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Dorothee Elmiger, Marion Poschmann: Flanieren und finden in Bergen-Enkheim

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Von: Sylvia Staude

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Die Autorin Marion Poschmann ist angekommen in Bergen-Enkheim.
Die Autorin Marion Poschmann ist angekommen in Bergen-Enkheim. © dpa

Stadtschreiberin Dorothee Elmiger verabschiedet sich, Marion Poschmann übernimmt.

Wie der Titel Dorothee Elmigers und jetzt ihrer Nachfolgerin Marion Poschmann korrekt heißt, wusste zu Beginn des Stadtschreiberfests Frankfurts Stadtkämmerer Bastian Bergerhoff klarzustellen: „Stadtschreiberin von Bergen in Bergen-Enkheim“. Listig merkte er an, dass Frankfurt keine Rolle spiele. Listig retournierte aber Charlotte Brombach, Mitglied der Jury des so alteingesessenen wie angesehenen Preises: Seit anderthalb Jahren habe die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim keine Geschäftsführung, man brauche sie sowie ein neues Kulturkonzept dringend.

Aber einstweilen war die Stimmung auf dem kleinen, stets herzlichen Volksfest der Literatur so gut wie vor der Pandemie, auch wenn man für diesmal, Nummer 49, auf Bergens Marktplatz noch unter freiem Himmel an den Bierbänken saß und nicht im Festzelt. Das Ensemble Perismon mit den drei Musikerinnen Hagit Halaf (Violine), Enkhtuya Jambaldorj (mongolische Pferdekopfgeige, Langhalslaute, Gesang) und Samira Memarzadeh (Harfe) rahmte die Ansprachen. Charlotte Brombach ließ der mongolische Gesang an Galsan Tschinag denken, der 2004 die „Zeltrede“ hielt; Peter Weber wurde damals inthronisiert. Diese Rede übrigens darf ausdrücklich von allem und jedem handeln, was Marion Poschmann fröhlich dann für sich reklamierte und über „Kaugummi“ sprach. Dazu gleich mehr.

Zuerst sprach Dorothee Elmiger, die Scheidende, die offenbar im Stadtschreiberhäuschen sehr präsent war, die auch die Gegend ausführlich durchstreifte und sich in ihrer Ansprache vorstellte, wie sie den Flaneur Peter Kurzeck (1943-2013) trifft, der 2000/01 Stadtschreiber war. Wie er ihr Kuchen schenken will und zu ihr sagt: „Die Welt ist jetzt gerade nicht so ideal“. Und Elmiger fuhr fort: „Ich lachte leise auf, lachte über die Untertreibung, die in diesem Satz steckte, und über die Art und Weise, wie er dann den Namen des russischen Präsidenten am Rand der Seckbacher Landstraße mit hessischer Färbung in diesen Sommernachmittag hineinsprach, das t durch zwei d ersetzt.“

Ja, Elmiger wollte am Krieg gegen die Ukraine nicht vorbeikommen, sprach davon, wie sie, die Berichte Yevgenia Belorusets aus Kiew lesend, verstand, „was es heißt, ein ganz normaler Mensch zu sein und sich in einem blödsinnigen, furchtbaren Krieg wiederzufinden“. Und wieder kam sie auch auf Kurzeck, der in seiner Stadtschreiberrede erzählte, wie er regelmäßig am Berger Hang nachsehen ging, „ob alles noch da ist. Auf jedem Weg.“

Mit Marion Poschmann, auch sie wohl eine den Menschen Zugewandte, dürften nicht nur die Bergener und Bergenerinnen im nun frisch beginnenden Stadtschreiberinnen-Jahr 2022/23 genauso viel Freude haben.

Und hörbar Freude hatten die Festgäste jetzt schon an Poschmanns Antrittsrede, einem, nun ja, Spaziergang entlang des Themas Kaugummi: „Kaugummi, eine zu einem langen Faden gezogene Masse, wie ein Roman. Kaugummi, sehr langsam anwachsend, sich rundend, und dann ein plötzlicher Knalleffekt, wie ein Gedicht?“ (Poschmann schreibt auch Lyrik.) Sie erinnerte sich, wie sie mit Schulfreund Oliver die Groschen fürs Haareföhnen manchmal sparte und lieber in den feuerwehrroten Kaugummiautomaten steckte. Wie Oliver eigentlich scharf war auf den Totenkopfring.

Sie hat auch zum Thema recherchiert, gründlich. Von den Kaumassen, die die Mayas oder die alten Griechen benutzten, zu Wrigleys 1893 entwickelter „erdöliger“, nicht biologisch abbaubarer Kaumasse aus „lebensmittelechten Polymeren“, zur ersten Wrigley’s-Fabrik in Deutschland, 1925 eröffnet in, Achtung, Frankfurts Mousonstraße. „Ich bin aufgewachsen in den Jahren, in denen die Kaugummiflecken auf den zubetonierten Böden in den Innenstädten die runden Steinflechten restlos verdrängten.“

So kam die Festgesellschaft mit Marion Poschmann auch bei der interessanten, dringenden Frage an, wie und dass biologisch abbaubare Kaugummis entwickelt gehören und die anderen, ob bunte Kugel oder flacher Streifen, im Dunkel der Geschichte verschwinden sollten. Sicherlich wird sie in den kommenden zwölf Monaten auf Frankfurts Pflaster oder auf den Streuobstwiesen des Berger Hangs noch vieles entdecken und zum Gewinn der Leserin und des Lesers darüber schreibend nachdenken.

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