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„Doch wirst du lieben“

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Johann Jacob de Lose (1755-1813): Marianne Jung, spätere von Willemer, auf einem Pastell von 1809.
Johann Jacob de Lose (1755-1813): Marianne Jung, spätere von Willemer, auf einem Pastell von 1809. © Freies Deutsches Hochstift

Vor 200 Jahren begegnete Goethe dem persischen Dichter Hafis und der jungen Frankfurterin Marianne Jung, später Marianne von Willemer. Das Frankfurter Goethehaus geht in einer Ausstellung der außergewöhnlichen Konstellation nach, die zum "West-östlichen Divan" führte.

Die Geschichte der Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ erzählt auch von Goethe, dem Menschenverschleißer, Literatur- und Kultursauger, gutherzigen Egomanen. Von Goethe, dem kreativen Genie sowieso.

200 Jahre ist es jetzt her, dass er nach 17 Jahren zum ersten Mal wieder in seine Heimatstadt Frankfurt reist. „Sind gleich die Haare weiß, / Doch wirst du lieben“, notiert er programmatisch, 65, in festen Händen und in jeder Hinsicht etabliert. Aber auch erwartungsfroh und bereit, wie man sieht.

Wer außer Goethe jedoch trifft sodann stante pede auf eine junge Frau, die für die Leerstelle, die sich offenbar aufgetan hat, eine dermaßen „ideale Besetzung“ darstellt?

Die Formulierung ist von Anne Bohnenkamp, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt, und da Marianne Jung, später: von Willemer, 19, aus dem Theaterfach kommt, passt sie vorzüglich. Nichts unangenehm Künstliches haftet der Wendung an. Es geht um das Vergnügen, die Liebe als Kunstform ernstzunehmen und dem Leben durch Inszenierung und Maskenspiel die Schönheit zu geben, die es verdient und aus der Kunst werden kann.

Dass Goethe die junge Frau und ihre Liebe, vor allem aber seine eigene Liebe braucht, um als Dichter wieder in Schwung zu kommen – und er kommt wieder in Schwung, wahrhaftig –, Marianne von Willemer in Goethe aber die Begegnung ihres Lebens hat, ist ein vertrautes Missverständnis. Im Leben des Dichters hat es sich wiederholt. Aber nicht immer, diesen Eindruck nimmt man jetzt aus dem Goethehaus mit, fand die Begegnung selbst dennoch so eindrucksvoll auf Augenhöhe statt.

„Denn das Leben ist die Liebe ...“ heißt die Ausstellung, die seit Freitagabend im Arkadensaal „Marianne von Willemer und Goethe im Spiegel des West-östlichen Divans“ beleuchtet. Die Schau ist der Hauptbeitrag des Hochstifts zur Frankfurter Goethe-Festwoche. Sie ist in diesem Jahr „Goethes Eros“ gewidmet und trägt den „Divan“ schon im Untertitel: „In tausend Formen magst du dich verstecken“. Beim Rundgang wird man den Versen wiederbegegnen, als Beispiel einer perfekten Engführung von Religion und privater Liebe: Goethe als poetischer Nutznießer der wunderschönen Namen Allahs.

Die Ausstellung, von einer Expertengruppe kuratiert, von Joachim Seng umgesetzt, stellt zwei Protagonisten vor, die beide gut vorbereitet aufeinandertreffen. Goethe hat, ebenfalls vor genau 200 Jahren, angefangen, eine neue Hafis-Übersetzung zu lesen.

Er ist auf eine Art angeregt vom Werk des persischen Dichters, dass nur noch ein Anlass gefunden werden muss, selbst mit dem wettkampfbewussten Schreiben (hat Goethe in Hafis seinen Meister gefunden?) zu beginnen: Marianne.

Goethe hat Hebräisch gelernt, interessiert sich für arabische Schriftzeichen, findet sich in der orientalischen Literatur gut zurecht. Er interessiert sich für den kalligraphischen Aspekt, Schriftproben zeigen, dass er sich große Mühe damit gibt. Und der Ferne damit enger verbunden als die meisten Angehörigen einer heutigen westlichen Welt, die bloß eine Flugreise buchen müssen. Und das auch tun, aber trotzdem im Leben keinen arabischen Buchstaben schreiben. Aus Interesse am Fremden, an anderen Möglichkeiten.

Gitarristin und Dichterin

Demgegenüber – im ersten Teil des Rundgangs auch buchstäblich gegenüber – muss man Marianne von Willemer sehen: Tänzerin, Gitarristin, auftrittserfahren. Dabei belesen und, wie sich bekanntlich zeigt, eine vorzügliche Dichterin, die (ungenannt und nichtsahnend) selbst Gedichte zum „Divan“ beisteuern wird.

Ihre Mutter, am Theater tätig, hat sie als Kind de facto ins Frankfurter Haus Willemer verkauft – dem Anrüchigen ihrer Herkunft steht Goethe mit der ihm in sogenannten sittlichen Fragen eigenen Gleichmut gegenüber.

Blau ist seine Seite der Ausstellung unterlegt, gelb ihre Seite. Grün wird es logischerweise, als sich die beiden 1804 treffen. Deutlich wird, dass der Orient in Mode ist, musikalisch (Janitscharenmusik in Mozarts „Entführung“), kunsthandwerklich (Höchster Porzellan), in der Damenoberbekleidung (Frauenzeitschriften).

Greifbar wird aber auch die eigenwillige Intensität, mit der sich der alte Dichter und die junge Ehefrau zeitgleich auf Hafis und ihre Liebe stürzen.

Einige der „Chiffernbriefe“ sind zu sehen, auf denen sich die diskreten und (so Bohnenkamp) meist über Bande Liebenden durch Zahlenreihen auf Stellen in der gemeinsam verwendeten Ausgabe hinweisen. Dass die Liebe selbst ein Code ist, die Deutung eines Gefühls, schöner kann es nicht ins Bild gesetzt werden.

Dass die grüne Unterlegung sich wieder aufteilt in Blau und Gelb – Marianne würde argumentieren, dass Farbe sich mischen, aber nicht wieder trennen lässt –, stört Goethe weniger als sie. Man erlebt frappiert mit, wie er am „Divan“ werkelt und feilt, während sie auf eine weitere Begegnung hofft und ihm Pantoffeln mit dem arabischen Namenszug Suleika bestickt. So heißt sie im gemeinsamen Liebesspiel. Sie bleiben sich gut.

Am Ende der Schau sind anrührende Fotografien Marianne von Willemers zu sehen, die Goethe um 30 Jahre überlebte und mit unseren Urgroßmüttern noch fast hätte bekannt sein können.

Goethehaus Frankfurt: bis 23. November. Mit interkulturellem Begleitprogramm. Katalog 22 Euro. www.goethehaus-frankfurt.de

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