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Diskussionen, die nur ums eigene Ich kreisen

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Von: Sebastian Borger

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Der britische Schriftsteller Ian McEwan.
Der britische Schriftsteller Ian McEwan. © Reuters

Autor Ian McEwan wird in Großbritannien für seinen neuen Roman „Nutshell“ gefeiert – und meldet sich im Interview mit provokanten Worten über die Gender-Debatte zu Wort.

Ein letztes, verlängertes Wochenende hat das Land noch in der Sommerruhe verharrt, an diesem Dienstag beginnt für viele Briten der Alltag wieder. Die Kritiker hingegen feiern schon das erste Fest des literarischen Herbstes: Diese Woche erscheint auf der Insel der neue Roman von Ian McEwan. Den ersten Besprechungen nach zu schließen, ist dem 68-jährigen Bestsellerautor mit „Nutshell“ ein Meisterwerk gelungen. Rechtzeitig zum Erscheinungstermin meldet sich der Autor auch erneut in der Gender-Debatte zu Wort: Statt stets über die eigene Befindlichkeit zu reden, sollten junge Leute lieber Probleme wie Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Nuklearwaffen diskutieren.

In einem ausführlichen Interview hat McEwan dem britischen „Guardian“ anvertraut, wie „Nutshell“ (auf Deutsch erscheint „Nussschale“ Ende Oktober bei Diogenes) in die Welt kam. Er habe so vor sich hingeträumt, da sei ihm plötzlich der Eröffnungssatz erschienen: „Here I am upside down in a woman“ (Da bin ich, kopfüber in einer Frau). Dieser „unwiderstehlich albernen Idee“ ging der Autor nach, nicht ohne dem Eingangssatz noch „so,“ voranzustellen – früher hätte er wohl „well“ geschrieben, aber wir sind schließlich im 21. Jahrhundert. Herausgekommen sind 199 Seiten aus der Perspektive eines Embryos. Dessen beachtliche Weltkenntnis rührt vom Radio- und Hörbücherkonsum seiner Mutter her. Trudy hat den Vater des Ungeborenen aus dem Haus gejagt, vergnügt sich mit dessen Bruder bei wildem Sex, der dem Sohn in utero Angst einjagt, und plant gemeinsam mit dem Liebhaber, ihren Mann zu beseitigen.

Im Interview sagt McEwan, er habe beim Schreiben „enormen Spaß“ gehabt, gerade weil das Buch nicht in der „plausiblen Welt“ angesiedelt sei: „eine Art Erholung für die Sinne“. Genau wegen dieser Abweichung von seinem sonstigen Stil des sozialen Realismus erwartet der Autor „ordentlich Dresche“ („such a kicking“) von den Kritikern – fälschlich, wie sich bisher bei der Zeitungslektüre erweist. „Virtuose Unterhaltung“, urteilt Tim Adams im „Observer“, von einem „bewusst elegischen Meisterwerk“ schwärmt „Guardian“-Rezensentin Kate Clanchy. „Verspielt und todernst, wunderbar und frustrierend“, findet Robert Douglas-Fairhurst („Times“) das Buch. Claire Lowdon fühlt sich in der „Sunday Times“ an McEwans Wissenschafts-Satire „Solar“ (2010) erinnert.

Neben seiner schriftstellerischen Arbeit hat sich McEwan in den vergangenen Jahren immer wieder auch zu gesellschaftlichen Themen zu Wort gemeldet. Er findet damit mehr Gehör als gleichaltrige, früher prominentere Autoren (und Freunde) wie Martin Amis, Julian Barnes oder Salman Rushdie. Kurz vor der EU-Volksabstimmung warnte er im Juni vergeblich vor dem Brexit, attestierte dem Land anschließend eine beängstigende Orientierungslosigkeit.

Einen Aufschrei provozierte McEwan mit einer Bemerkung zur Transgender-Debatte. Er sei ja vielleicht altmodisch, gab der Autor zu Protokoll, „aber die meisten Leute mit einem Penis sind Männer“. Beim anschließenden Proteststurm habe er sich gefühlt, „als hätte ich Hitler gerechtfertigt“, sagt McEwan nun. Dabei habe er überhaupt kein Problem mit einer Geschlechter-Neubestimmung. Hingegen steht McEwan der Debatte an vielen amerikanischen und britischen Universitäten kritisch gegenüber, weil dort die politische Diskussion nur noch um das eigene Ich geführt werde. „Und das in einer Welt, in der wir mit mehr Problemen belastet sind als jemals in meinem Erwachsenenleben.“

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