Wilhelm Genazino 2011 am FR-Stand auf der Buchmesse.

Wilhelm Genazino

Dieses Gewimmel, dieses herrliche Gewimmel

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Wilhelm Genazinos Monodram „Im Dickicht der Einzelheiten“ weckt jetzt als Hörspiel Sehnsüchte.

Im April wäre auch die Premiere des dritten Teils der Reihe „Stimmen einer Stadt“ am Schauspiel Frankfurt gewesen. Die drei Monodramen, diesmal von Martin Mosebach, Lars Brandt und Zsuzsa Bánk, sind auf der Internetseite des Hauses beharrlich und verordnungskonform noch für „vsl. Mai / Juni“ angekündigt. Was könnte es Schöneres geben, und so abwegig erscheint es nicht einmal. Eine Person auf der Bühne, der Publikumsraum in den Kammerspielen vorsichtig besetzt. Der Ansturm auf die wenigen Karten, die Euphorie der Glückspilze, die schnell genug waren, ein Ticket zu erhaschen: nicht auszudenken.

Lassen wir aber die Träume, kaufen wir uns das Buch mit bereits allen neun Texten (darunter nun also quasi drei Leseuraufführungen!), das in wenigen Tagen bei S. Fischer herauskommen soll. Und hören wir uns schon heute Abend oder dieser Tage Matthias Redlhammer in der gut halbstündigen Hörspielfassung von Wilhelm Genazinos Beitrag „Im Dickicht der Einzelheiten“ an. Schauspieldramaturgin Marion Tiedtke hat die Textfassung eingerichtet, und selbstredend ist dabei ein nicht mehr junger Mann in Frankfurt unterwegs.

Wer länger nicht in Sachsenhausen war, wird schon bei der Ansage „Schweizer Platz / Museumsufer“ melancholisch. Man spürt daran, wie all das an den Nerven zerrt. Auch ein Genazino-Flaneur neigt ja zu einer Spur von Gereiztheit, aber aus anderen Gründen. Nun jedoch ist das um den nicht mehr jungen Mann herrschende Gewimmel – Menschen und Tiere, Autos und Fahrräder – das bezaubernde Zeugnis eines gegenwärtig auf leise gestellten Alltags. Die eingespielten Geräusche wecken Sehnsüchte, kaum zu fassen.

Redlhammer spielt zwischendurch vehement Mundharmonika und Schlagzeug, Erinnerung an die Trommel, die er in Anselm Webers Inszenierung dabei hatte wie einst Oskar Matzerath. Dabei hat der Flaneur keine Eile. Redlhammer spricht als eine Art makelloser Genazino, leise, nachdenklich, aber nicht vergrübelt, sondern elegant. Die Funken der Selbstironie fliegen. Man kann sich vorstellen, wie vergnügt Wilhelm Genazino, der im Dezember 2018 starb, ein halbes Jahr nach der Theateruraufführung, bei einer öffentlichen Vorstellung des Hörspiels über die Idealisierung gelächelt hätte. Eine Idealisierung, die keine Mogelei ist, sondern echter als die Wirklichkeit.

„Im Dickicht der Einzelheiten“,  Sa.,, 23 Uhr, HR2-Kultur, anschließend auf hr2.de und in der ARD-Audiothek.

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