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Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht. Foto: Heribert Corn
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Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht.

Roman

Doris Knecht „Die Nachricht“: Etwas bleibt immer hängen

  • VonCornelia Geißler
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Doris Knecht erzählt in ihrem Roman „Die Nachricht“ von Frauenfeindlichkeit im Internet – leichthändig und dabei sehr raffiniert gearbeitet.

Mach dir nichts draus, nimm es nicht ernst, das sind nur Idioten ... Frauen kennen solche Ratschläge, wenn sie über plumpe Anmache klagen. Lass es an dir abperlen... Aber weniges ist so schwierig, wie sich nicht betroffen zu fühlen, wenn einen jemand herunterziehen will.

Die Österreicherin Doris Knecht nimmt solche Erfahrungen als Ausgangspunkt für ihren Roman „Die Nachricht“, der leicht erzählt wirkt und dabei raffiniert gearbeitet ist. Sie berichtet von Ruth, einer Frau, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes wieder ins Gleichgewicht gefunden hat, Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, von guten Freunden umgeben, recht erfolgreich als Drehbuchautorin. Sie wird zum Stalking-Opfer.

Etwas bleibt immer hängen, das ist die zentrale These im Roman. Bis heute wird Frauen eine Mitschuld gegeben, wenn Männer sie provozieren, demütigen, angreifen. Sie muss ihn doch irgendwie ermuntert haben ... Die Nachricht trifft auf Ruths Facebook-Seite ein, sie kennt den Absender nicht. Die Aussage darin ist ihr nicht unbekannt, der Ton jedoch grob verletzend.

Das Buch:

Doris Knecht: Die Nachricht. Roman. Hanser Berlin, 2021. 256 Seiten, 22 Euro.

Die Zweifel der anderen

„Erste Nachricht“ lautet der erste Abschnitt des Romans, es ist so etwas wie ein Prolog. Es folgen zwei große Teile, „Sommer 2019“ und „Herbst 2019“ überschrieben, schließlich, als eine Art Epilog: „Lockdown“. Ruths Leben geht weiter, einigermaßen selbstbewusst, den Sohn und die Stieftochter unterstützend, von den engen Freundinnen Rat suchend. Die Nachricht vom Anfang wird im Verlauf des Romans mehrfach variiert, die Absendernamen wechseln, der Inhalt kommt ihr immer näher. Auch ihr Umfeld wird einbezogen, und so bleibt es nicht nur Ruth, die diese Mitteilungen via Facebook, Instagram, Twitter und Whatsapp verunsichern, sie werfen bei anderen auch Zweifel an ihr auf. „Ich hatte nichts falsch gemacht“, sagt sich Ruth, aus deren Perspektive Knecht schreibt, nach einer Weile, „ich hatte nur zugelassen, dass jemand anderer was falsch machte mit mir, mich beschädigte, oder es zumindest versuchte.“

Die Leserin fragt sich zunehmend, warum die Heldin nicht die Polizei ruft, erinnert sich dann aber an Knechts Vorgängerroman „Weg“. Da verschwindet die Tochter, eine junge labile Frau, was die Mutter aus der Bahn wirft, doch an die Polizei, nein, an die wendet man sich doch nicht. Knechts Frauen sehen deutlich, dass man sie immer zuordnen möchte, die Gesellschaft um sie her sie komplett nur als Partnerwesen betrachten möchte: „Für mein Normal gab es keinen gesellschaftlichen Konsens“, stellt Ruth fest, als sie bemerkt, wie erleichtert ihr Umfeld reagiert, als sie mit einem neuen Mann an ihrer Seite auftaucht. Sie bleibt lange wesentlich stabiler als die Frau, die in Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“ Botschaften von einem Stalker bekommt. Knecht lässt weniger im Ungefähren als Hermann, und doch transportieren ihre genauen Beschreibungen von Orten und Situationen noch einen Subtext.

Daraus ist der Untergrund des Romans gewebt: Die Blicke der Nachbarn, die nach dem Tod von Ruths Mann mit deren Wegzug aus der Siedlung im Grünen gerechnet hatten. Die Ungewissheit über den Vater des Kindes, das die Stieftochter erwartet. Die Reaktion des Arbeitgebers, nachdem auch dort „die Nachricht“ eingetroffen war. Der Bar-Stammgast, der allabendlich angetrunken blöde Sprüche loslässt. Der frühere Fernsehkollege, der Ruth ihren Feminismus vorwirft. Doris Knecht erzählt in Varianten von subtiler und massiver Gewalt gegen Frauen. Zwar gibt es liebenswerte Männerfiguren in ihrem Buch, es knüpft sich aber ein Netz der Misogynie. Der Roman hinterlässt einen starken Eindruck.

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