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Bob Woodward (l.) im Januar 2017 im Trump Tower.

Buchkritik: „Rage“

Bob Woodward in Rage: „Trump ist der falsche Mann für den Job“

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Bob Woodward deckt in seinem zweiten Buch über Trump dessen Lügen zur Corona-Krise auf. Auch die fast willkürliche Auswahl von Ministern wird enthüllt. 

  • In Bob Woodwards neuem Buch „Rage“ über befasst sich der Journalist erneut mit US-Präsident Trump.
  • Donald Trumps Verhältnis zur Wahrheit und zu seiner Regierung werden besonders beleuchtet.
  • Trump News: Hier finden Sie alle Infos zum US-Präsidenten.

„Rage“ heißt das neue Buch des 77-jährigen Watergate-Journalisten Bob Woodward über den 74-jährigen Präsidenten der USA, Donald Trump. Es ist mehr ein Buch mit Donald Trump als eines über ihn. Die Basis des Werkes sind 17 Interviews, die Woodward mit Trump führte. Die meisten per Telefon und selten länger als eine halbe Stunde.

Bob Woodwards Buch über Trump: „Trump ist der falsche Mann für den Job“

An einer Stelle des Buches wundert sich Donald Trump darüber, dass er so viel Wut weckt. Kein Wort auf den 466 Seiten darüber, dass er selbst sich immer wieder aufführt wie ein wütender Stier, der alles niederreißt, was es wagt, sich zwischen ihn und seine Ziele zu stellen. Wütend ist Trump auch darüber, dass er nicht genügend geschätzt wird. Es gibt doch tatsächlich Menschen, die sich fragen, ob er wirklich recht hat. Sein Schwiegersohn Jared Kushner hat diesen Fehler schon lange abgelegt. Wenn er sich dabei erwischt, anderer Meinung zu sein als Donald Trump, dann überlegt er, woher das denn kommt. Die Meinungswechsel seines Schwiegervaters – gegen die Maske, für die Maske, gegen China, mit China usw. – sind seines Erachtens nicht Ausdruck von dessen Unsicherheit oder gar Ahnungslosigkeit, sondern sie haben zu tun mit der jeweiligen Situation und dem Ziel, das der Präsident anstrebt.

Das Buch ist rasant geschrieben. 46 Kapitel, die 46 Szenen sind in einer Netflixserie mit dem Superhelden Donald Trump. Wir sind immer dabei. Nicht nur bei den Gesprächen Woodwards mit Trump, sondern auch bei denen mit Ministern und Sicherheitsberatern, sogar bei denen, die manche von ihnen – ganz ohne Woodward – untereinander führten. Immer wörtliche Rede, eine nicht abreißende Kette von Dialogen.

Das ist nicht immer spannend zu lesen, gar zu vieles wiederholt sich, aber schon auf der nächsten Seite kommt wieder eine Verrücktheit, die einen Woodwards letzte Worte „Trump ist der falsche Mann für den Job“ verstehen lässt. Sie wissen das schon? Das Spannende an dem Buch sind nicht die Zusammenfassungen Woodwards, sondern die Äußerungen Trumps und die seiner Leute. Trump weiß alles besser, und wenn er heute das Gegenteil von dem sagt, das er gestern sagte, dann weiß er eben einfach zwischen gestern und heute zu unterscheiden.

Präsident Donald Trump und sein Verhältnis zur Wahrheit

Trump lügt. Nichts Neues auch das. Aber wenn man das Buch liest, begreift man, dass Lüge und Wahrheit Konzepte sind, die in Trumps Welt keine Rolle spielen. Die moralische Empörung, die sich meldet, wenn man liest, dass Trump, als er öffentlich Covid-19 herunterspielte, im Gespräch mit Woodward die Gefährlichkeit des Virus sehr beredt zu beschreiben wusste, hat noch nicht verstanden, wie Trump tickt. Er sagt Woodward gegenüber nicht die Wahrheit, die er der Öffentlichkeit verschweigt. Er teilt vielmehr beiden mit, was sie hören wollen. Donald Trump ist Verkäufer. Er redet in Reklamesprüchen. Das ist das Geheimnis seines Erfolges. Wenn der Slogan funktioniert, ist alles gut. Kein Mensch käme auf die Idee, die Marketingsprüche eines Unternehmens einem Faktencheck zu unterwerfen.

Bob Woodward: Rage.

Simon & Schuster, 466 S., 17,99 Euro. Die deutsche Übersetzung ist für den 19. Oktober im Hanser Verlag angekündigt, 24 Euro.

Trump begreift nicht, warum er jetzt die Wahrheit sagen soll. Er ist sein ganzes Leben lang bestens ohne sie ausgekommen, er ist Präsident ohne sie geworden. Wer sind denn diese Faktenchecker? Sind sie Präsident? „Irgendwie glaubt Präsident Trump, wenn er etwas sagt, würde es wahr“, erklärte ein demokratischer Senator spöttisch. Die fleißigen Gottesdienstbesucher mögen dabei an die Schöpfungsgeschichte gedacht haben, in der es heißt: „Gott sagte, es werde Licht, und es ward Licht.“

Donald Trump weiß und kann alles: Der US-Präsident lügt über Corona und Protest gegen Polizeigewalt

Die Wahrheit aber scheint mir, dass Trump wie viele Chefs in der Vorstellung lebt, er brauche nur etwas anzuordnen, dann werde es gemacht. Bei Trump nimmt das, man kann das in Woodwards Buch über viele Seiten verfolgen, wahnhafte Züge an. Das Coronavirus werde verschwinden, einfach wieder verschwinden – sagte er immer wieder. Ein Zauberspruch, ein magisches Weltverständnis, in dessen Zentrum das aufgeblasene Selbst steht. Einer, der ganz und gar davon überzeugt scheint, dass er alles kann und alles weiß. Expertenwissen interessiert Trump nicht: „Ich brauche nur mich und drei oder vier Menschen, denen ich vertraue und mit denen ich arbeite.“

Am 25. Mai 2020 drückte in Minneapolis ein Polizist acht Minuten lang dem Afroamerikaner George Floyd ein Knie auf die Gurgel. Der Mann war tot. In mehr als 2000 Städten in den USA gab es Protestkundgebungen gegen die rassistische Polizeigewalt im Land. Trump heizte die Stimmung noch an, indem er die Nationalgarde gegen die Demonstrierenden einsetzte. Er sah eine Chance, sich als weißer Law-and-Order-Mann zu profilieren. Aber das genügte ihm nicht. Er erklärte auch noch, kein amerikanischer Präsident – vielleicht abgesehen von Abraham Lincoln – habe jemals so viel für die Schwarzen getan. Wieder stellt sich nicht die Frage, ob er das glaubt oder nicht. Er hat einen Slogan. Darauf kommt es an.

Wie Donald Trump seine Regierung zusammenstellte – und später wieder außeinander nahm

Die erste Szene des Buches spielt kurz vor Thanksgiving im November 2016. Woodward schildert, wie General James Mattis zum ersten Verteidigungsminister der Trump-Regierung wird. Die zweite Szene zeigt, wie Rex Tillerson, der langjährige CEO von Exxon-Mobil, der erste Außenminister der Trump-Regierung wurde. Beide Herren waren Trump völlig unbekannt. Er hatte mit jedem von ihnen ein Gespräch, an dessen Ende er sie fragte, ob sie nicht Verteidigungs- resp. Außenminister werden wollten.

Auch diese Gespräche werden im Buch wörtlich wiedergegeben. Es sind keine Bewerbungsgespräche. Die beiden wussten nicht, was Trump mit ihnen vorhatte. Tillerson war es gewohnt, über seine Öl-Gespräche mit Putin oder saudischen Prinzen der US-Regierung zu berichten. Er ging davon aus, dass der frisch inthronisierte Trump ihn um eine Tour d’Horizon gebeten hatte, um die Ansicht eines erfahrenen Ölmannes über die Weltlage zu hören.

Die ersten Kapitel des Buches zeigen also, wie Trump seine Leute einstellte. Die späteren zeigen, wie er sie wieder feuerte. „Hire and fire“, und wir sind dabei. Das ist großartig zu lesen und gleichzeitig zutiefst deprimierend. Mit der immer wieder gerne beschworenen „Leistungsgesellschaft“ hat das nichts zu tun. Es geht um die Befriedigung der wechselnden Launen des Machthabers.

Donald Trump: Anthony Fauci wird ihm zu prominent

Als sein Corona-Beauftragter Anthony Fauci immer häufiger im Fernsehen zu sehen ist und als Befragungen ergeben, dass ihm mindestens zweimal so viele Amerikaner vertrauten wie Trump, da wurde Fauci gefeuert. Mit der Begründung, er habe die Entwicklung der Virus-Verbreitung öfter falsch eingeschätzt, während Trump immer recht gehabt habe.

Am Anfang, so erklärt Trumps Schwiegersohn Kushner dem Journalisten die Situation des Präsidenten, hätten etwa zwanzig Prozent von Trumps Mitarbeitern – Minister, Staatssekretäre usw. – für Trump gearbeitet. Achtzig Prozent hätten dagegen durch ihre Mitarbeit das Land vor Trump schützen wollen. Mitte 2020 sei es dann gelungen, dieses Verhältnis umzudrehen.

Bob Woodwards Buch über Donald Trump: Zusammenfassung einer Präsidentschaft

Die vergangenen Jahre, vor allem aber 2020 ziehen beim Lesen noch einmal vorbei. Europa spielt so gut wie keine Rolle, Deutschland wird zwei-, dreimal erwähnt, Angela Merkel nicht einmal. Man kapiert, was für ein völlig unbedeutendes Paradiesgärtlein man bewohnt. Russland, China, Nordkorea, Polizeiübergriffe, Untersuchungsausschüsse, Corona. Man versteht, was Trump meint, als er Woodward am 7. Februar 2020 erklärt: „Wenn Sie ein Land führen, gibt es dauernd Überraschungen. Hinter jeder Tür liegt Dynamit.“ Aber man weiß nach der Lektüre von Woodwards Buch auch: Das gefährlichste Dynamit ist Trump selbst. (Von Arno Widmann)

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