Dezember 1973: Die rechtsextreme Groupe Charles-Martel verübt einen Bombenanschlag auf das algerische Konsulat in Marseille, vier Menschen sterben. Hier der Trauerzug mit den Särgen.
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Dezember 1973: Die rechtsextreme Groupe Charles-Martel verübt einen Bombenanschlag auf das algerische Konsulat in Marseille, vier Menschen sterben. Hier der Trauerzug mit den Särgen.

Kriminalroman

„Marseille.73“ – Sollen sie doch nach Hause gehen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Marseille.73“: Dominique Manottis einmal mehr fabelhafter Kriminalroman über Frankreichs Rassismus in den 70er Jahren.

Dominique Manotti, gelernte Historikerin, schreibt Band um Band nicht nur penibel recherchierte, sondern auch eminent politische Kriminalromane. Im jüngsten, „Marseille.73“, stellt sie rassistische Morde in den Mittelpunkt, doch nicht das heutige Frankreich ist ihr Thema, sondern das des Jahres 1973. Und vielleicht sollte man zuallererst ihre „Nachbemerkung“ lesen, die beginnt: „Laut der algerischen Botschaft in Frankreich hat die Krise vom Sommer und Herbst 1973 in der algerischen Bevölkerung von Marseille ca. 15 Tote gefordert, rund 50 in ganz Frankreich“ – „ca.“ und „rund“, weil einige Tote im Wasser gefunden werden und die Polizei gern und zügig auf einen „Unfall“ schließt. Nur zwei Täter werden gefasst, der eine ist Sous-Brigadier der Police Urbaine.

Commissaire Daquin, aus anderen Manottis schon bekannt, ist hier noch ein Greenhorn, zudem ein Pariser Greenhorn in Marseille. Nicht zu Unrecht hat er den Verdacht, dass sein Chef nicht traurig wäre, ginge er baden beim Auftrag, sich – aber bitte diskret! – um die Marseiller UFRA zu kümmern, einen rechten bis rechtsextremistischen Verband von Algerienheimkehrern. Gern sitzen die so genannten Pieds-Noirs abends zusammen, trinken Anisette Cristal und brechen irgendwann auf „zu einem Rodeo bei den Indianern auf der anderen Seite der Grenze“.

Das Buch

Dominique Manotti: Marseille.73. A. d. Franz. von Iris Konopik. Argument/Ariadne 2020. 400 S., 23 Euro.

Die „Indianer“, das sind unter anderen die drei Khiders, Mohamed, Adel, Malek, hinter der „Grenze“ liegt die Bar-Tabac Le Terminus, vor der Bar auf einer Mauer sitzt am Abend des 28. August der 16-jährige Malek, baumelt mit den Füßen und wartet auf ein Mädchen. Dann wird er aus einem Auto heraus erschossen, einfach so. Daquin kommt nur ins Ermittlungs-Spiel, weil der Bar-Besitzer beobachtet, wie schlampig die Police Urbaine am Tatort arbeitet, und die Bereitschaft der Kriminalpolizei anruft.

Dominique Manotti, das kann einer deutschen Leserin leider bekannt vorkommen, erzählt von einer Polizei, die das rechte Auge gern mal fest zukneift und mit dem anderen immer nur „Abrechnungen im Mafia-Milieu“ sieht. Schon werden Beamte in Maleks Schule geschickt, die Mitschüler befragt, denn bestimmt hatte der Junge Kontakt zu zweifelhaften Elementen. Gewiss kann man auch den älteren Brüdern etwas anhängen – notfalls lässt sich nachhelfen. Es gibt da doch diesen Polizeispitzel, der endlich die französische Staatsbürgerschaft erhalten möchte.... Es gibt in „Marseille.73“ auch die Beamten, die sich später über ihren Einsatz in der Schule schämen. Aber den Chefs ist vor allem wichtig, dass Ruhe herrscht auf den Straßen. Schon wieder ein toter algerischer Arbeiter im Kanal? Betrunken hineingestolpert.

Auch Frankreich hatte seine „Gastarbeiter“, in Marseille lief etwa im Hafen nichts ohne Algerier. Sie beginnen, im Roman und in der Realität, 1973 wegen der vielen rassistischen Gewalttaten zu streiken. Und sind überrascht, wie viele Landsleute sie mobilisieren können, dass sie zudem von Linkssozialisten, Gewerkschaftern, Kirchenleuten auch tatkräftig Unterstützung erhalten. Der Schweizer Pastor Berthier Perregaux wird daraufhin von der französischen Regierung abgeschoben, ein Bausteinchen in Manottis die Realität gewissenhaft abbildendem Krimi.

Trotzdem ist sie nirgendwo oberlehrerhaft, ist „Marseille.73“ ein Roman in eigenem Recht. Den charismatischen, kühlen, raffiniert Strippen ziehenden Daquin trifft man sowieso Mal um Mal wieder gern. Und er wird, wie die anderen Figuren auch, lebendig, obwohl Manotti keine ist, die viele Worte macht. Die Französin pflegt einen erfrischend knappen Stil, kurze Sätze, sparsame Dialoge, die vielleicht gerade deswegen wie aus dem Leben gegriffen wirken. Wer erklärt seinen Kollegen schon das Offensichtliche? Als Leserin muss man also aufmerksam bleiben, aber das fällt gar nicht schwer.

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