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Rassismus

Ein Dorf sieht zu

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Pete Dexters großartiger Roman "Paris Trout" erzählt von einem Rassisten, den zu viele gewähren lassen. Nach der Veröffentlichung 1988 erscheint das Werk jetzt auf Deutsch. Von Sylvia Staude

Wer eine Ahnung bekommen will, welche Distanz die USA von Anfang der fünfziger Jahre bis zu einem farbigen Präsidentschaftskandidaten zurückgelegt haben, der muss Pete Dexter lesen.

2003 erschien "Train" (2006 auf deutsch), sein höllenschwarzer Roman um einen 17-jährigen farbigen Caddie. Der ist ein hochbegabter Golfspieler, wächst aber in einer Zeit auf, als man von Menschen mit seiner Hautfarbe erwartete, dass sie weißen Spielern Handlangerdienste leisten für wenig Geld - und artig danke sagen. Jahrzehnte später hätte aus Train ein Tiger Woods werden können. Anfang der Fünfziger strampelt er in einem Strudel der Vorurteile und Gewalt.

Die gleiche Zeit nimmt Dexters bereits 1988 erschienener "Paris Trout" in den Blick, ein - ja, was eigentlich? Kriminalroman? Thriller? Gesellschaftsroman mit noir-Elementen? Völlig egal. Denn für diese - mit dem National Book Award ausgezeichnete - Chronik eines angekündigten Todes gilt ausnahmsweise, womit Krimi-Klappentext-Schreiber immerzu werben: Von dem ersten, Dunkelheit ankündigenden Satz ("Im Frühling jenes Jahres brach in Ether County, Georgia, eine Tollwut-Epidemie aus"), bis zum letzten Wort kann man nicht lassen von dem Buch.

Es ist klar, dass diese Geschichte um einen Amok laufenden Rassisten nicht gut ausgehen wird. Aber wie sie auf ihr Ende zusteuert, obwohl eine Reihe besonnener Menschen eingreifen könnten, das ist herzzerreißend.

Paris Trout ist der Name des Mannes, der im Kaff Cotton Point, Georgia, den einzigen Laden betreibt und Kredite vergibt. Während weiße Kunden den Laden betreten und sich die Ware aussuchen können, müssen Neger (so sagte man) vor der Tür bleiben.

Die Geschichte beginnt mit Rosie, einem schwarzen Mädchen. Die 14-jährige wird von einem Fuchs gebissen, Trouts Frau bringt sie - gegen den Willen ihres Mannes - ins Krankenhaus. Als dieser dann meint, einen Kreditnehmer einschüchtern zu müssen, trifft er im Haus dieser Familie wieder auf Rosie. Da brechen sein Schwarzen- und Frauenhass aus wie Lava, dazu die Wut auf seine Frau: Er erschießt Rosie und verwundet deren Ersatzmutter schwer.

Schwere Verbrechen - und der Ort sieht zu

Ein angesehener Bürger Cotton Points ist ein Stück zu weit gegangen: Schwarze junge Männer erschießen, o.k., aber eine dünne 14-Jährige ... Der Ort tut trotzdem, als sei nichts gewesen. Und diejenigen Würdenträger, die sich mit dem Fall befassen müssen, winden sich wie die Aale.

Pete Dexter macht sie nicht zu schlechten Menschen. Aber sie sind schwach, halten es auch nicht wirklich für nötig, einen Mann einzusperren, der sich so rechtfertigt: Hatte der Neger nicht Schulden bei mir? Hatte ich kein Recht, mit einer Waffe in sein Haus zu gehen? Hat mich diese 14-Jährige, die übrigens aussah wie Anfang 20, nicht angegriffen? Die ersten, die ahnen, dass man sich fürchten muss vor Paris Trout, sind seine Frau Hannah und sein Anwalt.

Pete Dexter ist ein Lakoniker, aber er spart nicht an der falschen Stelle. Er nimmt sich seitenlang Zeit für verblüffend vorsichtige, zarte Begegnungen - etwa zwischen Hannah und dem Anwalt -, er schreibt Dialoge wie auf Zehenspitzen. Seine Sätze sind glasklar und von bisweilen unangenehmer Drastik, und doch spinnt er aus ihnen ein Netz aus Andeutungen, Zwischentönen. Selbst Trout, der schwarze Mädchen erschießt, der seine Frau fast ertränkt, um sie gefügig zu machen, selbst er tut einem manchmal leid. Dexter zeichnet ihn als Kind seiner Zeit: Ein Hohn, sie "gute alte" zu nennen.

Pete Dexter:

Paris Trout. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger.

Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2008, 416 Seiten, 22 Euro.

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