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Dieses Auto hat noch viel Saft

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Von: Hilal Sezgin

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Hoffnung für Methusalem: Frank Schirrmacher nagelt eine dürre These an die Tore der Altersheime

Der Unbeirrtheit, mit der Frank Schirrmacher den eigenen Gemütslagen frönt, haben wir bereits den vollständigen Abdruck einer Basensequenz menschlicher DNS zu verdanken sowie eine sich merkwürdig im Sande verlaufende Essay-Reihe zur Stellung der Frau im 21. Jahrhundert. Der neuen zündenden Idee reicht das Feuilleton der FAZ wohl zur Verkündung nicht mehr aus, daher hat Schirrmacher gleich ein Buch daraus gemacht. Ein Manifest! "Was Sie hier lesen, ist kein kulturkritisches Pamphlet. Es ist der Versuch, ein Selbstgespräch zu befeuern, das Sie zum Mitverschwörer gegen die Herrschaft einer wahrhaft tödlichen Ideologie macht."

Immer mehr Menschen, das hat der Autor Statistiken entnommen, werden immer älter; in wenigen Jahrzehnten wird es in den Industrienationen mehr Alte als Junge geben. Aber Alte sind nicht sehr beliebt, sie gelten als hässlich, untüchtig und verwirrt. All diese Vorurteile, mit denen sich die jetzt 30- bis 50-Jährigen noch sicher fühlen, werden sie ereilen, wenn sie selbst alt sind - und zwar für eine längere (Lebens-)Zeitspanne als jede Generation vor ihnen.

Diese Kultur der Verachtung verbündet sich mit der Biologie; diese nämlich interessiert sich nicht mehr für die alten Körper: "Altern heißt: Irgendeine Instanz im Körper hat entschieden, die wesentlichen Reparaturvorgänge einzustellen." Die Rede von der Reparatur verdankt sich Schirrmachers großer Begeisterung für die Autometapher: "Evolutionsbiologen erläutern diese Nachlässigkeit der Natur gerne mit dem Beispiel des Autos. Die Natur repariert uns nicht mehr." Nun tut die altersfeindliche Gesellschaft das ihre: "Sie jagt das alternde Auto auf der Autobahn, wenn es nicht freiwillig zur Seite geht, sie stört sich an seinen Geräuschen, sie hält es für eine Umweltbelastung und entzieht ihm am Ende aus Sicherheitsgründen die Zulassung..."

Drum seid auf der Hut, ihr Autos in mittleren Jahren! - Hiermit ist der Inhalt von 200 Seiten auch schon zusammengefasst. Nun, die Beobachtung, dass Menschen heute älter werden als früher, ist unstrittig; auch dass es eine Art "Altersrassismus" gibt. Doch Schirrmachers verschwörungsneurotisches Traktat dürfte kaum helfen, die Wunden der Diskriminierten zu heilen. Es vermeidet die Themen der eigenen Angst vor dem Alter, vor Krankheit, vor der "Apparatemedizin", vor dem Verlust geistiger Fähigkeiten und vor dem Tod - dass Menschen heute die Hundert überschreiten können, heißt schließlich nicht, dass sie unsterblich sind! Das Buch umgeht die Scham derer, die im Alter auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Lebens- und Wohnformen, Visionen und Alternativen fürs Alter räumt Schirrmacher keinen einzigen Absatz ein. Er thematisiert nicht das unterschiedliche Altern von Frauen und Männern, er deutet nicht die grobe Richtung eines Weges an, wie sich Attraktivität und Sexualität im Alter menschenfreundlich ändern könnten.

Armeen für die Zukunft

Der Autor findet offenbar nicht die Ruhe, oder nicht den Mut, sich in leiserem, nachdenklichem Ton diesen Fragen zu nähern. Stattdessen unterbricht er sein mit Feuereifer geführtes Selbstgespräch immer wieder mit dem rhetorischen Kniff, seinen staunenden Lesern die Faust des direkten Sie oder eines verschwörerischen Wir vor die Nase zu knallen. Dazu verwendet er noch häufiger als die Autometapher die des Krieges: "Am Horizont der Zukunft aber baut sich eine der erbittertsten Streitmächte gegen die Alten auf, die es je gegeben hat. Sie marschiert auf uns zu..." Ein bisschen verwirrend die umgekehrte Version: "Die Vorhut ist unterwegs. Wir aber sind die Armee, die ihr folgt." Oder: "...jetzt geht es um einen Krieg, den wir mit uns selbst führen, mit dem Menschen, der wir im Alter sein werden." Oder: "Wir sind wie Teilnehmer eines Expeditionskorps, das angegriffen und belagert und verfolgt wird, der Feind steht uns im Rücken und im Angesicht, und vor uns liegt unbekanntes graues Terrain." Eins jedenfalls ist klar: "Wir werden einberufen, ob wir wollen oder nicht."

Kein Krieg ohne Hinterhalt. "Unsere Mission ist es, alt zu werden. Wir haben keine andere. Es ist die Aufgabe unseres Lebens... Es wird viele geben, die Ihnen Fahnenflucht oder Desertion, zum Beispiel den Freitod, anbieten werden. Während Sie Sport treiben, sich gesund ernähren und Ihre Altersvorsorge in die eigene Hand nehmen, sind die Bücher und Aufsätze schon geschrieben, die begründen, warum es moralisch gerechtfertigt sein kann, Sie im Alter zu töten." Wenn das Buch so ins aufgeregt Flatternde kippt, wenn es sich von seiner emotional völlig unreflektierten Seite zeigt, kann es den Leser nicht anders als peinlich berühren.

Der Gerechtigkeit halber soll nicht verschwiegen werden, dass es in diesem Buch auch zwei pfiffige Stellen gibt. Die eine: "Wir werden nicht sein: ein Volk von Großvätern und Großmüttern. Wenn Sie an Schaukelstühle, Märchen und den Strickstrumpf denken, sind Sie in einem falschen Jahrhundert. Es wird zwar noch Großeltern geben, aber viel weniger Enkel." Treffend auch die Auflistung der Schuldgefühle, die "unsere" Generation mit beinah allen Lebensaktivitäten verbindet: "essen (Gift); zeugen (Überbevölkerung), waschen (Wasserverbrauch), heizen (Energie, Atomenergie), Autofahren (Co2-Ausstoß), fliegen (Treibhauseffekt), reisen (Kulturkolonialismus), kommunizieren (Elektrosmog)."

Der Rest ist allerdings erbärmlich undiszipliniert und ohne Rücksicht auf Phrasen und Wiederholungen geschrieben. Man fragt sich wirklich, warum niemand - ein Freund, ein Lektor, ein Kollege - den Autor, dessen Beruf es ist, gut zu schreiben, an die Grundregeln seiner Kunst erinnern konnte. Schirrmacher übrigens, Jahrgang 1959, ist noch keine 50 Jahre alt. Wenn es stimmt, dass Sturheit und Unbelehrbarkeit im Alter noch zunehmen, werden die wenigen späteren Enkel mit ihren vielen Omas und Opas ganz schön Probleme bekommen.

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