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Dilek Güngör. Foto: Ingrid Hertfelder
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Dilek Güngör.

Dilek Güngör

Dilek Güngör: „Vater und ich“ – Die Worte aus dem Mund ziehen

  • VonCornelia Geißler
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„Vater und ich“: Dilek Güngör misst ihren Abstand zur Generation der Gastarbeiter.

Nachdem der Reis aufgekocht ist, spannt man ein Küchentuch über den Topf. Das fängt den Dampf. Ipek ist in ihrem Elternhaus zu Besuch, beim Vater, denn die Mutter ist verreist. Nun will sie, die Journalistin, die in Berlin ihr unabhängiges Leben führt, den alten Draht zum Vater wieder aufnehmen. Doch wie macht man das? Vielleicht beim gemeinsamen Essen. Das Küchentuch für den Reis darf nicht frisch gewaschen sein, „du willst doch nicht, dass dein Reis nach Waschmittel riecht“, klingt es in Ipeks Kopf. „Mamas Stimme sitzt in den Wänden“, schreibt Dilek Güngör. Doch der Roman, ein schmales Buch von hundert Seiten, heißt: „Vater und ich“.

Die Vatersuche ist ein altes literarisches Motiv, ursprünglich ein Männerding. Hier trifft die Tochter auf den Vater, der zwar anwesend ist, aber wie ein leere Hülle. Das erzählende Ich erinnert sich an unbeschwerte Späße und eine große zärtliche Nähe, die verloren ist. Die Eltern sind in den siebziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, in einen Landstrich, in dem man Schwäbisch spricht. Sie sind nicht mehr in der Fabrik beschäftigt, haben ein kleines Haus von einem Schumacher gekauft. In dessen Werkstatt arbeitet Ipeks Vater jetzt Möbel auf.

Drei Tage bleibt die junge Frau, drei Tage gibt sie sich die Zeit zur Annäherung, der Roman spielt sich in dieser Zeit ab, darin eingebettet sind knappe Erinnerungsstücke aus Ipeks Perspektive. Die abwesende Mutter hat immer die Familie zusammengehalten. Mit ihr zu leben bedeutet, mit ihr zu reden. Dilek Güngör kleidet das in ein Bild, in dem mehr steckt als das Sprechen allein: „Mama redet, als würde sie einen Pullover aufribbeln. Den Wollfaden in der Hand, ein leichter Zug, schon zieht sich eine Reihe nach der anderen auf. Ein Satz zieht den nächsten nach sich.“ Das Gespräch mit dem Vater bildet das Gegenteil dazu: „Wir schleppen uns von einem Satz zum nächsten, ziehen uns die Worte mühsam aus dem Mund, auf eine kurze Frage folgt eine noch kürzere Antwort.“

Das Buch

Dilek Güngör: Vater und ich. Roman. Verbrecher, Berlin 2021. 103 Seiten, 19 Euro.

Ipek vermutet, dass die Entfernung mit dem Erwachsenwerden zu tun hat – auf zweierlei Weise. Als sie sich vom jungenhaften Kind zu einem Mädchen entwickelte, war „mit einem Mal alles ayip“, das heißt mehr als unhöflich, eher schandhaft, „es ziemte sich nicht, auf dem Sofa herumzuliegen, wenn du hereinkamst“. Zum anderen bewegt sie sich mit der zunehmenden Bildung vom Elternhaus fort, lernt Wörter auf Deutsch, für die sie keine türkische Entsprechung mehr hat: „Meine Sprache brach auseinander, in eine für drinnen und eine für draußen.“ Der Roman „Vater und ich“ handelt auch von einer Identitätsbestimmung. Die Erzählerin misst den Abstand zwischen der Gastarbeitergeneration zu sich selbst.

Das Buch hat es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Im vergangenen Jahr kam „Streulicht“ von Deniz Ohde sogar noch eine Runde weiter. Beide Romane haben einiges gemeinsam: Auch Ohde schickt eine Ich-Erzählerin zurück in die Gegend, in der sie aufgewachsen ist, lässt sie erleichtert registrieren, wie weit sie sich davon aus eigener Kraft entfernt hat. Der Sprung, den diese Frau hinter sich hat, ist größer, denn ihre aus der Türkei gekommenen Eltern führten in der Frankfurter Industriegegend ein Leben in einfachsten Verhältnissen, mit Dreck und Gewalt. Beide Erzählerinnen erinnern sich an Ausgrenzung und Hänselei in der Schule. Ohde erkundet das Umfeld, verknüpft die Fremdheitserfahrung eingewanderter Familie mit den Klassenunterschieden.

Wo man beerdigt werden will

Dilek Güngör verlässt mit ihrer Erzählerin kaum das Haus, ihre Beobachtungen bleiben auf einen engen Kreis beschränkt. Die Bildungslücke zum Vater versuchte die Tochter mit Lektüreempfehlungen zu überbrücken, diesen Ehrgeiz hat sie nicht mehr. Und doch taucht auch hier der soziale Hintergrund auf, Güngor verpackt ihn in ein Arbeitsprojekt ihrer Heldin, festgehalten auf Tonkassetten: Über Wochen hatte sie bei der Kreuzberger Arbeiterwohlfahrt Männer befragt, „in welchem Land sie einmal beerdigt werden wollen“. Die deutsche – Zugezogene oft nervende – Frage nach der Heimat lässt sich so auch übersetzen.

Vor zwei Jahren gewann Sasa Stanisic den Deutschen Buchpreis mit „Herkunft“. Der Titel könnte auch zu Dilek Güngörs Roman passen, so wie zu Ohdes „Streulicht“, Katerina Poldjans „Wir sind Löwen“ oder Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“. Es gibt eine wachsende Gruppe deutschsprachiger Erzählerinnen und Erzähler, die mit ihren literarischen Arbeiten stückweise die vielfältige Realität des Einwanderungslandes Deutschland zusammensetzen. Das ist schön, denn Literatur wird zwar individuell erlebt, kann beim Lesen zusammenbringen.

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