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Biographie Thea Sternheim

Dorothea Zwirner „Thea Sternheim“: „Nicht: Für Dich! Aber mit Dir!“

  • VonEberhard Geisler
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Revision des Schöpferischen. Dorothea Zwirners gelungene Biographie zu Thea Sternheim.

Eigentlich möchte man alle Leute auf der Straße anhalten und ihnen dieses Buch empfehlen. Es wirft ein fast schmerzendes Schlaglicht auf die Kraterlandschaft, zu der Europa um die Mitte des 20. Jahrhunderts ausgebrannt sein würde, auf eine zerrüttete bürgerliche Gesellschaft, aber auch auf eine mutige, starke Frau, die dem Desaster immer wieder etwas entgegenzusetzen vermocht hat.

Die spätere Thea Sternheim kam als Theresia Bauer 1883 im rheinischen Neuss auf die Welt, als Tochter eines vermögenden Industriellen. Das Mädchen fühlte sich innerhalb des Katholizismus der Eltern, der allzu eng und den gesellschaftlichen Konventionen des Großbürgertums verhaftet gewesen war, jedoch unwohl und stattdessen von einer Spiritualität angezogen, die sie ebenso in der Mystik eines Meister Eckhart wie im Künstlertum fand.

Nach einer ersten Ehe sollte sie darum bald einem Mann restlos verfallen, der für sie das geniale Schöpfertum schlechthin verkörperte, dem Schriftsteller Carl Sternheim, von dessen Berufung zum großen Künstler sie fest überzeugt war. Die beiden heirateten, aber diese Ehe sollte äußerst spannungsreich werden und schließlich zerbrechen, da Sternheim seiner Gattin keinerlei Eigenständigkeit zugestehen wollte. Er sah sie als untertäniges Weib, das seine Leistung als Autor zu stimulieren hatte, selbst aber auf intellektuelle Ambitionen verzichten sollte – an denen Thea zum Glück aber festhielt, und dies auf wohl weitaus sensiblere Art und Weise als ihr Mann.

Bereits von der gemeinsamen Beziehung enttäuscht, schrieb sie ihm einmal: „Nicht: Für Dich! Aber mit Dir!“. Die Aussicht, lediglich dem Werk des Gatten zu dienen und für ihn höchstens Texte zu exzerpieren, empfand sie als kränkend; ihr Wunsch war gewesen, die Gefährtin eines Mannes zu sein, der seinerseits ihr Gefährte hätte sein wollen und ihr Raum zu eigener Entfaltung geboten hätte.

Die Autorin der Biografie, Dorothea Zwirner, zeichnet das Panorama einer Epoche, in der Sternheims Attitüde kein Einzelfall war. Sie stand insgesamt noch unter dem grimmigen Einfluss Friedrich Nietzsches, war misogyn geprägt und dem Wahn einer pervertierten Männlichkeit verfallen. In rasender Gier nach Anerkennung betrügt Carl Sternheim Thea wieder und wieder mit anderen Frauen, die er doch zugleich verachtet. Eines Tages stellt sie fest, dass er zwei Gucklöcher in die Tür zum Badezimmer gebohrt hat, um die eigene halbwüchsige Tochter beim Bad zu beobachten. Sternheim bedarf schließlich psychiatrischer Behandlung, wird in Kliniken eingeliefert, dement und zum verirrten Gespenst abgemagert. Auch Gottfried Benn, mit dem Thea befreundet war, war von diesem Hang zu einer sich selbst hochstilisierenden Virilität nicht ganz frei, der ihn dann auch anfänglich in die Nähe der verquasten Denkwelt des Dritten Reichs führen wird. Thea Sternheim bricht deshalb mit ihm.

Das Buch:

Dorothea Zwirner: Thea Sternheim. Chronistin der Moderne. Biographie. Wallstein, Göttingen 2021. 413 Seiten, 28 Euro.

Sie spürt, dass dem überlieferten Werkbegriff selbst etwas Tödliches innewohnt. Einmal fragt sie sich: Warum kann Sternheim das Schöne nicht leben, warum muss er es bloß schreiben? Muss sich das Schöne denn nicht gerade in Verlebendigung äußern? Der erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys hätte ihr sicher gefallen. 1982 wird er als Beitrag zur Documenta zum Beispiel beginnen, 7000 Eichen zu pflanzen. Sie ist bereits elf Jahre zuvor gestorben.

Thea Sternheim verfasste zwar tatsächlich einen Roman, hatte aber längst das Tagebuch zu der ihr gemäßen literarischen Form gemacht. Im Tagebuch, das sie über Jahrzehnte führte, hat sie ihre persönlichen Befindlichkeiten, Empfindungen, aber auch ungemein treffende Urteile über zahllose Zeitgenossen und deren Werke festgehalten. Hellwach kommentierte sie politische Ereignisse, die Gräueltaten der Nationalsozialisten ebenso wie die Entwicklungen der Adenauerzeit. Die Wahl dieses Genres ist als ihr Beitrag zu einer Revision überkommener Vorstellungen von literarischem Schaffen zu verstehen, die, historisch gesehen, sicherlich von einiger Notwendigkeit gewesen war.

„Van Gogh ist bei mir! Das ist ein lieber Gast.“ Thea konnte sich Kunst leisten, verstand die erworbenen Bilder aber nicht als Besitz, sondern als willkommene Freunde für ein gemeinsames Gespräch. Mit vielen Künstlern hat sie Gespräche geführt und dürfte dabei gern auch das „Menschenrecht aufs Lachen“ wahrgenommen haben, das die todernste Epoche den Zeitgenossen geraubt zu haben schien. Ihr gefiel besonders, wie schön und schallend ihr Freund André Gide zu lachen verstand.

Noch immer bekämpften sich auch die beiden christlichen Konfessionen. Thea Sternheims Eltern verunglimpften nicht nur Bewerber um die Hand der Tochter als jüdische Mitgiftjäger, sondern gingen auch mit ihrer heranwachsenden Tochter hart ins Gericht, als sie sie einmal bei der Lektüre einer Luther-Bibel erwischten. Umgekehrt bezeichnete sie den Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe als „protestantischen Eiferer, schnoddrigen Fatzke“, dem sie mehr Anstand seinen Mitmenschen gegenüber gewünscht hätte. Was sie in stillen Stunden erahnte, war eine Koinzidenz von Mystik und Rationalität, die Möglichkeit, dass, was sich dem Verstand entzieht, sich insgeheim als taghelle Logik erwiese.

Mit Gottfried Benn hat sie sich später wieder ausgesöhnt. Sie kam nicht umhin, „den unerreichbaren Stilisten, den Tiefbohrer im Unterbewussten, der sich in die Gemeinschaft meiner Heiligen einreiht“, zu ehren. In diese Riege zählte für sie eigentlich nur noch der junge Picasso und Matthias Grünewald, der den Isenheimer Altar schuf.

Dieses Buch, mit viel Sympathie für Thea Sternheim und bestürzenden Details geschrieben, hilft uns allen dabei, uns die Augen zu reiben über das, was war, und längst andere Vorstellungen zu entwickeln und zu leben.

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