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Donald-Trump-Buch "Fire and Fury" jetzt auf Deutsch

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Von: Christian Schlüter

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Hier staunte der Fotograf: Nachdem die Bevölkerung wochenlang vorm Blick auf die verfinsterte Sonne gewarnt worden sei, schreibt er zu diesem Bild, schaue Donald Trump mitten hinein. Anders als Melania und Sohn Barron.
Hier staunte der Fotograf: Nachdem die Bevölkerung wochenlang vorm Blick auf die verfinsterte Sonne gewarnt worden sei, schreibt er zu diesem Bild, schaue Donald Trump mitten hinein. Anders als Melania und Sohn Barron. © rtr

Jetzt erscheint Michael Wolffs Trump-Buch "Fire and Fury" auf Deutsch und wirkt schon wieder veraltet.

Michael Wolff hat selbstverständlich gewusst, dass sein Buch „Fire and Fury“ im Washingtoner Politikbetrieb eine Bombe sein würde. Noch vor der Veröffentlichung am 5. Januar stimmten die großen Zeitungen des Landes, „New York Times“ und „Washington Post“, aber auch der britische „Guardian“ auf den absehbaren Skandal ein. Wolffs Buch, so hieß es, könne wegen seines brisanten Inhalts sogar verboten werden. Tatsächlich sollte es Donald Trump und seiner Regierung mit „Enthüllungen“ aus dem inneren Zirkel der Macht einige peinliche Momente bescheren, kam hier doch Steve Bannon ausführlich zu Wort, Trumps ominöser, nach dem Erscheinen des Buches umgehend geschasster Strategieberater.

Bannon hatte geplaudert! Bannon, der Verräter! Das kostet Wolff in den ersten, allerorten zitierten und den politischen Nahkampf bestens munitionierenden Kapiteln seines Buches aus. Der Journalist gibt hier in rasant geschriebener Folge Bannons abschätzige, vor allem die intellektuelle Befähigung Trumps betreffenden Einlassungen wieder. Dabei kommen auch die längst von einem Sonderermittler untersuchten Verbindungen zu russischen Geheimdiensten zur Sprache, die Trump seit geraumer Zeit das Leben schwermachen: Sein politisches und/oder familiäres Umfeld soll auf „landesverräterische“ Weise versucht haben, im Wahlkampf kompromittierendes Material gegen die politische Gegnerin Hillary Clinton zu beschaffen…

Doch warum müssen uns diese innenpolitischen Ränke in Deutschland interessieren? In dem jetzt übersetzten Skandalbuch „Feuer und Zorn: Im Weißen Haus von Donald Trump“ ist jedenfalls nichts Skandalöses mehr zu finden: Sein tagespolitischer Nutzwert verrauchte mit dem Erscheinen des Originals vor sieben Wochen in einem kurzen medialen Erregungsfeuerwerk. Zudem sind die ehedem brisanten Neuigkeiten schal geworden. Die Russland-Geschichte zum Beispiel ist längst einige Umdrehungen weiter: Der mächtigste Erregungsfeuerwerker von allen, Trump, hat zur Gegenattacke geblasen und schießt nun gegen Sonderermittler, Bundespolizei und Geheimdienste.

Wir lesen also ein veraltetes Buch. Immerhin, es handelt von einem der mächtigsten Männer der Welt: Sollte uns da nicht eine Innenansicht aus dem Weißen Haus interessieren? Zumal Trump mit seinem chauvinistischen Aplomb, seinen rassistischen, sexistischen und allemal vulgären Ausfällen, seinen aggressiven, antiinstitutionalistischen, geradezu diktatorischen Anwandlungen doch wie ein globales Menetekel erscheint. Trump, dieser „Make America Great Again“-Gröfaz, der weder den Schulterschluss mit der neonazistischen Alt-Right-Bewegung noch die Verunglimpfung und Behinderung der Presse scheut. Trump, der Totengräber des Rechtsstaats, der Zermalmer der Demokratie. Trump, ein feuchter Traum der AfD.

Apodiktischer Kommunikationsstil des Weißen Hauses

Aber nein, dergleichen politische Einschätzungen sind Wolffs Sache nicht. Ebenso wenig will er Trumps Twitter-Logorrhö, die in einer nicht enden wollenden Dauererregung verstreuten Wort- und Wutbrocken, in eine konsistente Idee übersetzen und damit verständlich machen. „Feuer und Zorn“ hat keine ideologiekritischen Ambitionen. Zwar lässt das Buch kaum einen politischen Aufreger aus dem ersten Amtsjahr des Präsidenten vermissen und auch sein Titel greift ja eine Drohung Trumps gegen den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un auf, ihn mit „Feuer, Wut, … wie sie die Welt noch nie gesehen hat“, zu überziehen. Doch all das ist nur die lärmige Kulisse für eine ganz andere Geschichte, eigentlich sind es zwei Geschichten.

Zum einen inszeniert sich Wolff selbst als der große Checker im Politikbetrieb: Während die versammelte Weltpresse die Fake-News-Invektiven und den restriktiven, apodiktischen Kommunikationsstil des Weißen Hauses beklagte, sei er im allgemeinen Durcheinander der ersten Wochen einfach hineinspaziert, erzählt er im Vorwort – das Oval Office habe für ihn sperrangelweit offen gestanden. Und dort wollten dann angeblich mehr als 200 Beamte und Mitarbeiter mit dem Journalisten sprechen, auch solche aus Trumps engstem Umfeld. Zudem sei er, so Wolff, „wie eine Fliege an der Wand“ bei unzähligen Gesprächen dabei gewesen. Wir verstehen sofort: cooler Macker, der Rest der Journaille hat keinen Biss.

Zum anderen möchte Wolff uns folgende, alle bisherigen Befunde zu Trumps Präsidentschaft überbietende These andienen: Trump und seine Truppe seien nicht etwa nur schlecht vorbereitet zu präsidialen Ämtern und Würden gekommen und böten deswegen bis heute eine irrlichternde und amateurhafte White-House-Soap, sondern er habe die Präsidentschaft gar nicht gewollt. Das „Geschäftsmodell“ der Politdilettanten soll also darin bestanden haben, die Wahl zu verlieren, den Wahlkampf aber zur Steigerung der eigenen Bekanntheit zu nutzen und die Prominenz dann anderweitig zu vermarkten. Wolffs Pointe: Der Plan missriet gründlich, Trump gewann die Wahl und zog nach einer Schrecksekunde eben ein neues Business auf.

Michael Wolff hat ein lärmiges und damit seinem Thema, Donald Trump, allemal angemessenes, über weite Strecken auch unterhaltsames Buch geschrieben. So etwas ist in Deutschland eher selten, neigt die politische Publizistik hier doch zur Seriositätsbehäbigkeit. Ansonsten erfahren wir nichts Neues – Trumps kurze Aufmerksamkeitsspanne, Trumps Hass auf Detail- und Expertenwissen, Trumps Vorliebe für ausgedehnte FastFood- und Fernsehsessions – und können uns allenfalls darüber freuen, das weit verzweigte Familienbusiness der Trumps im Weißen Haus mitsamt der unzähligen Personalrochaden im Zusammenhang präsentiert zu bekommen. Wolff zeigt einen hoch aufgelösten Schnappschuss. Man verliert da ja schnell den Überblick.

Michael Wolff: Feuer und Zorn. Im Weißen Haus von Donald Trump. Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Thomas Gunkel, Isabel Bogdan, Dirk van Gunsteren, Gregor Hens, Jan Schönherr, Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 480 Seiten, 19,95 Euro.

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