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Don DeLillos „Die Stille“

Die menschlichen Splitter

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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In seinem schmalen Buch „Die Stille“ schildert Don DeLillo den Moment, als die Schirme schwarz geworden sind. Vielleicht geht die Welt unter.

Was, wenn die Welt, die wir kennen, komplett neu geordnet wird, während wir dastehen und zuschauen oder dasitzen und reden?“, heißt es hier einmal. Das wirkt im Jahr 2020 weder abwegig noch abstrakt, auch wenn es im Jahr 2022 gesagt wird und eine der Frauen jetzt bodenständig erklärt: „Ein Kraftwerk hat einen Blackout. Sonst nichts.“ Aber auch das ist nur eine Vermutung. Es könnten sich ebenso gut Außerirdische in die irdischen Systeme eingeloggt haben. Die Welt könnte untergehen.

Don DeLillos „Die Stille“, als Roman deklariert, mit Blick auf Länge und kompakte Form jedoch eine Erzählung, passt sich in diese Tage ein wie ein großes Blatt in eine große Mappe, in der bisher Zettel und Notizen liegen. Dabei ist auch „Die Stille“ bloß eine Momentaufnahme, aber die eines Meisterfotografen.

Es wird viel geredet und im Großen und Ganzen kein dummes Zeug, während die Redenden gleichwohl keine Ahnung haben – keine Ahnung haben können –, was los ist. Das kommt uns ebenfalls bekannt vor. Alle sind auch gebildet und auf dem Laufenden, und jetzt zählt eine der Frauen Katastrophen der vergangenen Jahre auf, Tsunamis, Feuersbrünste, „aber dazu kommt, was wir alle noch frisch in Erinnerung haben, das Virus, die Seuche, Corona, die Märsche durch die Flughäfen, die Masken, die entleerten Straßen der Städte“.

So scheint Corona den Gang in die Literatur und die Erinnerung (also Vergangenheit) anzutreten – was offensichtlich geradezu tröstlich wäre. Faszinierend allerdings, dass der Schriftsteller in der Wochenzeitung „Die Zeit“ kürzlich versicherte, die Passage stehe nicht im Buch, jedenfalls nicht mehr, weil sie ihm „zu zeitgenössisch“ erschienen sei. Tatsächlich ist sie in der Übersetzung von Frank Heibert aber noch da. Ja, sie ist etwas zeitgenössisch, ihrerseits wie hineingeschoben, aber natürlich auch frappierend.

Auch der „New York Times“ – „The Silence“ erschien in den USA zeitgleich – fiel der Satz auf, dann aber, schreibt sie, kamen neue Fahnen, in denen er fehlte. Don DeLillo, der am 20. November 84 wird, zur „Times“: Er habe diesen Satz gar nicht geschrieben und auch klargestellt, er wolle ihn nicht haben. Der Interviewer, verblüfft: Er könne sich nicht vorstellen, wer die Chuzpe habe, Don DeLillo einen Satz in sein Buch zu schreiben. Don DeLillo: Er sei ja nun auch nicht mehr da. Der britische „Guardian“: Ob das die Russen gewesen sein könnten?

Das Buch:

Don DeLillo: Die Stille. Roman. A. d. Engl. v. Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 106 S., 20 Euro.

Guter Spaß, intelligenter Ernst, denn Fremdsteuerung und Wahrnehmungsirritationen sind auch in „Die Stille“ DeLillo-Themen noch im kleinsten Detail: Eindringlich von Fachbegriffen träumen, die es (noch?) nicht gibt; den Namen der eigenen Tochter für den Bruchteil einer Sekunde nicht mehr wissen.

Dazu kämen aus DeLillos Welt American Football („End Zone“) und Monitore („Cosmopolis“) dazu, wenn die Schirme nicht auf einmal schwarz wären. Jim und seine Frau, die Dichterin Tessa, sitzen noch im Flieger zurück nach New York. Er kann nicht aufhören zu lesen, was auf den Bildschirmen steht, Orte, Uhrzeiten, Ziffern – dieses ständige Mitlesen, so DeLillo, sei, nervend und suchterzeugend zugleich, der Kern des Buches gewesen. Tessa macht sich handschriftliche Notizen. Im entspannten, losen Gespräch suchen die beiden Definitionen, Vornamen. Der alphabetisierte Mensch ist ein permanent Zeichen aufnehmendes und Zeichen von sich gebendes Wesen – das eigene Gedächtnis spielt mit dem Besitz eines Smartphones eine untergeordnete Rolle, aber erfreulich, wenn es einmal funktioniert.

Als die Bildschirme erlöschen, schwenkt DeLillo in die Wohnung von Max und der Physikerin Diane, die bereits ihren ehemaligen Studenten Martin zu Besuch haben und auf das andere Paar warten. Gemeinsam wollen sie den Super Bowl anschauen, der gleich losgehen soll. Ein vertrauter Teil des Jahreslaufs, man bespöttelt die Rituale und hat doch einen Imbiss vorbereitet.

Als die Bildschirme auch hier erlöschen, hat Diane den Eindruck, die letzten Geräusche aus dem Fernseher seien „kein irdisches Reden“: „Das ist außerirdisch.“ Sie ist sich nicht sicher, ob sie einen Witz gemacht hat. Auch im Apartment wird jetzt bruchstückhaft geredet, nicht mehr ganz so entspannt. Die Physikerin und vor allem ihr ehemaliger Schüler kennen sich aus im Labyrinth der technischen Möglichkeiten und Fachbegriffe. Martin verspinnt sich in einen fantastischen Einstein-Monolog, in dem er den Akzent wechselt und schließlich Deutsch spricht – ein buchstäblich besessener Physiker. Aber in „Die Stille“ ist nicht die Zeit und der Raum für Erklärungen, nur für die erste Reaktion. Die erste Reaktion ist ein Reden, Reden und Reden. Das muss man beim Lesen aushalten. Natürlich denkt man zunächst: Der Autor wird uns damit nicht alleinlassen. Doch, durchaus.

Die Situation – der bevorstehende Weltuntergang oder der durchschlagende Stromausfall am Boden und in der Luft – ist neu, aber auch an Neues kann sich der Mensch erinnern. „Die Pause, das Gefühl, das schon einmal erlebt zu haben“, sagt Martin, „irgendeine Naturkatastrophe oder Invasion. Ein warnender Instinkt, den wir von unseren Großeltern oder Urgroßeltern geerbt haben oder von noch weiter zurück. Menschen im Griff einer ernsten Bedrohung.“ Das ist erschreckend, jedoch: „Was immer da draußen ist, wir sind immer noch Menschen, die menschlichen Splitter einer Zivilisation“, sagt Martin. „Er lässt den Satz nachklingen. Die menschlichen Splitter.“

Inzwischen sind auch Jim und Tessa eingetroffen, zu Fuß. Vorher haben sie auf einer Krankenhaustoilette dokumentiert, dass es neben dem fortgesetzten Reden noch eine andere Sache gibt, die für Menschen in möglicherweise verzweifelten Lagen eine unterstützende Maßnahme sein kann: guter Sex mit einer vertrauten Person. Don DeLillo schildert ihn dezent, aber unverklemmt in seiner simplen Schönheit.

„In einer taumelnden Leere“, notiert Tessa später. Bisher geht es immer weiter und wenn es das Verfassen eines neuen Gedichts ist.

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