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Dieses lästige Herzstolpern

Hans-Ulrich Treichels neuer Roman "Menschenflug" widmet sich der Midlifecrisis des deutschen Mannes

Von THOMAS LAUX

Das ist so ein durch und durch deutscher Roman. Niemals könnte ein derartiger Text in - sagen wir - Italien oder Spanien entstehen, denn dafür bräuchte man eine gehörige Menge Grau, im Leben wie beim Wetter, vor allem aber in der Sprache. Allein das Wort "Dachstubensehnsucht", das der Hauptfigur Stephan in den Mund gelegt wird und diese ganze seltsame Stammbaumrecherche, die da auf einmal bei ihm aufkommt mit seinen 52 Jahren - unvorstellbar, dass der damit verbundene Kontakt mit Staub und Dunkelheit, dieses Aufspürenwollen von Vergangenheit und eigenen Wurzeln, einen in Rimini oder Barcelona überkommen könnte. Nein, das ist abgrundtief deutsch. Ein anderes Wort der gleichen Kategorie, das hier auftaucht, lautet "Zwischenbilanzbedarf". Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

Stephan, ein akademischer Rat in gesicherter Position, ist der Mann, der von derart bürokratischen Gefühlen befallen wird. Dabei ist er mit einer sympathischen, einfühlsamen Psychoanalytikern liiert, die aber wohl auch nicht verhindern konnte, dass Stephan nun in einer dicken, so genannten Midlifecrisis steckt. Er spürt, dass er älter wird, insbesondere, dass er sich gefährlich jenem Alter nähert, in dem sein Vater mit nur 54 Jahren jäh verstarb. Wie ein Damoklesschwert schwebt dieser vorzeitige Tod des Vaters über Stephans Tun und Denken, wobei erschwerend hinzukommt, dass er selbst schon immer wieder diese Aussetzer hat, diese Herzstolperer, diese lästigen Tachycardien.

Ungemütliche Fragen

Zufällig bekommt er nun den handgeschriebenen Lebenslauf seines Vaters in die Hand, 40 Jahre nach dessen Tod, und damit gerät so einiges in Bewegung. Die Informationen aus dem Schriftstück werfen ungemütliche Fragen bezüglich seiner Eltern und deren Herkunft auf - sie waren Wolhyniendeutsche und mussten im Januar 1945 aus dem kleinen Ort Bryschtsche (in der heutigen Ukraine gelegen) fliehen. Dabei ließen sie ihr bis dahin einziges Kind, einen 16 Monate alten Jungen, zurück. Die Existenz dieses Kindes wurde von den Eltern lange Zeit verschwiegen, es hieß zunächst, der Junge sei bei der Flucht verhungert, erst spät in den fünfziger Jahren wurde nach diesem Kind überhaupt gesucht, da war es in Wirklichkeit aber schon längst als Findelkind zu unbekannten Adoptiveltern gelangt. Warum begann die elterliche Suche erst so spät? Lebte dieses Findelkind überhaupt? Und wenn, wie sollte man sich heute dazu verhalten? Es ist auffallend, wie zögerlich und ambivalent sich Stephans Suche nach diesem Bruder in Wahrheit gestaltet: Er will ihn ausfindig machen und zugleich eine Zusammenkuft auch irgendwie vermeiden. Diffus spürt er, dass mit einem Auffinden auch die eigene Biographie aufgemischt würde und sein Leben neu sortiert werden müsste.

Am Ende: Krückenwedeln

Die Recherchen und die dabei zustande kommenden Zufälle, Verwicklungen und Abweichungen bilden den Hauptstrang der Handlung, bei der man die zunehmende Zerrissenheit dieses Mannes recht gut nachvollziehen kann. Treichel lässt seine Hauptfigur zwischendurch allerdings eine ausführliche Reise nach Ägypten unternehmen, einen Trip, der retardierend auf den Plot wirkt und vom Wesentlichen ablenkt. Mit der Suche nach dem Bruder und/oder den eigenen Wurzeln hat diese weite Reise nämlich nichts zu tun. Allenfalls ließen sich hier ansatzweise weitere Indikatoren für die Krise dieses Mannes finden (sexuelle Lust bei gleichzeitiger Angst vor einem Seitensprung etwa), für die flattrig gewordenen Lebensmaximen eines Mannes im mittleren Alter, dem die Sicherheiten durch die Hand zu rieseln scheinen. Allerdings hätte es dafür nicht einer Reise zu den Königsgräbern bedurft, das hätte Stephan auch in Steglitz haben können.

Zudem ist die Geschichte mit dem Bruder, dem "Findelkind 2307", nicht neu. Vieles kennen wir aus Treichels international erfolgreicher Erzählung Der Verlorene, und es verwundert, dass hier eine bis in viele Einzelheiten identische oder zumindest sehr ähnliche Geschichte verhandelt wird. Eine wichtige Frage lautet in beiden Romanen: Was bedeutet die Existenz eines nahen Verwandten, der lange als tot angenommen wurde, für einen selbst, für das eigene Leben? Man kann das finanztechnisch als ein Abwägen von Zugewinn und Verlust betrachten. Gerade Stephans Schwestern Gerda und Waltraut haben da aber diesen unsentimentalen, realistischen Blick; sie verwahren sich gegen Stephans Überlegungen, wonach mit dem Auffinden eines nahen Verwandten auch das elterliche Erbe neu zur Disposition stünde.

Diese Aussicht vergällt den Frauen jegliche Neugierde auf familiären Zuwachs. Und da ist es wiederum bezeichnend, dass Stephan, der doch eigentlich auch aus familienkohärenten Motiven sich aufmachte, nach dem Bruder zu forschen, in dem Moment, da er ihn ausfindig macht und vor dessen Haus steht, sich die Argumentation seiner Schwestern zu eigen macht: "Dem Findelkind 2307 ging es gut. Der Mann hatte alles. Der brauchte keine zusätzliche Erbschaft." Dieser Mann mit Namen Hermann steht dort in der Tür seines Hauses und gibt mit Krücken fuchtelnd zu verstehen, dass er nicht behelligt werden will. Verzagt und kleinmütig, spiegelbildlich zu seiner ganzen kreatürlichen Gehemmtheit, zieht Stephan nunmehr von dannen, einfach so.

Die ganze Recherche mit ihren zahlreichen freiwilligen und unfreiwilligen Umwegen bricht damit kläglich in sich zusammen. Die einzige Erkenntnis ist sein Wille zum Schlussstrich. Aufhören, sagt er, soll dieser ganze "Vergangenheitsspuk". Dem ist auch von unserer Seite nichts hinzuzufügen. Hans-Ulrich Treichels Quasi-Wiederauflage des Verlorenen kann trotz einiger sehr gelungener Passagen nicht komplett überzeugen. Wer mehr über männliche Verstörtheiten, Zipperleins und Neurosen ab einem gewissen Alter wissen will, der schlage nach bei Italo Svevo oder Emmanuel Bove - oder, na klar, frage seinen Arzt oder Apotheker.

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