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Dorothee Elmiger

Dorothee Elmiger

Die große Leckerheit

„Aus der Zuckerfabrik“: Dorothee Elmiger recherchiert so raffiniert, wie es dem Thema angemessen ist.

Groß ist das Scheitern, groß ist das Begehren. Süß ist die Lust, bitter ist die Ökonomie, und Zusammenhänge lauern überall. Die Erzählerin recherchiert über das Thema Zucker, allerdings sagt der Lektor Martin, „im Falle einer Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen müsse auf jeden Fall ,Roman‘ auf dem Umschlag stehen“. Das wird nichts werden, aber auch ohne Gattungsbezeichnung – die Erzählerin hätte „Recherchebericht“ sinnvoll gefunden – ist das neue Buch von Dorothee Elmiger, „Aus der Zuckerfabrik“, auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelangt.

Wie Künftige es lesen

Die 35 Jahre alte Schweizerin, 2010 beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt mit einem Stück aus ihrem markanten Debütroman „Einladung an die Waghalsigen“ aufgefallen – schon hier war der Wissenshunger ihrer Protagonistinnen enorm –, ist so wenig einzusortieren wie die Dinge, für die sie sich interessiert. Ihre Ambitionen aber sind groß und rigoros. Wenn sich ihre Erzählerin (Elmiger zum Verwechseln ähnlich) bei einer Beschreibung selbst langweilt, erklärt sie das so: „Weil doch mit Sprache eigentlich eine Zukunft vorgestellt und versucht werden will, in der diese Art zu schauen und die dazugehörigen Wörter längst ganz irrelevant sind, und wenn es so weit ist, in dieser Zukunft, wird auch dieser Text eben ganz gestrig sein.“

„Aus der Zuckerfabrik“ ist eine Materialsammlung zum Thema Heißhunger und Askese, Glückssuche und wirtschaftlicher Zwang, eine Recherche, für die man das Haus nicht verlassen muss und bei der das Internet hilft – fast alles lässt sich rasch nachvollziehen. Zugleich könnte das Internet das mangels bequemer Stichworte nicht bieten ohne die Fantasie, die Findigkeit und die weiträumigen Lektüren der Schriftstellerin. Anschließend muss sie großen Verzicht geleistet haben, dem Objekt der Begierde gemäß liegt feinste Raffinade vor.

Da ist Ellen West, die Patientin (das Fallstudien-Pseudonym einer Patientin), die unter einer schweren Essstörung leidet. Da ist der Ökonom Adam Smith, der so gierig den zum Tee bereitgestellten Zucker wegisst, dass einmal eine Dame die Dose schützend auf den Schoß stellt. Da ist die Erbin Ellen Turner, die als 15-Jährige spektakulär entführt und in Gretna Green verheiratet wird. Der Vater bringt den Entführer hinter Gitter, später wird dieser freilich eine ungestörte politische Karriere als Kolonialist machen. Ellen Turner wird vom Vater mit einem Mann seiner Wahl verheiratet und stirbt bald darauf.

Das Buch

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser, München 2020. 272 Seiten, 23 Euro.

Da ist außerdem Herr Peel, der mit Material und Arbeitern am Swan River in Neuholland anlandet, wo die Arbeiter aber unverzüglich ihrer Wege gehen. Er, Herr Peel, hat sich nicht klar gemacht, dass die englischen Produktionsverhältnisse nicht ohne weiteres auf eine andere Weltgegend übertragbar sind, denn Elmiger wiederum hat Karl Marx gelesen (und könnte in derselben Passage auf den Ellen-Turner-Entführer Wakefield gestoßen sein).

Und dort ist noch der unselige Lottogewinner Werner Bruni, dem der Reichtum zwischen den Händen zerrinnt. In einer Szene aus einer Fernsehdokumentation, die eine Versteigerung der wild zusammengekauften Dinge zeigt, wirbt der Auktionator beschämend für zwei karibische Statuen.

Wie Miesepeter es nennen

Zu Elmigers glasklarer Anklage gegen Verhältnisse, in denen über Menschen im Großen oder Kleinen verfügt oder hinweggegangen wird, kommt ein musikalischer Umgang mit den Motiven, die in Variationen wiederkehren. Der nach dem Zucker schnappende Smith, eine so lustige wie indiskrete Szene. Die schmackhafte Frucht in der Mär von der halben Birne, in der „die groze leckerheit“, das Begehren – Miesepeter sagen: die Lüsternheit – der Frau ausgesprochen und nicht bloß auf Obst bezogen wird. Oder die Sterbende in James Joyces „Eveline“, die der Tochter immer wieder die mysteriösen (magischen) Worte „Derevaun Seraun! Derevaun Seraun!“ zuruft. Für alles gibt es Erklärungen, aber die Erklärungen stillen die Sehnsucht nicht.

Das liegt in der Sache und in der Erzählerin begründet, die sich immer häufiger blicken lässt. Denn sie darf nicht fehlen, sie kann sich nicht raushalten, das wird ihr klar, als sie in der vollgestopften Kammer von Bekannten übernachtet. „Nachdem ich meine Notizen und Kopien lange Zeit in der ,Zucker‘-Mappe abgelegt und gedacht habe, den Ereignissen, den Personen und ihrem Begehren, ihren Verstrickungen folgen zu können, ohne mich selbst ins Spiel zu bringen, verstehe ich in dieser Kammer, dass es sich dabei immer schon um ein Missverständnis gehandelt hat. Es ist mein Körper, der da liegt, zwischen den verstreuten Dingen anderer, der zutiefst verwickelt ist in alles, was passiert, und das, was ich zuvor als Material abgelegt habe.“

Auch ist die Erzählerin unglücklich verliebt, in einen gewissen C., der seinerseits bereits beim ersten Besuch in ihren Kühlschrank schaut und etwas zu essen zubereitet. Die Erzählerin wird ihm später eine Birne anbieten. „Mehr habe ich nicht, flüstere ich, es ist eine gute Birne, nimm sie endlich.“ C. beißt rein. Auch Ignoranten können hungrig sein.

Ihre Belesenheit führt die Erzählerin in entlegene Winkel, aber auch zu Peter Kurzeck, was „Aus der Zuckerfabrik“ umso unwiderstehlicher macht.

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