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Dieter Henrich. Foto: privat
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Dieter Henrich.

Philosophie

Dieter Henrich: „Ins Denken ziehen“ – Von Kirchenliedern und dem Wagnis des Denkens

  • VonEberhard Geisler
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Zur „philosophischen Autobiographie“ des Marburgers Dieter Henrich.

Als Dieter Henrich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in seiner Heimatstadt Marburg zu studieren begann, lernte er bei einem Gastvortrag den Philosophen Hans-Georg Gadamer kennen, der ihn in seiner Persönlichkeit sehr beeindruckte. Ihn überzeugte nicht nur dessen freundliche, verständnisvolle Zugewandtheit, sondern auch dessen Devise, „keine Trennung der philosophischen Sachfragen von den Tiefendimensionen des Menschenlebens zu akzeptieren“. In den Gesprächen, die der mittlerweile 94-jährige Henrich mit Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow geführt und zu einem Rückblick auf sein beeindruckendes Leben und Schaffen hat werden lassen, wird deutlich, dass er diesen Impetus Gadamers, der von berührender Direktheit für ihn gewesen war, „sicher zielend in die Mitte des Lebens“, gern übernommen und zur Maxime seines eigenen Denkens gemacht hat.

Die Beschäftigung Henrichs mit der Philosophie des deutschen Idealismus – und während seiner Jahre in München, wo er am längsten gelebt hat, auch mit Dichtern wie Friedrich Hölderlin und Samuel Beckett –, will er selbst verstanden wissen innerhalb des Zusammenhangs seiner eigenen Lebensgeschichte. Traumatisch ist für ihn die äußerste Bedrohtheit seiner Existenz gewesen; gleich nach seiner Geburt litt das Kind unter einer Furunkulose, später unter einer chronischen Mittelohrentzündung, wegen der dem Zweijährigen der Schädel aufgemeißelt werden musste.

Existenzielle Ausgesetztheit

Zugleich erinnert er sich jedoch gern an die bergende Liebe, die er seitens seiner Eltern erfuhr, die stark vom Protestantismus geprägt waren. Als Philosoph wollte er sich darum fortan zur Aufgabe machen, mitten in der existenziellen Ausgesetztheit an die eigenen Erfahrungen anzuknüpfen und von ihnen aus ein Denken zu entwickeln, dass mitten in einer verunsicherten Welt einen gewissen Halt zu bieten vermöchte. „Der für einen Menschen beste Halt beruht auf Implikationen von Erfahrungen, die für ihn unhintergehbar geworden sind.“

Henrich kann auf überaus weitgespannte Interessen und Arbeitsfelder zurückblicken. Er lehrte an Universitäten der USA, rezipierte die analytische Philosophie, die im angelsächsischen Sprachraum maßgeblich gewesen war, arbeitete eine Weile im Team von Gustav Heinemann und machte sich vor allen Dingen Kants Forderung des „Sapere aude!“ zu eigen: Wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Das Buch

Dieter Henrich: Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie. C. H. Beck, München 2021. 282 S., 28 Euro.

Als er 1951 mit Studenten den Papst in Rom besuchte, erlebte er, wie alle niederknieten, als Pius XII. endlich den Raum betrat. Er schreibt: „Ich war der Einzige, der stehen blieb. Ich konnte es nicht über mich bringen. Da war eine Barriere, die mich hinderte, meine Knie zu beugen.“ Der unbedingte Wille zum aufrechten Gang sollte nun einmal nicht aufgegeben werden. Und im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit Hegel sollte er auch Kontakt zu den marxistischen Philosophen des damaligen Ostblocks suchen. Als er bei Gelegenheit eines Vortrags, den er in der DDR hielt, ein paar Worte auch auf Russisch sagte, taute bei den anwesenden sowjetischen Kollegen zumindest für einen Augenblick das Eis auf.

Das Unausgeschöpfte

Des Ganzen zu gedenken, das die alte Metaphysik konzeptuell zu erfassen beansprucht hatte, soll auch in der heutigen Zeit als Anspruch nicht aufgegeben werden. Anlässlich der Erinnerung an ein bekanntes Gute-Nacht-Lied für Kinder – „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ – formuliert Henrich: „Es muss doch einen Wissenden geben, dem das Unendliche nicht verschlossen ist.“ Wenn das Ganze aber nicht mehr gedacht werden kann, so kann es doch noch empfunden werden: „Wahrscheinlich haben die Kirchenlieder von Paul Gerhardt für den Protestantismus mehr bedeutet als alle Predigten und Dogmatiken zusammen.“

Sehr lesenswert sind auch Henrichs Äußerungen zu Martin Heidegger. Er zitiert Gadamer, der festgestellt hatte, dass es Heidegger an zwei Dingen gefehlt habe: an politischem Sachverstand und an gutem Geschmack. Henrich stimmt dem zu, weist aber ebenso darauf hin, dass Heidegger Gewaltiges, noch Unausgeschöpftes zu denken in der Lage gewesen ist.

Im Buch findet sich auch eine deutliche Kritik eines aus dem Ruder gelaufenen Dekonstruktivismus. Nach seinen religiösen Motivationen befragt äußert Henrich Verständnis für Menschen, die an der Endlichkeit allen Lebens verzweifeln und allmählich verstummen, macht aber deutlich, dass er von seiner Zunft etwas anderes erwartet: „Wenn aber die Philosophie nichts anderes vermag, als es ihnen im Verstummen gleichzutun, so gilt mir das als Symptom ihrer Schwäche und einer Entkernung ihrer Tradition und Aufgabe.“ Der Rezensent durfte sich lange Jahre der Freundschaft Werner Hamachers erfreuen und viel von ihm lernen, ist inzwischen aber auf Distanz zu seiner philologischen Praxis gegangen, die sich auf Jacques Derrida bezog, dabei aber dem Umstand nicht gerecht werden konnte, dass dessen Philosophie ihre Wurzeln tief in den Nährboden des Judentums gesenkt hatte.

Dieter Henrich sammelt Scherben der deutschen Geschichte auf und fügt sie zu einem Mosaik zusammen, das uns wieder freier atmen lässt. Wir stellen sein bedeutendes, von großer integrativer Kraft zeugendes Buch gern an die Seite der Erinnerungen, die der Germanist Albrecht Schöne im vergangenen Jahr anlässlich seines 95. Geburtstages veröffentlicht hat.

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