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„Es ist mir wichtig, nicht in ein moralisches Sprechen oder Schreiben zu verfallen“, sagt Dorothee Elmiger.
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„Es ist mir wichtig, nicht in ein moralisches Sprechen oder Schreiben zu verfallen“, sagt Dorothee Elmiger.

Interview

Dorothee Elmiger: „Das kann keine private Angelegenheit sein“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Dorothee Elmiger über die immer auch politische Seite des Schreibens, verbrauchte Sprache, neues Vokabular – und die Exitstrategien einer Schriftstellerin, für die das nächste Buch nie eine Selbstverständlichkeit ist.

Dorothee Elmiger, kann Literatur die Welt verändern?

(Dorothee Elmiger lacht eine Weile) Das ist die erste Frage?

Sie schreiben immerhin so, dass einem diese Frage einfallen kann.

Das freut mich natürlich. Ja, ich glaube schon, dass sie das kann. Die Welt wird vielleicht im Kleinen verändert. Das ist auch meine Erfahrung als Leserin, dass sich Dinge bewegen beim Lesen, dass sich mein Blick verändert. Ich kann mir dank der Lektüre darüber bewusst werden, in welchen Mustern mein Denken verläuft und wie ich daraus aussteigen kann.

Ein Lektürebeispiel?

Ich habe vor einigen Monaten ein Buch von Christoph Keller gelesen, einem Schriftsteller aus der Ostschweiz. Das Buch heißt „Jeder Krüppel ein Superheld“, der Autor hat Jahrzehnte in New York gelebt und beschreibt sein Leben im Rollstuhl. Ein formal sehr spannender Text ...

... im Limmat Verlag erschienen, ein literarischer Text?

... ja, ein literarischer Text, Christoph Keller arbeitet mit sehr unterschiedlichen Formen, darin habe ich auch eine Verwandtschaft gespürt. Er beschreibt unter anderem, wie er sich durch New York bewegt im Rollstuhl, oder wie er fliegt. Und nachdem ich das Buch weggelegt hatte, habe ich meine Wohnung und die ganze Stadtarchitektur ganz neu angeschaut: Mein Blick hat sich verändert.

Was kann da Literatur, was ein Sachbuch nicht kann? Oder der Zeitungsartikel?

Literatur kann mich für etwas interessieren, mit dem ich sonst nichts zu tun habe. Das gilt für viele Themen. Wenn es uns gut geht, warum sollen wir uns für Leute interessieren, denen es mies geht? Lesend können wir Dinge auf ganz vielfältige Weise verstehen. Was mich betrifft, ist es aber nicht die Identifikation mit Figuren, sondern es sind sprachliche Dinge, die mich in einen Text ziehen – und dann auch wieder herausschmeißen, so dass ich immer wieder alles revidieren muss.

Haben Sie noch ein Beispiel?

Noch als Schülerin habe ich „Herztier“ von Herta Müller gelesen, und zwar komplett unvorbereitet. Ich bin in den Text reingegangen, ohne zu wissen, was mich erwartete. Und ohne zunächst zu verstehen, was die Autorin da tut. Sie hat mir nahegebracht, was es für ein Gefühl ist, in einem solchen System zu leben, mit dieser ständigen Beschattung, Überwachung, Bedrohung. Gleichzeitig hat sie mein Verständnis von Literatur auf den Kopf gestellt. Texten wie diesem war ich bis dahin noch nicht begegnet. Ein Buch, das ich immer weiterempfehle, ist „Saisonarbeit“ von Heike Geißler. Ihr Nachdenken über die Sprache, die im Logistikzentrum verwendet wird, erzählt mir ganz viel über das System Amazon. Wie Menschen da eingespeist werden. Daran denke ich oft, wenn ich kurz davor bin, mir etwas zu bestellen.

Und tun Sie es dann trotzdem?

Ganz selten, erst recht nicht, wenn es um Bücher geht. Ich nutze es nur, wenn ich tatsächlich etwas nur auf diesem Weg bekommen kann. Aber das kommt doch am Ende sehr selten vor.

Wir landen hier im Handumdrehen bei Fragen von Ethik und Moral. Was würden Sie sagen: Beabsichtigen Sie etwas mit Ihren Büchern?

Literatur muss von allem handeln dürfen. Dem Ruf zum Beispiel, sie solle politischer sein, muss sie nicht folgen. Gleichzeitig muss es für mich selbst schon einen Grund geben, Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen, das kann keine private Angelegenheit sein. Um es milde zu formulieren, geht es darum, dass ich bestimmte Dinge nicht verstehe. Schärfer formuliert, dass ich Dinge beim besten Willen nicht verstehen kann – oder nicht verstehen will. Das ist ein Antrieb für mich, den ich auch brauche.

Wobei man sich durch Ihre Bücher nicht im mindesten belehrt fühlt, selbst wenn man viel erfährt.

Es ist mir wichtig, nicht in ein moralisches Sprechen oder Schreiben zu verfallen. Sondern etwas noch einmal neu und so offen wie möglich zu denken. Sprache gerade in der Politik ist oft so verbraucht, und es gibt eine Müdigkeit, die davon hervorgerufen wird. So geht es mir zumindest. Ich habe immer versucht, ein neues Vokabular zu finden. Und die Ereignisse und historischen Figuren, um die es in meinen Büchern geht, irgendwie herauszuheben aus diesem Engen und Festgefahrenen, in dem sie oft stecken.

Sehen Sie sich als engagierte Schriftstellerin? Ist das ein Begriff, mit dem Sie etwas anfangen können?

Der Begriff „engagierte Literatur“ hat seine eigene Geschichte, die vor meiner Zeit liegt, und ich würde ihn nicht für mich verwenden. Jede ernsthafte Beschäftigung mit Sprache ist für mich aber politisch. Eine Gesellschaft zeigt sich in ihrer Sprache, und das zu untersuchen, ist für mich Teil der Arbeit als Autorin. Es ist ein Missverständnis, wenn Texte, die vordergründig von politischen Ereignissen handeln, als politische oder engagierte Literatur verstanden werden, aber formale, sprachliche Aspekte völlig außer Acht gelassen werden. Gerade in scheinbar politischen Texten wird, wenn sie die Sprache völlig vernachlässigen und nur als Mittel zum Zweck verwenden, eben ganz viel reproduziert. Ein Gedicht, sagen wir über ein Telefon, weil hier gerade eins steht, kann hochpolitisch sein, wenn da wirklich mit der Sprache gearbeitet wird. Ich finde es deshalb auch gar nicht nötig, mich als politische Schriftstellerin zu bezeichnen. In meinem Verständnis vom Schreiben ist das inbegriffen.

An dieser Stelle muss man dringend Ihr vielstimmiges Flüchtlingsbuch „Schlafgänger“ empfehlen. Können Sie rekonstruieren, was der Nukleus, der Ausgangspunkt für Sie war?

Es war der Diskurs über Flucht und das Geschehen an den Grenzen, der in der Schweiz, aber auch in Deutschland zu jener Zeit sehr dominant war und nach dem Erscheinen des Buches 2014 sogar noch härter wurde. Er hat mich beschäftigt und bedrückt, die unglaubliche Gewalt, die darin steckte. Als ich anfing, daran zu arbeiten, hatte ich den Eindruck, das werde kaum reflektiert, gar nicht wahrgenommen. Zumindest in der Schweiz. Ich wollte über diese Sprache nachdenken, und auch darüber, wie eine Gesellschaft reagiert, wenn Menschen neu dazukommen.

Was auch in der Schweiz längst Teil der Realität ist.

Jede vierte Person in der Schweiz besitzt das Schweizer Bürgerrecht nicht. Und ich habe den Eindruck, dass die SVP, die meine Jugend stark geprägt hat, in ihrer Migrationspolitik etwas ausgebremst wurde. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sich zum Beispiel das Thema Klimapolitik dazwischengeschoben hat. Aber es hat hoffentlich auch damit zu tun, dass die Schweiz in der Praxis eben weiter ist, als viele behaupteten.

Ihr Debütroman „Einladung an die Waghalsigen“ ist dagegen eine klassische Dystopie.

So wird es oft verstanden, aber so habe ich es nicht gemeint. Ich bin ein Kind der 90er Jahre, aufgewachsen mit den Fragen nach dem Ende der Geschichte. Passiert jetzt nichts mehr? Ist das jetzt das beste System, das kapitalistische nämlich? Arrangieren wir uns alle damit? Und was ist zuvor passiert, welche Ideen und Pläne würden für ungültig erklärt? Dazu kam ein Gefühl von Lethargie in Mittelwesteuropa. Was sich inzwischen auch wieder stark geändert hat. Die „Zuckerfabrik“ ...

Zur Person

Dorothee Elmiger, 1985 in Wetzikon geboren, hat literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert, außerdem Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Luzern und an der FU Berlin. Als 25-Jährige hatte sie mit einem Auszug aus ihrem späteren Debütroman einen erfolgreichen Auftritt beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt, wo sie den Kelag-Preis gewann.

Ihre drei Bücher, „Einladung an die Waghalsigen“ (2010), „Schlafgänger“ (2014) und „Aus der Zuckerfabrik“ (2020), waren für den Schweizer Buchpreis nominiert, „Aus der Zuckerfabrik“ stand vor einem Jahr auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim ist sie seit September für ein Jahr im Amt – neben dem Preisgeld gehört dazu das Wohnrecht im Stadtschreiberhaus im Frankfurter Stadtteil.

... das komplizierteste der drei Bücher ...

... auch für mich. Es behandelt verwandte Fragen. Am Anfang stand hier das Bild mit dem am Ende glücklosen Lottomillionär, der zwei karibische Figuren erworben und in seinem Wohnzimmer aufgestellt hat. Die Szene knüpfte für mich an Fragen an, die ich ohnehin schon hatte: Auf welche Weise spielt der Kapitalismus nicht all die gegeneinander aus, die sowieso bereits am kürzeren Hebel sitzen? Es ging mir um das Zerstörerische, das Gewalttätige des Kapitalismus und darum, wie das angefangen hat. Es war ein großes Feld von Fragen, auf dem ich mich möglichst frei bewegen wollte.

Die Formfindung muss eine große Sache gewesen sein.

Ich setze mich ja immer hin und denke, jetzt schreibe ich einen Roman oder zumindest einen Text, der eine große Klarheit, eine sehr klare Struktur hat. Aber dann komme ich Mal für Mal zu der Einsicht, dass sich das Material dafür womöglich nicht eignet. Und dass ich auch selbst die heterogene Form sehr gerne mag.

Und dann kommen Sie auch selbst vor im Buch.

Was mich geärgert hat! Ich meinte mich raushalten zu können, aber es ging nicht. Ich habe gelesen, recherchiert und mit Leuten gesprochen, es wurde immer offensichtlicher, dass ich selbst im Text steckte. Ich konnte gar nicht mehr sagen, wo der Text ist und wo ich bin dabei. Ein bisschen wie in einem Dokumentarfilm, in dem man ins Bild gerät.

Ich bin unsicher, steht das Wort „Roman“ auf dem Titel?

Nein.

War das schwierig, weil Romane leichter ihr Publikum finden?

Ich habe einen tollen Lektor, der das unterstützt hat. Natürlich weiß ich nicht, was im Verlag los war. Wenn es Diskussionen gab, dann haben sie mich nicht erreicht.

Mögen Sie es, wenn jemand beim Schreiben schon mitliest?

Es liest jemand mit. Aber das ist eine schwierige Sache. Einerseits will man das natürlich, man will eine Resonanz. Andererseits habe ich das Gefühl, dass die Energie, mit der ein entstehender Text aufgeladen ist, nicht verloren gehen darf. Das klingt jetzt esoterisch, das meine ich nicht so, aber das Schreiben hat seine geheimnisvolle Seite.

Sind Sie eine schnelle Schreiberin? Haben Sie viel Ausschuss?

Ich arbeite unglaublich langsam. Ich schreibe Zeile für Zeile, arbeite mich Satz für Satz vor. Wenn Menschen mir von Schreibblockaden erzählen, habe ich den Eindruck, mein Berufsleben ist eine einzige Schreibblockade. Der Vorteil ist, dass ich wenig wegschmeißen muss. Auch das Lektorat ist im Grunde dann gleich ein Feinlektorat.

Spielt es als Schriftstellerin eine Rolle für Sie, Schweizerin zu sein? Vielleicht durch den Dialekt?

Der Dialekt, den ich beim Schreiben ja nicht nutze, ist ein eigenartiger Unsicherheitsfaktor. Manchmal muss ich etwa über eine Präposition nachdenken, das erinnert mich dann daran, dass ich ständige kleine Übersetzungsleistungen bringen muss. Die Vorteile liegen aber auf der Hand, natürlich schärft die Unsicherheit das Bewusstsein für die Sprache.

Wie haben Sie festgestellt, dass Sie Schriftstellerin sind? Oder werden wollten?

Es war nicht naheliegend. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich aufs Gymnasium gehe, vor allem meiner Mutter, die diese Möglichkeit nicht gehabt hatte. Das war auf dem Land, als Studienfächer wurden uns Wirtschaft oder Jura vorgeschlagen. Dass es Geisteswissenschaften gab, bekam ich dann gerade noch mit, mehr nicht. Das Schreiben interessierte mich früh, aber selbst Bücher zu veröffentlichen, das schien mir völlig ausgeschlossen. Noch als ich mich später am Literaturinstitut in Biel bewarb, sagte ich beim Aufnahmegespräch etwas wie: Einen Roman werde ich bestimmt nicht schreiben. Ich konnte mir das tatsächlich nicht vorstellen. Bücher schrieben andere. Und ich kann es mir in gewisser Hinsicht bis heute nicht vorstellen.

Sie haben Fakten geschaffen.

Aber es ist bis heute keine Selbstverständlichkeit für mich, das nächste Buch auch noch zu schreiben. Ich schreibe nicht berufsmäßig, das habe ich nie getan. Ich brauche das Gefühl, dass ein Text eine absolute Dringlichkeit hat, dass er entstehen muss. Darum habe ich übrigens auch ständige Exitstrategien.

Im Sinne von: kellnern?

Ich habe eine lange Liste. Kellnern gehört dazu, alles mögliche, lange habe ich in einem Archiv gearbeitet, wo ich Handschriften transkribierte.

Vielleicht noch ein Wort zu Bergen-Enkheim. Wie gefällt es Ihnen hier, wie gefällt es Ihnen in Frankfurt?

Frankfurt kannte ich durch die Frankfurter Schule und die Bücher von Peter Kurzeck. Jetzt selbst hier zu sein, ist beeindruckend. Das sind große Traditionen, auch in Bergen sehe ich mir die Namensliste der Stadtschreiber und Stadtschreiberinnen an und staune. Ich kann hier unerwartet gut arbeiten. Und ich finde es schön, dass sich die Leute in Bergen wirklich für dieses Amt interessieren. Menschen sprechen mich an, Nachbarn erzählen von den tollen Taten meiner Vorgänger.

Ist es nach der Corona-Zeit auch einfach schön, mal wieder woanders zu sein?

Ja. In der Schweiz ist es gut zu leben, wenn man weiß, dass man wegkann.

Interview: Judith von Sternburg

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