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Doing masculinity

Aufsätze zur Gewalt im Geschlechterverhältnis

Von Andrea Rinnert

Galanterie ist eine fragwürdige Form der Höflichkeit. Zumindest für Frauen, die sich nur ungern in den Mantel helfen lassen und allenfalls mäßig erfreut sind, wenn Männer ihnen eilfertig Türen aufhalten. Weil solcherlei Zuvorkommenheit des Öfteren mit der Auffassung einhergeht, weibliche Wesen seien irgendwie schutzbedürftig - und folglich nicht als ebenbürtig zu erachten? Der Kavalier als Sexist?

Selbst wenn nicht jedes Feuerzeug-Zücken unter Misogynieverdacht zu stellen ist: Der Band Gewalt-Verhältnisse, herausgegeben von Regina-Maria Dackweiler und Reinhild Schäfer, belegt aufs Neue, dass es die Frauenbewegung in den 1970er Jahren vermochte, den Habitus der Ritterlichkeit geradezu als Kontraindikator für Gleichberechtigung zu entlarven. Durch die hier publizierten politikwissenschaftlichen und soziologischen Aufsätze zieht sich der Rekurs auf diese Anfänge: Mit dem Slogan "Das Private ist politisch" markierte der Feminismus bekanntlich einstmals Ehe und Familie als Sphäre, in der Frauen nicht individuell und zufällig, sondern systematisch, qua gesellschaftlicher Strukturen, unterdrückt und ausgebeutet werden. Auch unter Einsatz von physischer Gewalt - die als Ausdruck patriarchaler Machtasymmetrien skandalisiert werden konnte. Kritik-Schnee von vorgestern, längst zu Ideologie-Matsch zertrampelt von jenen, die nicht wahrhaben wollen, wie notwendig angesichts grassierender Emanzipation ein Perspektivwechsel ist? Nein und Ja. Die Antwort fällt vielschichtig aus.

Nein insofern, als der Status quo mitnichten die Annahme rechtfertigt, feministische Interessenpolitik sei überholt: Da repräsentative Zahlen für die Bundesrepublik nicht existieren, schätzt Carol Hagemann-White in Anbetracht europäischer Studien, dass derzeit hierzulande etwa zehn Prozent der Frauen im sozialen Nahraum bedrohliche Verletzungen ihrer körperlichen Integrität erfahren. Zustände, die - darin sind sich die Autor/innen einig - nur abgeschafft werden können, wenn der Staat als Bündnispartner für Strategien der Prä- und Intervention in die Pflicht genommen wird, sei es auf nationaler oder auf internationaler Ebene.

Dabei werden die repressiven Auswirkungen seiner Politik weder verharmlost noch dämonisiert: Während Birgit Sauer darauf insistiert, dass die wohlfahrtsstaatliche Privilegierung der männlichen Erwerbsbiografie immer noch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zementiert und Gewalt gegen Frauen auch in Gestalt institutionalisierter ökonomischer Benachteiligung produziert, plädiert Regina-Maria Dackweiler dafür, den Staat jenseits der hegemonialen Institutionen als ein "Set von diskursiven (Verhandlungs-)Arenen" zu begreifen, weil er in Anbetracht von Fortschritten im Sexualstrafrecht (Stichwort: Vergewaltigung in der Ehe) eben "nicht mehr adäquat als monolithischer patriarchaler Interessenblock" gedeutet werden kann. Daher lautet die Antwort also auch Ja.

Ja insofern, als ein Perspektivwechsel unabdinglich scheint, wenn der feministische Blick auf Gewalt nicht von dichotomen Kategorisierungen getrübt werden soll. Das Verdienst des vorliegenden Bands besteht darin, diese Einsicht zu forcieren. Denn die Herausgeberinnen monieren nicht nur die Geschlechtsblindheit der Mainstream-Wissenschaft, sondern rufen außerdem dazu auf, den Nebenfluss der Gender Studies zu neuen Ufern zu leiten: um eine "transdisziplinär ansetzende Theorie der Gewalt im Geschlechterverhältnis voranzutreiben, die geschlechtsbezogene Gewalt als einen Modus geschlechtlicher Vergesellschaftung fokussiert". Ein Anspruch, der vor allem durch die Infragestellung einer geschlechterpolarisierenden Täter-Opfer-Konstellation eingelöst wird - und zwar ohne übertriebene Innovationsrhetorik.

Geboten ist es, Frauen auch als Täterinnen sowie Männer auch als Opfer zu sehen: Ersteres hebt Kirsten Bruhns hervor, indem sie anhand von subkulturellen Jugendgruppen zeigt, dass Mädchen, die mit Dominanzanspruch Gewalt gegen andere Mädchen ausüben, dieses Verhalten in ihr weibliches Selbstbild zu integrieren vermögen; Letzteres präzisiert Michael Meuser, dessen Argumentation von der kriminalstatistisch dokumentierten Sachlage ausgeht, dass sich das Gros männlicher Gewalt gegen das eigene Geschlecht richtet, und in dem provokanten Appell gipfelt, dieses "doing masculinity" Ernst zu nehmen als gemeinschaftsstiftende Praxis der Anerkennung, als "Fortsetzung von Geselligkeit mit anderen Mitteln". Und wo, könnte frau sich irritiert fragen, bleibt bei so viel Willen zum Aufpolieren von blinden Flecken die im Untertitel ausgewiesene feministische Parteilichkeit?

Sie bleibt nicht auf der Strecke. Denn Karin Flaake sorgt für ein Gegengewicht: indem sie zeigt, wie Verletzungsoffenheit und Verletzungsmächtigkeit qua Sozialisation als geschlechtsspezifische Haltungen eingeübt werden. Auch wenn nicht jedes Mädchen zu Friedfertigkeit und nicht jeder Junge zu Aggressivität neigt: Die Chancen dafür sind nach wie vor ungleich verteilt. So dass wohl nur langsam die Nacht näher rückt, in der Frauen nicht mehr zögern, schlecht beleuchtete Abkürzungen durch Parks zu nehmen.

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