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Doris Runge „die schönsten versprechen“: Bäume auf Partnersuche

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Von: Björn Hayer

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Doris Runge.
Doris Runge. Foto: Reiner E. Binkowski © Reiner B. Binkowski

Es locken Wind und Tür – die 79-jährige Doris Runge schreibt Gedichte voller Lebenshunger.

Sie tanzt mit ganzer Körperkraft. „Zu verwerfen / was sie entwirft“, ist Ambition ihrer kunstvollen Bewegungen. Obgleich einen das Gedicht „performance“ unmittelbar in dieses Solo einer unbekannten Frau hineinzieht, gilt unsere Aufmerksamkeit eigentlich weniger ihr als vielmehr dem lyrischen Ich. Es übt sich im Beobachten, ja Bewundern des reinen Augenblicks. Und zwar mit dem „alte(n) / unstillbare(n) / hunger / nach mehr“. Ohne Sehnsucht geht es für Doris Runge eben nicht. Denn das Leben erweist sich als viel zu kurz für die 1943 geborene Dichterin, die in ihrem neuen Band „die schönsten versprechen“ daher noch einmal unmissverständlich klarstellt: „ankommen ist / zur zeit / nicht mein ziel“.

Nie ins große Getümmel

Das Buch:

Doris Runge: die schönsten versprechen. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2022. 89 Seiten, 18 Euro.

Trotz dieses Wunsches nach Vitalität und Energie stürzt sich ihr Textsubjekt allerdings nie in das große Getümmel. Im Gegenteil, es sucht einsame Orte auf, lauscht der Stille über dem See, dem Flirt des Windes oder verliert sich im Blick auf den weiten Horizont. Je weniger das Ich einordnet und urteilt, desto sensibler verzeichnet es die Vorgänge seiner Umgebung und nimmt gar die geheimen „kontaktbörsen“ der Baumwurzeln wahr.

Es ist gerade diese Demut vor der Welt, dieses unaufdringliche Hinhören und -sehen, aus dem heraus Runge eine Poetik der Zurückhaltung entwickelt. Ihr Kennzeichen: absolute Reduktion auf die Essenz. Kein Begriff dient als Dekor. Die wenigsten Gedichte beanspruchen mehr Raum als eine halbe Seite, setzen sich zumeist aus Versen mit zwei, drei Worten zusammen. Was bisweilen an verloren gegangene Notizzettel oder alte Polaroidaufnahmen erinnert, sind zumeist künstlerisch hochverdichtete Impressionen aus dem Alltag, den Träumen oder von Spaziergängen.

Vielleicht bildet dabei das in einem Poem hervorgehobene und sicherlich im übertragenen Sinne zu deutende „bindewort“ das ästhetische Zentrum ihrer Gedichte. Erst das lakonische Schreiben der in Cismar wohnenden Friedrich-Hölderlin-Preisträgerin bringt Loses oder vermeintlich Beiläufiges mit dem Bewusstsein der Leserinnen und Leser zusammen. Sei es Max Beckmanns Gemälde „Die Ägypterin“, der die Autorin ein ganzes Gedicht zueignet, sei es das Nachraunen der Toten oder schlichtweg die Leichtigkeit eines Kimonofalters – unverkennbar wird Runges Interesse an einer dichterischen Würdigung all dessen, was in einer von Beschleunigung und Fortschritt getriebenen Zeit rasch übersehen oder überhört werden könnte.

Umso bedeutsamer mutet dieser Versuch an, wenn sich wie in ihren letzten Lyrikbänden „Was da auftaucht“ (2010) und „man könnte sich ins blau verlieben“ (2017) hinter dem Sichtbaren Spuren des Metaphysischen offenbaren. Das Göttliche und schicksalshafte Kräfte, sie wirken im Verborgenen, unter Wasseroberflächen oder – einem der Lieblingsmotive der Autorin! – hinter noch geschlossenen Türen. Sie zu öffnen, versteht sich als Akt der Zärtlichkeit, den Runge mit jedem neuen Wort beginnt und vollendet: Denn „man könnte gedichte / schreiben / man könnte (…) seine liebe erklären / man tut es“.

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