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Laura Freudenthaler.

Roman

Dieses Kratzen an der Wand

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Die Österreichin Laura Freudenthaler erzählt wortkarg, aber wirkungsvoll eine „Geistergeschichte“.

Dieser Roman ist karg, aber auch knusprig, woran man sehen kann, dass die Autorin Laura Freudenthaler in ihrem dritten Buch mehr riskiert, als es zunächst den Anschein hat. Eine kleine Geschichte, in der vielleicht nicht viel passiert. Sofern es einem nicht eklatant vorkommt, dass eine 50-jährige Frau – deutlich älter als die österreichische Schriftstellerin, Jahrgang 1984 – sich von ihrem Mann und ihrem Leben entfremdet hat. Aus Sicht der Frau ist es jedenfalls die titelgebende „Geistergeschichte“, die mit Beginn des Romans und ihres Sabbatjahres einsetzt. Beim Lesen hingegen werden mindestens drei Möglichkeiten angeboten.

Erstens: Die Französin Anne, Klavierlehrerin, verliert den Boden unter den Füßen und stellt sich im Zuge dessen vor, ihr vielbeschäftigter österreichischer Mann Thomas habe eine Affäre mit einer viel jüngeren Frau, die Anne nur „ein Mädchen“ und dann „das Mädchen“ nennt. Zweitens: Anne verliert zwar den Boden unter den Füßen, aber nicht zuletzt deshalb, weil Thomas in der Tat mit einer viel jüngeren Frau eine Affäre hat. Drittens: In Annes und Thomas’ Wohnung spukt es, ungeachtet der Frage, was in der sogenannten Wirklichkeit passiert. „In der Wohnung ist es still. Das Huschen und Wispern beginnt erst, wenn Anne Schuhe und Mantel ausgezogen hat. Das Mädchen weiß, dass Anne es nicht leiden kann, damit begrüßt zu werden, und deshalb bisweilen gleich wieder gegangen ist.“

Freudenthaler ist nicht nur wortkarg, was Erklärungen betrifft – erhoffen Sie nichts, keine Auflösung, keine Pointe –, sie erzählt auch karg. Anne, deren Perspektive sie in weiten Teilen einnimmt, um überraschenderweise zwischendurch zum Mädchen zu wechseln – „Ich nenne sie Frau ohne Namen, sagt das Mädchen zu seiner Freundin“, aber vielleicht stellt Anne sich das bloß vor –, ist irritierter, herausgeschleuderter, als ihr bewusst ist. Die Autorin baut Hinweise ein, zarte, aber von einer Klarheit, die dem Fortgang eine eindrucksvolle Plastizität gibt: von der Sehnsucht nach der fernen alten Mutter und Trauerfällen der Vergangenheit (so hat Anne offenbar ein Kind verloren) bis zur wirtschaftlichen Abhängigkeit von Thomas; vom Rückgang der Klavierschülerzahl als Zeichen eines hier nicht beklagten, aber auch nicht begrüßenswerten Kulturverfalls bis zur Fremdheit der Sprache, die diesmal nicht den Charme der doppelten Optionen bietet, sondern trennend wirkt. „Gespräche, die sie in der einen Sprache geführt hat, entfallen ihr oft in der anderen.“ Dass Thomas mit ihr Hochdeutsch sprechen muss und dass sie also nicht „seine persönlichste Sprache“ (den Dialekt) teilen, ist nicht tragisch, aber schön ist es auch nicht.

Freudenthaler überlässt es aber uns, festzustellen, in welchem Aufmaß Anne einsam und seltsam ist (eine frühere Affäre von Thomas hat sie damit beendet, dass sie aufgehört hat zu essen. Das Wort Hungerstreik erfasst ihre ziellose Rigorosität nicht). Anne hat eine Freundin, die verlässlich, sympathisch und eine gute Zuhörerin ist, aber bald kann man nicht mehr wirklich an ihre Existenz glauben. Anne wollte im „Freijahr“ ein Lehrbuch zur Klavierpädagogik schreiben. Stattdessen fängt sie an, immer größere Wanderungen durch die dabei immer fremder werdende Stadt zu unternehmen, im Kaffeehaus Espresso zu trinken und im Notizbuch sachfremde Dinge niederzuschreiben.

Thomas fragt zwischendurch, ob sie sich überlastet fühlt und ob sie eine Putzfrau engagieren sollen. Ist er ein gemeiner Mensch? Ist er so arglos (dumm), nicht zu merken, dass seine Frau die Übersicht über das Leben verliert? Erzählt Freudenthaler von ausschließlich inneren Turbulenzen?

Die Friktion, der Riss durch Wahrnehmung und Beziehung – unterschiedliche Ansichten über das Wetter und die Notwendigkeit, eine Mütze („Haube“) zu tragen – wird von der Autorin so hauchfein gefasst, dass die „Geistergeschichte“ immer wieder Gefahr läuft, harmlos und zu alltäglich zu wirken. Dann kratzt aber wieder das Mädchen fordernd an der Wand.

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