Ulrike Draesner, Frankfurter Poetikdozentin im Wintersemester 2016/17.
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Ulrike Draesner, Frankfurter Poetikdozentin im Wintersemester 2016/17.

Frankfurter Poetikdozentur

Dodos Herrlichkeit und Ende

Die Lyrikerin, Erzählerin und Essayistin Ulrike Draesner beschließt ihre Frankfurter Poetikvorlesung mit einem Plädoyer für das Nutzlose.

Am Ende klärte sich auch, wer die bunten Vögel waren, deren Bild Ulrike Draesner Woche um Woche an die Wand werfen ließ. Der Dodo, ein flugunfähiger Allesesser, seinerseits völlig ungenießbar („wurde beim Garen immer zäher“), herrlich nutzlos, gefährlich zutraulich, begegnete europäischen Reisenden erstmals auf Mauritius. Hundert Jahre später schon, vor 1700 war er ausgestorben.

Weil der Dodo niemandem etwas tat und niemandem etwas brachte, ist sein Ende so besonders vorhersehbar, erschütternd und menschentypisch (obwohl es vor allem die Tiere in seiner Begleitung waren, die den Dodo töteten, seine Eier stahlen). In der englischen Wendung „dead as a dodo“ manifestiert sich, was von ihm blieb. Eine peppige Alliteration auf den Tod.

Auch eine Poetikvorlesung, sagte Draesner, die mit dem Dodo ausführlich sympathisierte, mit seinem nicht gerade eleganten Körper, seinem für ihn gewiss doch sinnvollen Schnabel, sei ja nicht nützlich außer vielleicht für das Seelenleben.

Denn mit Emphase beendete die Poetikdozentin am Dienstagabend ihre Frankfurter Gastdozentur, indem sie zuvor von der Rettung einer Kurt-Schwitters-Wandbemalung – des „Merz Barn Wall“ (kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden) – aus einer Scheune im Lake District berichtete. Eine unheimlich aufwendige Aktion, bei dem viele Studenten halfen und ein gewaltiger Kran zum Einsatz kam, die auch zu nichts anderem diente, als die Wandbemalung eines einsam und seltsam lebenden deutschen Exilanten zu bewahren und künftigen Interessierten zeigen zu können. Im Exil, sagte Draesner nebenbei, zeige sich, wie brutal nicht das Vergehen, sondern die Dauer der Zeit sei.

„Jeder Sprechakt bestätigt und bricht die Regeln“

„Die Grammatik der Gespenster“ hieß die Poetikvorlesung der Lyrikerin, Erzählerin und Essayistin Draesner, 1962 in München geboren, und zeigte sich über fünf Stunden hinweg so detailreich und zugleich formgewandt, wie Sprache nur sein kann. Form ist dabei das Gegenteil von Starrheit. „Jeder Sprechakt bestätigt und bricht die Regeln.“

Dass Draesner selbst, die längere Zeit in England gelebt hat, einen Sprachwechsel erlebt hat, half ihr offenkundig dabei – wie bei den meisten Menschen war es nicht der erste, wie die Erinnerung an die bayerische Umgebung der Jugend zeigte. Draesner sprach von der „Muttersprachenillusion“ und berichtete, wie ihre Stimme, von Gendererwartungen wie befreit und ganz entgegen der logischen Erwartung, im Englischen tiefer sei als im Deutschen.

Draesners Sinn für die Untrennbarkeit von Inhalt und Form wurde am deutlichsten in der hinreißenden Vorlesung zum Essay, die selbst ein Essay war, der ungemein gescheit und kreativ das Entstehen eines Essays verhandelte. Drei Frauen, eine davon mit Namen Draesner, kommen dabei ins Gespräch, konkurrieren wissenschaftlich miteinander nach Art von unter Druck stehenden Akademikerinnen. Die beiden anderen werden schließlich von der Frau namens Draesner glatt ausgestochen: Sie ist es, die schließlich den Text veröffentlicht, der doch ohne die Ideen der anderen nie möglich gewesen wäre.

In der letzten Stunde interessierte sich Draesner namentlich für das „Schreiben nach der Natur“, wobei sie letztere als Fall von „sprachlicher Symptombildung“ erkannte: Der Mensch nahm die Natur erst in den Blick, als sie drohte, verloren zu gehen – das Geschäft der Romantiker. Natürlichkeit sei ein Konstrukt, so seien ihr bei Recherchen auf Hiddensee (für „Mein Hiddensee“) Aschereste aus dem Dreißigjährigen Krieg begegnet.

Draesner las die sonderbare Tanja Blixen, wie zuvor Fontane, Virginia Woolf, Vladimir Nabokov als zentrale Figuren ihres Lese- und Schreibkosmos aufgetaucht waren: Grenzüberschreiterinnen und Grenzüberschreiter zumal auch von Geschlechtergrenzen.

Michael Kleeberg übernimmt die Poetikdozentur im Sommersemester.

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