Wer darf auf der Buchmesse ausstellen?
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Wer darf auf der Buchmesse ausstellen?

Buchmesse

Direktor sieht keine Handhabe gegen Neonazis

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Danijel Majic
    Danijel Majic
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Buchmessen-Direktor Juergen Boos plädiert "absolut für Meinungsfreiheit". Außerdem gebe es keine juristische Handhabe gegen neonazistische Verlagsunternehmen.

Die Frankfurter Buchmesse rechnet in diesem Jahr mit der Präsenz von Neonazis auf dem Gelände. Direktor Juergen Boos sagte am Dienstag bei einem Pressegespräch auf Frage der FR, die Messe könne „keinen Aussteller aus politischen Gründen ausschließen“. Die Buchmesse, die vom 11. bis 15. Oktober geplant ist, stehe „absolut für Meinungsfreiheit“, erklärte der 56-jährige Manager vor Journalisten.

Auf diese Linie hat sich Boos nach eigenen Worten auch mit den Direktoren anderer Buchmessen verständigt. Es gebe auch an anderen Orten mit Neonazis „ein massives Problem“. Als Beispiel nannte er die Frühjahrsbuchmesse in Leipzig und die schwedische Hauptbuchmesse in Göteborg.

Buchmessen-Sprecherin Katja Böhne sagte, es werde in diesem Jahr aber „keine Neonazi-Veranstaltungen“ auf dem Messegelände geben. Bisher existierten nur „Ankündigungen“ und „Wunschlisten“ von rechtsextremer Seite. Um bei der Buchmesse überhaupt Veranstaltungen organisieren zu können, müsse man einen Stand gemietet haben. Diese Voraussetzungen liegen allerdings beim rechten Antaios-Verlag vor.

Auch Böhne betonte, „solange nicht gegen deutsches Recht verstoßen wird“, gebe es keine juristische Handhabe gegen neonazistische Verlagsunternehmen. Rechte bis extrem rechte Literatur hat bereits seit langem ihren Platz auf der größten Bücherschau der Welt. Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, die inzwischen als eine Art inoffizielle Parteizeitung der AfD gilt und in der regelmäßig Autoren aus dem Umfeld der sogenannten Neuen Rechten veröffentlichen, präsentiert sich bereits seit den 90ern auf der Frankfurter Buchmesse. Ebenfalls schon lange dabei ist der österreichische Leopold-Stocker-Verlag, der in einem Tochterunternehmen – dem Ares-Verlag – vor allem neurechte Theoretiker wie Alain de Benoist verlegt.

Das publizistische Flaggschiff der Neuen Rechten in Deutschland, der Antaios-Verlag, wird – wie die FR bereits Ende August berichtete – erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt wieder mit einem eigenen Stand vertreten sein. Der Verlag hatte zuletzt mit der Textsammlung „Finis Germania“ aus dem Nachlass des Historikers Rolf Peter Sieferle einen Bestseller gelandet, nachdem diese von einem „Spiegel“-Redakteur auf die Liste der Sachbücher des Monats von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ gehoben worden war.

Faktisch handelt es sich bei Antaios um den publizistischen Zweig der neurechten Denkfabrik „Institut für Staatsforschung“ von Götz Kubitschek. Am Stand des Verlages sollen unter anderem Veranstaltungen mit Vertretern der rechtsextremen Identitären Bewegung sowie dem für seine vulgären Ausfälle bekannten Autoren Akif Pirinçci stattfinden. Erst am Dienstag hatte die FR berichtet, dass auch die von der verfassungsfeindlichen NPD mitgetragene Europa-Terra-Nostra-Stiftung zwei von ihr herausgegebene Bücher im Rahmen einer Gemeinschaftspräsentation vorstellen will.

Ein Sprecher der Stiftung bestätigte zudem, es seien auch Auftritte des NPD-Politikers Udo Voigt, des britischen Rechtsradikalen Nick Griffin und des wegen Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Terrororganisation vorbestraften Roberto Fiore angedacht.

Organisiert wird die Gemeinschaftspräsentation vom Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels (MVB), einem Tochterunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Dieser bestätigt inzwischen die Buchung durch „Europa Terra Nostra“. Allerdings, so betonte ein Sprecher, biete die Gemeinschaftspräsentation keine Möglichkeit für Auftritte von Autoren.

Jenseits des Rechtsextremismus wird die Buchmesse auch in diesem Jahr in ihrem Bereich „Weltempfang“ im ersten Stock der Halle 3 die zahlreichen politischen Konflikte rund um den Globus spiegeln. „Der Weltempfang ist die wichtigste Bühne der Buchmesse“, versicherte Sprecherin Katja Böhne. Je komplizierter die Weltlage werde, desto mehr sei es die Aufgabe der Buchmesse „den Dialog zu suchen und zu organisieren“.

In mehr als 40 Veranstaltungen will der „Weltempfang“ aktuelle Auseinandersetzungen aufarbeiten. „Die Welt ist ein garstiger Ort geworden“, klagte Tobias Voss, der Projektleiter Weltempfang, vor den Medienvertretern. In den Diskussionen geht es um die Lage in der Türkei ebenso wie in Afrika, auf dem Balkan oder in Indonesien.

Buchmessen-Direktor Boos hofft, die türkische Autorin Asli Erdogan auf dem Messegelände begrüßen zu können. Die engagierte Kritikerin der türkischen Regierung hatte 132 Tage in einem Istanbuler Gefängnis gesessen, bevor sie freigelassen worden war. Vor vier Tagen erhielt sie von den Behörden ihren Pass zurück. Aber bedeutet das auch tatsächlich Bewegungsfreiheit? „Wir sind sehr gespannt, ob Asli Erdogan nach Frankfurt ausreisen darf“, sagte Boos.

Am 11. Oktober will der Direktor mit Gästen die Frage diskutieren: „Kann Kultur Europa retten?“ Auf dem Podium wird unter anderem der neue Chef der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, sitzen. Am Freitag, 13. Oktober, geht es dann um den wachsenden Einfluss von Fake News. Ein Gast ist hier Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“.  

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