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Ein Ginkgo-Ast schaut ihr über die Schulter: Dorothee Elmiger in Bergen-Enkheim.
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Ein Ginkgo-Ast schaut ihr über die Schulter: Dorothee Elmiger in Bergen-Enkheim.

Stadtschreiber-Amt Bergen

Dorothee Elmiger: In unbequemen Lagen

  • VonAndrea Pollmeier
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Dorothee Elmiger tritt in Bergen-Enkheim das Stadtschreiber-Amt an, Anne Weber verabschiedet sich

Ihr Schreiben ist dem Verstummen abgerungen“ heißt es in der Laudatio des Schweizer Lyrikers Christian Uetz über die neu im Stadtschreiber-Haus von Bergen angekommene Autorin Dorothee Elmiger. 2020 stand sie mit ihrem Roman „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser Verlag) gemeinsam mit der bisherigen Häuschenbewohnerin Anne Weber auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

In sprachakrobatischen Variationen schildert Uetz die scheue Zurücknahme der frisch ihr Amt antretenden Autorin. Umso mehr überrascht sie dann ihr Publikum. Unbefangen eloquent tritt Dorothee Elmiger auf der Festwiese den Bergenern entgegen. Gebündelte Willenskraft und neugierige Freude über die Auszeichnung sind ihr anzumerken. Viele Amtsträgerinnen und Amtsträger haben später wichtige Preise erhalten, Anne Weber wurde im Stadtschreiber-Jahr gar mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Das Amt mag somit nicht nur wie ein Versprechen wirken, es birgt auch Erwartung und Hoffnung.

In ihrer Antrittsrede erinnert die Schweizer Autorin an einen ihrer Vorgänger, Peter Kurzeck, der zur Jahrtausendwende das Amt innehatte. Kurzecks Chronik „Das alte Jahrhundert“ habe sie durch Frankfurt geführt und mit schmutzigen Schuhen in die cleanen Räume einer Zahnarztpraxis.

An diesen Zwiespalt knüpft Elmiger an und baut das Bild zur Metapher des Schreibens aus. „Ich möchte vom Zahnarztstuhl aus schreiben oder anders gesagt: in unbequemen Lagen, ich möchte mir die Zähne ausbeißen, dem nachgehen, was schlummert, was nicht auf den ersten Blick zu diagnostizieren ist“, erzählt sie. Man spürt ihr Streben nach Perfektion, sie ist eine, so Laudator Christian Uetz, „die sich für jeden Satz schämt“. Doch bevor sie Gefahr läuft, zu verstummen, wirft sie diese Hülle ab und redet nahezu bekenntnishaft.

Wenige Minuten zuvor hatte – in ganz anderem Ton – Anne Weber, die Stadtschreiberin des vergangenen Jahres, brauchgemäß Abschied genommen. „Tief in die Augen“ lautet der Titel ihrer Abschiedsrede. Selbstironisch und zugleich bedrängend ernsthaft spricht sie von den Geschichten, die ihr Bewohnerinnen und Bewohner von Bergen erzählt haben. Für diese Begegnung hatte sie eigens eine Stadtschreiberinnen-Sprechstunde angeboten. Besucher und Besucherinnen saßen mir ihr zunächst im Stadtschreiber-Häuschen und später – pandemiebedingt – per Skype und Telefon am Bildschirm.

Im Bändchen, das zum Stadtschreiber-Fest von der „Verlagsbuchhandlung Bergen erlesen“ druckfrisch herausgegeben worden ist, sind Auszüge aus Werken der beiden Autorinnen publiziert. Anne Webers Passage aus dem im Fischer Verlag 2015 erschienenen Buch „Ahnen“ beginnt mit dem Satz: „Ich bin froh in Poznan niemandem als Deutsche aufzufallen“. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Herkunft hat das Werk der in Offenbach geborenen und seit vierzig Jahren in Paris lebenden Autorin geprägt.

Der Abstand zu dem, was Heimat bedeutet, sei ein das Schreiben begünstigender Zustand, meint Weber in einem im Buch veröffentlichen Gespräch mit Ulrich Sonnenschein. Auf der Festwiese unter freiem Abendhimmel scheint dieser Abstand nahezu aufgelöst.

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