die ist vertreten durch seinen alten Kumpel Brub Nicolai, auch der war im Krieg. Als Ermittler-Greenhorn hat er nicht allzu viel zu sagen, kniet sich aber rein, macht sich die richtigen Gedanken – kommt trotzdem lange nicht auf die Idee, dass ausgerechnet sein alter Freund, der sich nach längerem Schweigen plötzlich wieder meldet, der immer verzweifelter gesuchte Serienmörder sein könnte.

„Man brauchte Fantasie, um sich einen Mann vorzustellen, der bei Sinnen war, einen ganz normalen Mann, der tötete.“ Die beiden, die am Ende diese Fantasie haben – oder vielmehr die richtige Intuition haben, die irgendwas Verstörendes in Dix Steeles Augen erkennen –, sind aber Brub Nicolais Frau Sylvia und eine Nachbarin. Laurel, schön, unabhängig, promisk, ambitioniert, wäre in einem Noir von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett das Femme-fatale-Klischee. Hier mögen sich Sylvia und Laurel zwar nicht, sie sind zu verschieden, doch ihre Abneigung hindert sie nicht daran, sich über die Natur Steeles zu verständigen.

Gemeinsam triumphieren das „good girl“ Sylvia und die glamouröse Laurel. Die Männer trauen ihnen das nicht zu, doch beide können umgehen mit der „Hässlichkeit“ einer Welt, in der Frauen ermordet werden, Tag für Tag.

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