Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auf der Suche nach Rohdiamanten in einem Flussbett in Kongo.
+
Auf der Suche nach Rohdiamanten in einem Flussbett in Kongo.

Dieses Glück ist unvergänglich

Die Welt kosten sie nicht, aber manches Menschenleben: Greg Campbell über den Handel mit Diamanten

Von Matthias Penzel

Von allen bekannten natürlichen Substanzen sind Diamanten die härteste. Die bei 3600 Grad komprimierten Kohlenstoffatome sind so hart, dass sie sich nur mit ihresgleichen schneiden lassen. Ihr industrieller Nutzen ist äußerst limitiert, ein schön funkelnder Brillant eigentlich wertlos. Doch mit und für Diamanten wurden und werden Kriege geführt, Menschen verstümmelt. Diese Hermeneutik ist symptomatisch für die Welt der Diamanten. Das Geschäft, mitsamt Marketing, Vertrieb, Angebot und Preisregulierung kontrolliert seit 1888, fast in Monopolstellung, ein Konzern. De Beers Consolidated Mines Ltd. erschuf "die entsprechende Nachfrage aus dem Nichts".

Zu den superb gehüteten Geheimnissen der Branche mit den funkelnden Steinen gehörten bis vor kurzem die blutvollen Kämpfe im Dschungel von Sierra Leone, mehr noch der Umstand, dass Diamanten gar nicht so selten und exklusiv sind, wie alle Welt denkt. So wie an der Ware geschliffen und poliert wird, bis die Reinheit stimmt (also das Licht sich ideal bricht und in schönsten Farben reflektiert), so minuziös reguliert De Beers' Kartell die Produktion und Distribution; mit dem Nebeneffekt, dass De Beers in den Kellern seiner Londoner Diamond Trading Company "einen Diamantenvorrat im Wert von vier Milliarden Dollar" angehäuft hat, wie Greg Campbell in Tödliche Steine. Der globale Diamantenhandel und seine Folgen feststellt. Vier Milliarden Dollar entsprechen dem Achtfachen der geschätzten Jahreserlöse, die De Beers im Einzelhandel erzielt.

Traditionell, so versichern Juweliere der ersten Welt, lassen es sich Männer (und nur die) zwei Monatsgehälter kosten, ihre Angebetete mit einem Diamanten zu beglücken. Nach welchem Brauch eigentlich?, fragt Campbell und geht anderen Traditionen nach - der mit dem Diamantenhandel oft einhergehenden Waffenschieberei, der Geldwäsche, der Finanzierung von Kriegen und Terrororganisationen. Ausgehend von der Situation in der ehemals britischen Kolonie Sierra Leone offenbart er die vielen Aspekte der Industrie, deren Kristalle zwar mit 4 C prunken - Cut, Colour, Carat und Clarity.

Doch bis es in Bombay, Surat und Antwerpen zu dem letzten Schliff (Cut) kommt, fielen in Sierra Leone Äxte auf Handgelenke, starben 3,7 Millionen Menschen, flossen abseits der Förderungen im Dschungel Dollars von und zu Waffenschiebern. Keine Spur von Klarheit. In jeder Facette dieser Historie begegnen einem Schmuggler und Dokumentefälscher, Kuriere, Killer und Kriminelle mit liberianischen Diplomatenpässen, außerdem Drahtzieher von Al Qaeda. Nebendarsteller und -schauplätze: auf den Jungferninseln konzessionierte Gesellschaften, die Schleif- und Polierzentren in Indien und Belgien, die Diamond Trading Company, durch deren Londoner Niederlassung "65 Prozent der Weltproduktion an Rohdiamanten gehen und in der alle fünf Wochen Rohdiamanten im Wert von 500 Millionen Dollar" an handverlesene, so genannte Sightholders (darunter weitere Firmen De Beers') verkauft werden.

In Sierra Leone blieben die Klumpen und Brocken milchweißer Kohlenstoffkristalle lange zwischen Kieseln und Steinen liegen, wurden sie höchstens von Kindern aufgelesen. Ihre Förderung begann in den dreißiger Jahren - und damit "Sierra Leones Weg in die Selbstzerstörung". Als das Land 1961 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, hatten illegale Schürfer bereits ihre Claims abgesteckt, Schmuggler ihre Zwischenhändler und Pfade etabliert. Freetown - 1787 kreiert für die amerikanischen Sklaven, die für die britische Krone kämpften - wandelte sich vom Eldorado zur Endstation jeglicher Hoffnung. Geldgier und Gewalt ließen im Diamantenkrieg der Neunziger die Drogenkriege Kolumbiens aussehen wie Pfadfinderveranstaltungen. In Libyen ausgebildete Trupps und Rebellengruppen sowie die Armee mit wechselnden Alliierten töteten 75 000 Menschen, verstümmelten 20 000. "Achtzig Prozent der etwa 5 Millionen Einwohner wurden zu Flüchtlingen."

Auf der Düsseldorfer Kö und der Frankfurter Breubergstraße war das weder der Ware noch ihren Preisen anzumerken. Erst ein Report von Global Witness stellte im Dezember 1998 klar, dass "Konfliktdiamanten" im Busch für ein Zehntel dessen verkauft werden, den lizenzierte Exporteure zahlen. Das Embargo über Diamantenimporte aus Sierra Leone, im Juli 2000 verhängt, griff kaum. Auch Blutdiamanten sind unvergänglich, Echtheitszertifikate leicht zu fälschen (wie die Reporter Stefan Schaaf und Thomas Aders vor einem Jahr in ihrer ARD-Dokumentation Die blutige Spur der Diamanten zeigten).

"Ich mache das schon seit 1955", berichtet ein Unterhändler Campbell. Ähnlich etabliert ist die Korruption im Diamantenbewertungsausschuss der Zollstelle, sind andere Routen. "Gambia hat keine Diamantenminen und konnte dennoch zwischen 1996 und 1999 Diamanten im Wert von rund 100 Millionen Dollar nach Belgien exportieren"; der Export aus Liberia von 6 Millionen Karat jährlich lag zeitweise (1994 - 1999) über dem von Südafrika, entsprach dem 30- bzw. 60fachen des tatsächlich möglichen, der von der Elfenbeinküste dem 13fachen.

Wie in einem Thriller beginnt Greg Campbell mit einem besonders blutvollen Auftakt, bietet etwas Background und einige schauderhafte Details ("Wer einem amputierten Bettler Geld gibt, muss es ihm direkt in die Tasche stecken") und steuert auf Umwegen auf seinen eigentlichen Plot zu - die Finanzierung durch die Hisbollah. Aufgedeckt wurde die Al-Qaeda-Connection durch Douglas Farah, Korrespondent der Washington Post. Zusammen mit Matthew Hart liefert der denn auch die spannendsten Zitate.

Nüchterner und leichter nachvollziebar - als das dramaturgische Zickzack Campbells - ist der im April veröffentlichte Report von Global Witness For A Few Dollar$ More (Download kostenfrei unter www.globalwitness.org). Dort sind die Verstrickungen von Terrorismus mit Waffenschieberei und Geldwäscherei mithilfe des kleinsten und dazu noch legalen Schmuggelguts, den Diamanten, dokumentiert. Das Fazit ist deckungsgleich mit dem, was Anne Jung von medico international am 4. 11. 2002 in ihrem Beitrag für diese Zeitung äußerte: "Solange den Händlern, die weiterhin mit Konflikt-Diamanten Handel treiben, keine ernst zu nehmenden Strafen drohen, bleibt die Selbstregulierung ein zahnloser Tiger."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare