Differenzierungskunst

Gar nicht aggressiv und am liebsten bejahend: Martin Walser in seinen Aufsätzen

Von MARTIN KRUMBHOLZ

Die Gegenstände, auf die Martin Walser öffentlich reagiert, sind die Teilung Deutschlands und das von ihr produzierte Geschichtsgefühl, Literaturkritik, Frauenstimmen bei Richard Strauss und das Thema Untreue oder auch der Briefwechsel zwischen Borchardt und Rudolf Alexander Schröder. Doch immer lässt er sich hinreißen, hineinziehen in einen Sprachrausch, bei dem die Sprache selbst die Regie zu übernehmen scheint. Und diese Sprache operiert, bei aller Lust an der Präzision und der Zuspitzung, nie aggressiv. Allerdings auch beileibe nicht so sachlich, wie es der Begriff "Verwaltung" nahe legt. Eher wohl doch: leidenschaftlich, mit allen Anklängen, die dieses Wort enthält. Das "Nichts" des Titels spielt an auf den Wilhelm Meister-Satz: "So ist denn alles nichts."

Zumal dann, wenn es um ihn selbst als öffentliche Person geht, schreibt Martin Walser geradezu aus der Defensive heraus, aus der (vermeintlichen) Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen - wie es auch seine Romanfiguren tun und seine Lieblingsautoren (Kafka, Robert Walser). Keine Spur von Häme, von zur Schau gestellter Überlegenheit. Trifft er diese bei anderen an, reagiert er zwar verletzt, aber auch mit Verständnis, weil er die Mangelerfahrung als Ausgangspunkt aller Negationslust begreift - und jeder anderen sprachlichen Anstrengung auch. "Wir müssen anderen etwas aberkennen, weil uns zu wenig zuerkannt worden ist." Mit einem solchen Satz qualifiziert Walser sich nicht gerade als typischen Intellektuellen.

Walser sieht die Berechtigung der Kritik ein, sonst könnte er nicht "Wir" sagen. Die Tendenz, auf die eigene Mangelerfahrung zu reagieren, indem man anderen etwas abspricht, hält er für menschlich. Wie auch deren Gegenteil: die Liebe, die "nichts als Zustimmung" ist. Der "Gegenton", wie man ihn bei Hölderlin antrifft. Die defensive, nicht-aggressive Gestimmtheit der Walser-Sätze sorgt dafür, dass sie bei allem Scharfsinn nichts Triumphales an sich haben, wie etwa jener meistzitierte Adorno-Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Walser zitiert ihn auch, allerdings nicht zustimmend. Der Satz aus dem Jahr 1951, dessen Kontext gewöhnlich vernachlässigt werde - es handelt sich um eine Kritik schlechten Wohnstils -, sei aufgrund seiner heftigen negativen Gestik zu einer "Passepartout-Kritik" mutiert. Eine Apodiktik vom Schlage Richtig/Falsch oder Gut/Böse lässt Walser nicht gelten, da ist er ganz Hegelianer. Aber gerade die universelle Verwendbarkeit des Satzes und seine negierende Potenz mache ihn so brauchbar. "Wir brauchen die Negation." Wieder das "Wir". Walser meint aber auch feststellen zu können, dass der Satz gewöhnlich gegen andere angewandt werde. "Gibt es etwas Günstigeres für das Selbstbewußtsein als die Empörung über einen anderen?"

Die schwelende Wunde

Der Autor als gebranntes Kind, Stichwort Paulskirche - die schwelende Wunde. Schön allerdings, so listig fädelt Walser den Absprung ein von der Verneinung in die Bejahung, schön könne nur das Zustimmen sein, "das Rühmen und Lieben und Feiern." Der leidenschaftliche Leser Walser sucht dieses seltenere Talent bei Hölderlin und anderen Erzeugern des Gegentons. Er nennt es: "Nichtausruhen im Negativen." Man setze sich einmal am Tag hin und schreibe auf ein Blatt Papier: "Mit gelben Birnen hänget/ Und voll mit wilden Rosen/ Das Land in den See." Im Grunde kann man jemanden, der solche therapeutischen Vorschläge macht, nicht ernsthaft angreifen.

Wer Walser-Texte liest, kann erfahren, was persönliche Sprache ist. Walser unterscheidet sie vom Vokabular als einer "adressierten Sprache". Das ist eine Sprache, die zur Meinungsbildung dient und zum Rechthaben. Die Gesellschaft kommt ohne sie nicht aus. Der Essayist und Privatmann Walser auch nicht immer, das gibt er selbst zu. Aber Anleihen bei Vokabularen, wie seinerzeit beim marxistischen, haben ihn, sagt er, planmäßig zur Selbstentfremdung geführt. Deshalb also die Utopie: Zurück zur Sprache, zur Musik. "Meine Arbeit: Etwas so schön sagen, wie es nicht ist." Eine Literatur, die so tendiert, ähnelt nicht dem Gesinnungsaufsatz, sondern der Oper. Nicht dem Diskurs, sondern der Hymne. ("Diskursfürsten" nennt Walser mit milder Ironie seine Gegner in den Feuilletons.)

Am Nachruf auf Siegfried Unseld lässt sich das exemplarisch ablesen, einerseits in der eingestandenen Bereitschaft zur hemmungslosen Verklärung, andererseits in einer fruchtbaren Projektion: "Er mußte sich durch sein Lesen und Verlegen mehr Sinn verschaffen, als es gibt." Und noch etwas: "Alle Gesten, die er erlernen mußte, waren durch die Freude, mit der er sie exekutierte, davor bewahrt, förmlich zu werden." Schöner lässt es sich nicht sagen. Schöner und treffender und musikalischer. Etwas Ähnliches wie über seinen Freund Siegfried Unseld sagt Walser auch über den Bodensee. "Er ist eine unendliche Naturbegabung, denn alles, was er spielt, wirkt, als sei er das, was er jeweils spielt, ganz und gar." Dass Walser am Bodensee lebt, begreift er als Privileg, für das er sich schämen muss. "Es sprach viel zu viel dagegen, so schön wohnen zu dürfen."

Sätze wie diese sind ernsthafter gemeint, als sie klingen. Das macht aber vielleicht auch ihre Verführungskraft aus. Man spürt in ihnen die pure Gewissenhaftigkeit, die Skrupelhaftigkeit sich selbst und den Tatsachen des Lebens gegenüber, die das Gegenteil jener frivolen Provokationslust ist, die Walser so gern unterstellt wird. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass ausgerechnet der Sprachsensibilist und Differenzierungskünstler Martin Walser in der öffentlichen Wahrnehmung auf einzelne Schlagworte reduziert wird - etwa "Moralkeule" -, die dem Niveau seines öffentlich gemachten Selbstgesprächs in keiner Weise entsprechen. Wer diese 17 Aufsätze liest, wird feststellen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

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