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„Die Ehe ist eine mafiöse Institution, wie auch der an Besitzenden orientierte Staat“, heißt es in „Lyophilia“.

„Lyophilia“

Wer hat dieses Wort kommen sehen?

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Ann Cottens erfrischender, allerdings auch ziemlich zermürbender Band „Lyophilia“.

Es ist nicht leicht zusammenzufassen, was sich auf der Handlungsebene in Ann Cottens neuem Buch abspielt. Der Titel jedenfalls bezieht sich auf der einen Seite auf eine Lyophilia genannte Band der Protagonistin der Erzählung „Proteus“, auf der anderen Seite auf das sogenannte Zeitreiseerfahren der Lyophilisation, das in der Erzählung „Anekdoten vom Planeten Amore (KAFUN)“ eine große Rolle spielt.

„Lyophilia“ besteht aus zwölf Erzählungen und Gedichten unterschiedlicher Länge. Die umfangreichsten sind „Proteus“ und „Anekdoten vom Planeten Amore (KAFUN)“. Etwas, das sich am ehesten als traumartige Assoziation bezeichnen ließe, verbindet diese Erzählungen miteinander. Hier und da überschneiden sich gewisse Personenkreise, Gegenstände oder Orte. Auf jeden Fall geht es um Utopie, Zeitreise, Außerirdische, Drogen, Liebe, Politik, ja, worum eigentlich nicht?

Ann Cottens Sprache ist das Besondere auch an diesem Band. Sie changiert gekonnt zwischen wissenschaftlichem Sprech und anglizismengetränkter Alltagskonversation. Dabei erhält sich die Sprache durch äußerste Präzision und Unvorhersehbarkeit ihre Frische: „Und mein Schwanz kann sich zurückziehen in seine mysteriöse Eumelwelt wie die Psyche eines Kindes.“

Eumelwelt? Wer hat dieses Wort kommen sehen? Sie schöpft aus ihrem reichhaltigen Wortschatz und ständigen Zitaten in alle Richtungen der Populärkultur, um die sprachlichen Bilder stets so präzise wie möglich zu gestalten.

Diese Präzision ist ansteckend und wird das Bedürfnis nach sehr genauen Ausdrücken schärfen. Da bei vielen Figuren die einfachsten Dinge nicht klar sind (ob sie im Singular oder Plural existieren, welches Geschlecht sie haben, in welcher Zeit sie leben), hat Ann Cotten sich verschiedene Möglichkeiten ausgedacht, um diese Personen sprachlich zu berücksichtigen, eine Art futuristisches Gendern.

Ann Cotten: Lyophilia. Erzählungen. Suhrkamp, Berlin 2019. 463 Seiten, 24 Euro.

Es gibt auch Passagen, die ermüden. Da sind die unzähligen Pseudo-Philosophierereien, die stets im zweiten Absatz ironisch entwaffnet werden: „Die Ehe ist eine mafiöse Institution, wie auch der an Besitzenden orientierte Staat. Nur weil einer schon langeingesessen ist, hat er mehr Möglichkeiten, mehr Rechte. Das geht ja davon aus, dass die Dauer eine Qual ist, für die man belohnt werden soll. Diese Logik ist nicht die einzig denkbare. Ich meine, er hat genug von ihr gehabt, jetzt bin ich dran. Dürfte das nicht alle glücklicher machen?“ Nach einer Weile fragt man beim Lesen nach dem Warum dieser ständigen Hin- und Herbewegung, die man eher als spielerisch-explorativ denn als ernsthafte Überlegungen auffasst. Die Anordnung der Gedankenexperimente erinnert zwar an Borges und Lem (der auch namentlich erwähnt wird), verlaufen sich aber in ihrer Ausführung häufig in ein verkifft wirkendes Herumassoziieren. Im Spielerischen liegt zugleich die Qualität, der jedoch die artikulierte Textwirklichkeit zunehmend zu schaffen macht und die dadurch am Leser vorbeirauschen kann. Wie Spinnenfäden ohne Gegenlicht wird die Handlung vor der mikroskopischen Betrachtung der Wirklichkeit über Strecken hinweg unsichtbar. Netze verkleben sich mit anderen Netzen, werden unvorhersehbar, undurchschaubar.

Die mangelnde Struktur bei gleichzeitigem Umfang erschwert es außerordentlich, die Aufmerksamkeit gespannt zu halten, was für die mikroskopisch genauen Textteile allerdings notwendig wäre. Es passt der Satz: Man sieht den Wald vor lauter Blümchen nicht. Hier geht viel verloren, es gibt wenig Halt. Stellenweise muss der Leser ertrinken. Dennoch gibt es unzählige Momente, die aufgrund ihrer Plastizität und Lebhaftigkeit im Gedächtnis bleiben und für die sich die Lektüre allemal lohnt.

Zum Abschluss soll einmal folgende Beschreibung rechter Gesinnung zitiert werden: „Der Rechte hört, im Gegensatz zum idealistisch angetriebenen Paar, zu. Er sieht das Gespräch rein sportlich. Er benutzt es zum Training – linke Positionen nimmt er gar nicht ernst, er hätte Angst vor den anstrengenden Ideen, der Wunsch nach einer gerechten Welt scheint uferlos. Er bleibt bei erfüllbaren Erfolgsfantasien. Dass er dabei im Unrecht ist und das wegargumentieren will, ist die Grundlage seines ganzen Selbstgefühls und auch die Gemeinsamkeit mit den anderen Arschlöchern. Deswegen ist es ja wichtig zu trainieren, ohne Erfolg wären sie nichts. Seine Argumente sind vorbereitete, bewährte Werteverdrehungen. Vielleicht weiß er auch nicht genau, warum er so agiert. Er ist der Sklave seines Aufstiegswillens, und darin muss sich Selbstflucht mit einer Zärtlichkeit zu sich selbst mischen.“

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