September 1942: Deportation von Kindern aus dem Ghetto Lodz in daPolen.
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September 1942: Deportation von Kindern aus dem Ghetto Lodz in das Vernichtungslager Chelmno.

Holocaust

Dokumentation zur „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“: In das Schlachthaus

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Die Einzelheiten des Grauens, das nicht namenlos ist, im Gegenteil: Zwei weitere Bände der Dokumente-Edition zur „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“.

Im Waisenhaus im Getto Litzmannstadt schrieben die Kinder zusammen mit ihren Erzieherinnen vom August 1940 bis 1942 eine Zeitung. In der Ausgabe vom 16. Januar 1942 schildert die Erzieherin Lunia, wie sie mit den Kindern übereinkam, Kameradinnen nicht mehr zu beschimpfen. Eines der Mädchen fragte nach den langen Diskussionen wohl etwas verzweifelt: „,Was soll ich sagen, wenn ich mich mit jemandem streite?‘ Das ist schon eine Überlegung wert. Es kamen Vorschläge: Du Kalb, Du Pajbo (Pfeife), Du Schlechte u. ä. Am besten gefiel uns: ‚Du Kalb!‘ Ein Kalb ist ein sehr gutmütiges Lebewesen, und Kalbfleisch ist lecker. Lasst Euch nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen. Denkt nicht, dass die Mädchen sich weiterhin hässlich ausdrücken. Nein, hört nur gut zu, und Ihr werdet ‚Du Pfeife!‘ hören.“ (Band 10)

Eine Fußnote des Herausgebers fügt dem Dokument hinzu: „Das Waisenhaus wurde Anfang September 1942 geschlossen, die Kinder wurden in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort ermordet.“ Wir wissen nicht, was aus der Erzieherin Lunia wurde. Wir wissen nicht einmal ihren vollen Namen. Wir sind versucht, uns lustig zu machen über ihre Erziehungsversuche. Aber sie hat mitten im Wahnsinn der Vernichtung festgehalten an der Vernunft. Sie hat den ihnen anvertrauten Mädchen nicht einfach etwas verboten. Es ging nicht darum, die Wut über die Kameradinnen zu unterdrücken. Es ging darum, ihr den richtigen Ausdruck zu geben. Also sie so zu äußern, dass der Streit nicht eskaliert wurde. Lunia ließ nicht davon ab, die ihr anvertrauten Mädchen als vernünftige Menschen zu behandeln. Sie wusste wohl: Nur so haben sie eine Chance, welche zu werden.

Das ist nur eines von fast sechshundert Dokumenten in den neuen Bänden des umfangreichen Werkes „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“. Niemand wird diese Bücher einfach durchlesen, jeder Leser wird immer wieder aus der Lektüre fliehen: vor der Ausweglosigkeit der Geschichte, der Gemeinheit der Menschen, den eigenen Gefühle und der Hilflosigkeit auch ihnen gegenüber.

Es sind nicht immer die blutigsten Abschnitte des Judenmordes, die einem am meisten zusetzen. Da gibt es eine Regelung, die es Juden verbietet, sich in den Hauptstraßen der Städte Oberschlesiens aufzuhalten. Offenbar sollten die Juden, bevor sie real zum Verschwinden gebracht wurden, der Führung aus den Augen geschafft werden. Man sieht den Mann vor sich, der seine Lust hatte am Piesacken der Juden. Der Judenvernichtung gingen nicht nur Berufsverbote voraus, sondern auch eine Unzahl kleiner Demütigungen. Da ist zum Beispiel der Amtskommissar von Strzemieszyce bei Bendburg, über den sonst nichts bekannt ist, der im September 1941 dem Landrat schreibt: „Es wäre zweckmäßig, den Juden allgemein das Benutzen von Fuhrwerken als Verkehrsmitteln zu verbieten. Der Jude soll zu Fuß gehen.“ Ein solcher Brief kam gut an. Ganz gleichgültig, ob er Wirkung zeigte oder nicht. Man zeigte sich als tüchtiger Antisemit. Beliebt war auch, auf Strafandrohungen noch strengere folgen zu lassen.

Auf Seite 439 von Band 10 ist die Rede abgedruckt, in der der Judenälteste im Getto Litzmannstadt (Lodz) – einst Direktor eines jüdischen Waisenhauses in Lodz – am 4. September 1942 die Gettobewohner auffordert, die Kinder unter zehn Jahren bei ihm abzuliefern, damit er sie der Gestapo übergeben kann. Mordechai Chaim Rumkowski erklärte: „Gestern erteilte man mir den Befehl, über 20 000 Juden aus dem Getto zu verschicken. Wenn nicht wir, würden andere das tun. Es stellte sich also die Frage, ob wir es selbst übernehmen und tun müssen oder es anderen überlassen, dies auszuführen. Da uns aber nicht der Gedanke beherrscht ,Wie viele werden verloren gehen‘, sondern der Gedanke ,Wie viele wird man retten können‘, sind wir, d.h. ich und meine nächsten Mitarbeiter, zu dem Schluss gekommen, dass wir – wie schwer es uns auch fällt – die Durchführung dieser Anordnung selbst übernehmen müssen. Ich muss diese schwere und blutige Operation selbst durchführen, die Glieder amputieren, um den Körper zu retten! Ich muss die Kinder nehmen, denn andernfalls könnten – Gott behüte – auch andere genommen werden… Eins nur ist mir gelungen – die zehnjährigen Kinder zu retten.“

Auch die Tuberkulosekranken, „deren Leben nur noch Tage oder Wochen dauern wird“, sammelt er ein. Um das Soll von 20 000 zu erfüllen. Die 20 000 waren gefordert worden, nachdem ein paar Monate zuvor bereits 70 000 aus dem Getto ins Vernichtungslager Kulmhof gebracht worden waren.

Die Edition

„Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945“ ist eine 16-bändige Edition von Dokumenten zur Judenvernichtung. Die ganze Edition erscheint in den Verlagen De Gruyter und Oldenbourg. Jeder Band kostet 59,95 Euro.

Wir wissen heute, dass er vergebens – das sind seine eigenen Worte – „die Opfer zum Altar“ brachte. Er selbst wurde im August 1944 in Auschwitz umgebracht. Der britische Historiker Gerald Reitlinger schreibt über Rumkowski: „So marschierte er im September 1942 mit den Kindern, die die Gestapo verlangt hatte, zum Bahnhof ... Selbst im August 1944 noch, nachdem fast hunderttausend Lodzer Juden ‚umgesiedelt‘ worden waren, unterstützte er den hinterhältigen (Umsiedlungs-) Aufruf des (deutschen) Ghettoverwalters Hans Biebow. Andererseits war Rumkowskis Taktik auch nicht ganz abwegig: Durch ihn wurde das Getto für die deutschen Wirtschaftsministerien so wichtig, dass es um mindestens ein Jahr länger bestehen blieb, als Warschau und Bialystok.“

Spätestens seit Hannah Arendts scharfer Attacke auf Chaim Rumkowski in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“, erschienen 1961, kommt keine Erörterung über den Holocaust aus ohne Rumkowski. Das von ihm in seiner Rede skizzierte Dilemma wird immer wieder neu aufgeworfen. Nicht nur weil wir uns daran gewöhnt haben, den Holocaust zu nutzen, um ethische Fragen zu erörtern. Rumkowskis Dilemma wiederholt sich in der Geschichte immer wieder: der von Ferdinand von Schirach in seinem Theaterstück „Terror“ geschilderte Konflikt „Darf man ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschießen, um zu verhindern, dass es in die 75 000 Besucher fassende Allianzarena in München einschlägt?“

Wer diese Entscheidungen trifft, tut es immer auf der Basis dessen, was er weiß. Als Abraham bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern, wusste er nicht, dass Gott einen Engel zur Rettung schicken würde. Rumkowski wusste nicht, dass es um die Vernichtung der Juden überhaupt ging. Wahrscheinlich ahnte er es. Hoffte er auf einen Engel? Wollte er – so nannten ihn Kritiker im Getto – „König von Lodz“ bleiben?

Rumkowskis Name ist mit weit über 50 Nennungen der im Band 10 mit großem Vorsprung am häufigsten erwähnte. Er hat den Nazis die Arbeit erleichtert.

In Band 11 ein bemerkenswertes Datum. Am 10. März 1944 ordnet der Reichsführer der SS und Reichsminister des Innern, Heinrich Himmler, in einem Geheimbefehl an, dass Plakate, auf denen Juden und „Zigeunern“ bestimmte Betätigungen oder Aufenthalte verboten werden, zu entfernen seien. Im Reichsgebiet gebe es diese Gruppen nicht mehr. Also seien die Plakate überflüssig. Aber wäre es nicht gut gewesen, sie zu behalten, als Beweise dafür, was das Dritte Reich alles „geleistet“ hat? Oder rechnete Himmler doch auch mit Deutschen, die darauf mit Entsetzen und Scham reagierten.

Im selben Band findet sich auch der Bericht über Hitlers Erklärung, das nationalsozialistische Deutschland werde jedem Asyl gewähren, der in Europa der Verfolgung von Juden beschuldigt werde. Die Erklärung stammt vom 19. Januar 1944, abgegeben wurde sie in der Wolfsschanze. Die Niederlage war bereits unabwendbar. Der Krieg, der gegen die realen Feinde von Niederlage zu Niederlage ging, wurde immer mehr zu einem gegen einen imaginären Feind: das Weltjudentum.

Watson Thomson (1899-1969), der damalige Leiter der Abteilung für Erwachsenenbildung der Universität Manitoba, erklärt am 13. April 1943 in einer Rundfunkrede: „Ich glaube, dass es tatsächlich etwas Wichtigeres gibt, als diesen Krieg zu gewinnen. Und das besteht darin, in uns über etwas zu verfügen – nämlich Mitmenschlichkeit und mutige Taten in Übereinstimmung damit –, durch das wir allererst verdienen, diesen Krieg zu gewinnen. Um diesen Test zu bestehen, sind wir in unserem Denken und Handeln gegenüber kranken, alten und armen Menschen in unserer Mitte gefordert – und in unserem Denken und Handeln gegenüber so misshandelten Völkern wie den Negern, den Indianern, den Juden ... Die Juden nicht zu bemitleiden, nicht rührselig über sie zu reden, nicht Resolutionen über sie zu verabschieden. Sondern aufzustehen und ... jüdische Leben zu retten. Sie zu retten – nicht indem man sie nach Eritrea oder Madagaskar schickt, sondern selbst mit ihnen zusammenzuleben… .“

Watson Thomson erklärt weiter, es gelte sofort zu handeln, um nicht „mit der schrecklichen Anklage“ konfrontiert zu sein, die „die eine jüdische Frau an einen christlichen Freund geschrieben“ habe: „Es steht nun etwas zwischen uns./ Der Schrei, der nicht aus deinem Munde kam./ Du hast deine Hände wieder in Unschuld gewaschen./ Setze den Krug ab./ Dieses Wasser wird zwischen uns fließen./ Gib mir Jesus zurück./ Er ist mein Bruder./ Er wird mit mir gehen./ Hinter die graue Gettomauer/ In das Schlachthaus./ Ich werde ihn in die Todeskammer führen./ Er wird sich auf den vergifteten Boden legen;/ Die kleinen Kinder, gemordet von der Todesspritze,/ Werden zu ihm kommen./ Gebt ihm den gelben Fleck zurück./ Gebt mir Jesus zurück; Er ist nicht euer.“

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