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Wer gehaltvoll mitreden will, sollte den Koran gelesen haben.

Islam Christentum

Diesseits der Kulturkämpfe

Wie steht es um den christlich-muslimischen Dialog? Mit „Unterstellungssyndromen“ kommt man nicht weiter, wohl aber mit aufschlussreicher Lektüre: Handbücher zu einem Themenbereich, in dem es von Unkenntnis nur so wimmelt.

Von Dirk Pilz

Der Islam gehört zu Deutschland, sagt die Kanzlerin. Der Islam gehört nicht zu Sachsen, sagt Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Zwei bemerkenswert inhaltsleere Sätze, weil sie nicht angeben, worauf sie sich überhaupt beziehen, ob sie ideengeschichtlich oder integrationspolitisch gemeint sind.

Historisch betrachtet gehört der Islam natürlich zu Deutschland. Es braucht allerdings ein Geschichtsgedächtnis, das nicht nur bis vorgestern reicht, um zu erkennen, dass das heutige Europa, Deutschland und das Christentum wesentlich durch die Konfrontation mit dem Islam geprägt wurde. Gerade das Christentum hat seine Begriffe und theologischen Selbstverständnisse durch die Begegnung mit dem Islam gewonnen – was umgekehrt auch gilt: Islam und Christentum sind seit Jahrtausenden eng aufeinander bezogen.

Der Islam ist demnach in Deutschland nicht erst wirksam, seitdem Muslime im Land leben und dieses mitgestalten. Dennoch kann es einem in einem erzgebirgischen Dorf so vorkommen, als sei er fremd und fern, einfach weil es keine konkreten Begegnungen mit Muslimen gibt; insofern gehört der Islam nicht zu Sachsen, unabhängig davon, ob er deshalb auch nicht dazugehören sollte.

Man muss, wie immer, wissen, wovon man redet. Und genau daran krankt die derzeitige Debatte über den Islam: Sehr viel wird über den Islam behauptet, viel von ihm gefordert und vieles beklagt, auffallend oft gerade von jenen, die durch Ahnungslosigkeit glänzen. Ja, man muss den Koran schon gelesen und wenigstens rudimentäre Geschichtskenntnisse haben, um irgend gehalt- und verantwortungsvoll mitreden zu können. Was den Islam ausmacht, ist keine Meinungsfrage.

Insofern trifft es sich gut, dass jetzt gleich drei hilfreiche Werke erschienen sind, die sich dem Verhältnis von Islam, Christentum und Politik widmen. Mit ihnen lässt sich auch die Mär widerlegen, „der Islam“ führe keine innertheologische Debatte. Das überaus reichhaltige „Handbuch Christentum und Islam in Deutschland“ spricht mit Blick auf diesen Dialog sehr zu Recht von „Unterstellungssyndromen“ – gerade dem Islam werden gern Wesenseigenschaften zugeschrieben, zumeist, um ihn in die Rolle eines Schülers zu drängen, der Nachholbedarf habe.

Die insgesamt 51 Aufsätze trennen klugerweise genau zwischen politischen und theologischen Frage und beleuchtet die Grundlagen eines Dialogs zwischen Islam und Christentum stets von beiden Seiten aus. Damit entsteht ein genaues Bild einer umfangreichen Debatte in sehr verschiedenen Feldern, vom Begriff der Offenbarung bis zum Rechtsverständnis. Die junge Berliner Theologin Anja Middelbeck-Varwick stellt in ihrem hervorragenden Aufsatz zu den theologischen Grundlagen des Dialogs aus christlicher Perspektive dabei zutreffend fast, die islamischen Glaubensverständnisse seien „zu einem wichtigen Lernort christlicher Dogmatik geworden“. Das gilt umgekehrt genauso – und ist der Anspruch, an dem sich der Dialog messen lassen muss.

Die entscheidende Frage hierfür stellt das „Handbuch christlich-islamischer Dialog“: Wie können sich widersprechende Wahrheiten im Alltag so gelebt werden, dass sie zur gemeinsamen Suche nach einem gelingenden Zusammenlegen beitragen? Entsprechend praxisnäher ist dieses Buch, stets aber darum bemüht, die Unterschiede zwischen den Religionen und Kulturen genauso präzise zu benennen wie die Gemeinsamkeiten. Vom christlichen und islamischen Jesusbild heißt es hier etwa, sie seien sich sehr ähnlich – und sie sind unvereinbar.

Diese Differenzhermeneutik prägt auch den Band „Christen und Muslime im Gespräch“. Eine Begegnung, die ihren Namen verdiene, so ist hier zu lesen, nehme ihren Ausgang beim Anderssein des Anderen und fördere so die Identitätsbildung beider. Die lexikonartigen, mitunter allerdings schematisch vereinfachenden Artikel dieses Buches suchen daher „nach Differenzen in Beziehung zum Gemeinsamen“.

Das wird es brauchen, weil der Islam auch künftig zu Deutschland gehören wird. Längst gibt es vielfach intensive Dialoge sowohl auf akademischer wie auf lokalpolitischer Ebene, oft ist die Gesprächskultur dabei viel gehaltvoller als unterstellt. Bleibt nur die Frage, warum dies in den öffentlichen Debatten so wenig wahrgenommen wird. Auch darauf antwortet das „Handbuch“: weil Religionen ambivalent sind. Und weil es zum Gespräch Offenheit auf beiden Seiten braucht.

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