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"Glauben Sie mir: Ich werde alles tun, um diese historische Entgleisung zu überleben", sagt Toni Morrison.

Toni Morrison

"Donald Trump ist ein rassistischer Vollidiot"

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Die US-amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison über #BlackLivesMatter, Wakanda und ihr Vertrauen in die kommende Generation.

Frau Morrison, haben Sie den Film „Black Panther“ gesehen?
Ist das der mit dem Superhelden? Nein, aber ich habe gehört, er soll sehr gut sein.

Es ist der bisher überhaupt erfolgreichste Film amit einem Solo-Superhelden. Und weil es sich dabei auch um das Werk eines schwarzen Regisseurs mit fast ausschließlich schwarzen Hauptfiguren handelt, wird der Film als Meilenstein für das Selbstverständnis von Afroamerikanern gefeiert.
Unfug. Es ist ein Cartoon! Mit der Realität hat dieses Phänomen nichts zu tun. Erinnern Sie sich daran, dass wir noch vor nicht allzu langer Zeit einen schwarzen Präsidenten hatten?

Vage.
Sein Name war Barack Obama. Und wer ist auf ihn gefolgt? Ein rassistischer Vollidiot mit orangefarbenen Haaren. Das ist die Realität. Ich schalte den Ton aus, sobald ich seine Stimme höre. Aber es gibt kein Entkommen. Natürlich haben Trumps Rassismus und der seines mausgrauen, zutiefst religiösen Vize Mike Pence in diesem Land eine lange Geschichte. Die Vereinigten Staaten wurden von Weißen für Weiße gegründet. Amerikaner zu sein, heißt, weiß zu sein. Schwarze hatten diese Möglichkeit nie.

Darüber schreiben Sie in „Die Herkunft der anderen“: Um von einem „anderen“ zu einem Amerikaner zu werden, müsse man weiß werden. Basieren die USA auf einer rassistischen Idee?
Absolut. Warum sonst rotteten die Europäer als Erstes die Menschen aus, die diese Land vor ihrer Ankunft seit hunderten von Jahren bewohnt hatten? Das Weißsein war von Anfang an theoretisch und praktisch der verbindende Faktor zwischen den Einwanderern. Man konnte die eigene Sprache und bis zu einem gewissen Grad auch die eigenen Gebräuche behalten, aber nur wer weiß war und als weiß anerkannt wurde, wurde zu einem Amerikaner.

Noch in den 1920ern galten Italiener als Nicht-Weiße.
Ich bin mit vielen von ihnen aufgewachsen. Im Norden Ohios, woher ich stamme, ließen sich Tausende von Immigranten nieder, um in den Stahlwerken zu arbeiten. Weil mein Mädchenname mit „W“ begann, Wofford, setzte man mich in der Schule der alphabetischen Reihe nach neben einen Jungen namens Nunzio Zano. Der kam direkt vom Boot. Mir trug man auf, ihm beim Englischlernen zu helfen. Ich glaube nicht, dass so etwas heute noch vorkommt.

Wann haben Sie realisiert, dass Sie selber als „anders“ galten?
Dass zwischen Schwarzen und Weißen unterschieden wurde, war mir seit frühester Kindheit bewusst. Was dieser Unterschied wirklich bedeutete, wurde mir allerdings erst klar, als ich fürs Studium in den Süden zog – nach Washington DC. Ich war schockiert, als ich an den Sitzen in den Bussen die Schilder mit der Aufschrift „Farbige“ sah. Eines davon schraubte ich ab, um es meiner Mutter zu schicken. Als Sie vorhin den Erfolg eines Filmes wie „Black Panther“ erwähnten und den Umstand, dass in der Popkultur heute viele Schwarze als Stars gefeiert werden, musste ich an die Bilder gelynchter Schwarzer denken. Die wurden früher als Postkarten verkauft. Wir sind noch weit vom Ende von Rassismus und Hass entfernt. In diesem Land geht keine Woche vorüber, ohne dass ein weißer Polizist einen Schwarzen erschießt. Ich warte auf den Tag, an dem einem weißem Junge von einem weißen Polizisten in den Rücken geschossen wird.

Das kann nicht Ihr Ernst sein.
Naja, sagen wir: ins Fußgelenk geschossen wird. Jedenfalls warte ich auf den Tag, an dem ein weißer Polizist für den Mord an einem Schwarzen verurteilt wird. Den werde ich vermutlich nicht mehr erleben. Ich habe einen 55-jährigen Sohn. Wäre er heute ein Kind, würde ich täglich Todesängste um ihn ausstehen.

Was halten Sie von #BlackLivesMatter?
Bewegungen wie diese geben mir Hoffnung. Dazu gehören auch die High-School-Studenten, die gegen Schusswaffengewalt mobil machen. Diese jungen Leute scheinen ihre Sache ernst zu nehmen und Aktivismus nicht einfach als vorübergehendes Hobby zu betrachten oder als Gelegenheit, ins Fernsehen zu kommen. Sie besuchen Bürgerforen und rücken Politikern auf den Leib. Sie sind die Zukunft, nicht die Geister der Vergangenheit, die den Senat und den Kongress bevölkern. Sie scheinen auch von den Vorurteilen älterer Generationen frei zu sein. Ich habe erst vor kurzem aufgehört, an der Universität Princeton Literatur zu unterrichten. Unter meinen letzten Studenten dort bemerkte ich eine Offenheit, die mir neu war.

Wie finden Sie die Literatur der jüngeren Generation?
Von der Literatur bin ich weniger beeindruckt. Sie schreiben alle über sich selber! In Princeton bläute ich meinen Studenten am Anfang jedes Semesters ein: Verschont mich mit euren kleinen Geschichten über euch und eure Großmutter. Schreibt über eine alte Frau in Paris, die sich an ihr Leben als Kurtisane erinnert. Anders gesagt: Schreibt über etwas, von dem ihr keine Ahnung habt, erfindet, erschafft etwas Neues. Literatur, die sich auf die kleine Welt des Autors beschränkt, interessiert mich nicht.

In wie weit hat Ihr Leben Eingang in Ihr Schreiben gefunden?
Mein Leben mag die Tonlage mancher Romane bestimmt haben. Ich habe kleine Teile daraus für den Hintergrund einer Geschichte verwendet oder die Sprache, die ich um mich herum hörte. Aber im Kern meiner Bücher steckt immer etwas Größeres, etwas, das fern von mir liegt, etwas, das die Menschen an sich betrifft.

Ihr Kollege James Baldwin sprach einmal davon, dass schwarze Autoren beim Schreiben stets vom „kleinen weißen Mann, der in uns allen lebt“, verfolgt würden. Wie sind Sie mit diesem kleinen weißen Mann verfahren?
Ich hatte kein Problem damit, ihn loszuwerden. Ich habe nie für ein weißes Publikum geschrieben. Aber Jimmy hatte in gewisser Weise schon recht: Viele schwarze Autoren fühlen sich vom Auge eines weißen Richters verfolgt. Ralph Ellison zum Beispiel hat ganz bestimmt für Weiße geschrieben ...

Von Ellison stammt der berühmte Roman „Der unsichtbare Mann“ ...
Ich bin mir nicht sicher, wie es sich damit bei jüngeren Autoren verhält. Die Schriftstellerin Edwidge Danticat halte ich in dieser Hinsicht für vielversprechend. Viele andere Namen fallen mir allerdings nicht ein.

Edwidge Danticat schreibt oft über Fragen der Identität und der Zugehörigkeit. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Bei meiner Familie. In der Literatur. Das Schreiben ermöglicht es mir, die Welt um mich herum zugleich mit Empathie und Distanz wahrzunehmen. Ich bin im Zentrum des Geschehens und bin es doch nicht, und genau dadurch vermag ich meine Leser emotional zu berühren. Auch wenn manche meiner Romane in der 1920er oder 1930er Jahren spielen, handeln sie immer von der Gegenwart. Sie handeln von den Gefahren in einer Gesellschaft und davon, was Menschen tun, um zu überleben. „Menschenkind“ zum Beispiel ist heute noch so aktuell wie vor dreißig Jahren, als der Roman erschien. Und das obschon die Geschichte der Sklavin, die ihr Kind tötet, vor 150 Jahren spielt. Aber ich höre wohl besser auf, meine eigenen Bücher zu loben ...

In „Die Herkunft der anderen“ beschreiben Sie, wie in Ihrer Kindheit bei der sonntäglichen Kollekte in der Kirche jeweils ein kleiner Teller „für die Erlösung, die Errettung Afrikas“ durch die Reihen ging. Welche Rolle hat dieses mythische Afrika in Ihrer Vorstellung gespielt?
Ich konnte damit nie viel anfangen. Umso weniger, als unsere Bild von Afrika nur eine weitere Projektion in der langen Reihe ist, die von Joseph Conrad bis Albert Camus und darüber hinaus reicht. Ein Märchen, das wieder und wieder erzählt und zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt werden kann.

Damit wären wir wieder bei „Black Panther“ und Wakanda, dem afrikanischen Eden, das darin beschworen wird.
Ein Cartoon, ein Comic, ich sage es ja. Damit macht man keine Politik. Wir haben einen Präsidenten, der außer wüsten Beschimpfungen keinen kohärenten Satz formulieren kann, der je nach Uhrzeit Nordkorea, Iran, Syrien oder Russland zu bombardieren droht und dessen geistige Fähigkeiten generell nicht über die eines zurückgebliebenen Primaners hinausreichen.

Welches Lehrbuch würden Sie Donald Trump empfehlen?
Er muss mit dem Alphabet beginnen. Als ich klein war, gab es eine Serie von Lernfibeln mit dem Titel „Alice and Jerry“. Ich habe meinen Roman „Sehr blaue Augen“ mit einer Zeile daraus eröffnet: „Hier ist das Haus. Es ist grün und weiß. Es hat eine rote Tür. Es ist sehr hübsch.“

Zumindest das hübsche weiße Haus würde Donald Trump sicher wiedererkennen.
Ich verstehe nicht, wie dieses Land ihn dorthin bringen konnte. Ich bin jetzt 87 Jahre alt. Am Ende von Trumps Amtszeit werde ich 91 sein. Die Vorstellung erschreckt mich. Aber glauben Sie mir: Ich werde alles tun, um diese historische Entgleisung zu überleben.

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